Archivierte Einträge für Citizen Journalism

Prozessjournalismus und Ägypten: Deutschsprachige Onlinemedien enttäuschen

Von Lorenz Matzat

Was Spiegel-Online und Welt-Online in ihren Live- oder Nachtichtentickern bringen, ist in der Ignoranz des Potentials von Onlinejournalismus mehr als befremdend. Es drückt sich aber auch schon in den Begrifflichkeiten aus: Das Wort Live-Blog wird vermieden. Beide Websites, nach Bild-Online die Meistgelesenen – setzen im Jahr 2011 kein einziges Link auf Quellen außerhalb ihres eigenen Angebots.

Soziale Medienkanäle, wie Twitter, YouTube oder Flickr werden gänzlich ignoriert. Nur klassische Nachrichtenagenturen und etablierte Sender wie die BBC gelten als verlässliche Quellen. Insofern spielt es für die deutschsprachige Onlineberichterstattung eigentlich überhaupt keine Rolle, dass in Ägypten das Internet durch die Regierung abgeschaltet wurde
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Am Anfang noch eine „One-Man-Show“

passau100

Der Informatiker Daniel Wildfeuer ist 28 Jahre alt und startet dieser Tage ein regionales und interaktives Onlineportal für den Landkreis Passau. Wie Passau 2011 „100% lokal“ (so lautet der vorläufige Projekttitel) werden soll, sagt er uns im E-Mail-Interview. Weiterlesen…

The Revolution will be televised streamed via mobile

Nach den Protesten gegen den G8-Gipfel 2007 und die iranische Präsidentschaftswahl 2009 und der Dokumentation von Polizeigewalt bei einer Demo in Berlin im September 2009 kam es mir vor, als sähen wir heute nächste logische Entwicklungsstufe: Es wird nicht mehr nur gebloggt, gewittert und nachträglich Videos hochgeladen: 2010 streamen Demonstranten live (oder quasi-live) – mit Mobil-Geräten direkt vom Geschehen, organisiert oder sogar aus einem von Robin-Wood-Mitarbeitern besetzten Baum im Stuttgarter Schlosspark. (O-Ton: “Ruhig, solange die keene Kletterbullen haben, passiert hier gar nichts.” – knapp 25.000 Mal angeguckt).

Streaming Robin Wood
Ich habe heute kein Fernsehen verfolgt, würde aber wetten, dass die Demonstranten damit nicht nur an den großen Medien vorbei an die Öffentlichkeit gehen, sondern vermutlich auch schneller waren.

Weitere Links
Christoph Ulmer: Die Pracht der Bilder

Unkontrollierter Twitter-Einfluss bei Focus Online

Interessant: Focus Online ergänzt seine Wahlberichterstattung durch ein Twitter-Widget, das automatisiert – und damit unkontrolliert – Twitter-Beiträge anderer Nutzer ausspielt. Verwendet wird es zum Beispiel in diesem Artikel. Abgefragt werden die Suchbegriffe “Bundestagswahl” OR #bundestagswahl OR #btw OR #wahl2009″.

Interessant deswegen, weil Bild.de mit einem solchen Freibrief für Twitter-Nutzer kürzlich angesichts des Amoklaufs in Ansbach auf die Nase gefallen war: Die Nutzer twitterten gegen Bild, wie es u. a. bei der Augsburger Allgemeinen heißt. Spiegel Online hatte beim jüngsten Relaunch zu Twitter-Kommentaren aufgerufen – aber eben nur zu einem bestimmten Anlass und mit einem selbst vorgegeben Twitter-Hashtag zur Erkennung. tagesschau.de hatte beim TV-Duell einen Twitter-Kasten auf der Seite – der aber nur eigene und re-tweetete Posts ausspielte.

“Wie Journalismus heute funktioniert. 17 Behauptungen.”


Internet | Foto: Fiete Stegers
Auch ohne oder trotz Sachkenntnis kannt man ja heutzutage Erklärungen in die Welt posaunen oder fromme Wünsche formulieren oder forsche Forderungen aufstellen. Wir haben versucht, Sachkenntnis einfließen zu lassen. Auch wenn wir uns an manchen Stellen nicht einigen konnten und andererorts auf abwägendes Einerseits-Andererseits zugunsten der Thesenhaftigkeit der große Linie mit dem griffigen Kürzel Internet-Manifest verzichtet wurde.

1. Das Internet ist anders.
Es schafft andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken. Die Medien müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen. Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln – das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein.

Formuliert und unterzeichnet haben diese und 16 weitere Behauptungen zum Journalismus im Internet-Zeitalter Johnny Haeusler, Thomas Knüwer, Stefan Niggemeier, Mario Sixtus u. a.

Update:
Da der Internet-Manifest-Server auch ohne Link von Heise oder SpOn schon ächzt, gibt es gesamte Manifest jetzt auch hier.


Update, 08.09.2009:
Internet-Manifest, ein Beitrag zur Diskussion

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Regionalportale: Carta ruft Sieg an der “Heimatfront” aus

Die Hypothese ist knackig, die Headline nicht nur krawallig, sondern ein ziemlicher Griff ins Klo: “Neues von der Heimatfront” ist ein Artikel von Wolfgang Michal überschrieben, in dem er postuliert: “Das nächste große Ding im Internet könnten regionale Online-Magazine sein, die von freien (und frei gesetzten) Lokal-Journalisten gemacht werden.”

Wirkliche Fakten zur Unterfütterung, warum gerade jetzt selbstgemachte Regionalportale auftrumpfen sollen, liefert Michal allerdings nicht. Sind die Eintrittshürden von Low- oder No-Budget-Websites heutzutage noch geringer als vor einigen Jahren? Mit Sicherheit. Ist die Unzufriedenheit des Publikums mit den traditionellen regionalen medialen Platzhirschen noch gewachsen? Vielleicht. Sind deshalb weniger inhaltlich-organisatorischer Aufwand und Ausdauer erforderlich, wenn man eine Plattform anbieten möchte, die nicht nur für ein Nischenpublikum interessant ist und nicht ausschließlich auf unentgeltliche Beiträge von Bürgerjournalisten setzt? Wohl kaum. Ist mit einem warmen Werberegen für jeden zu rechnen, der sein regionales Blog mehr als nur sporadisch aktualisiert? Im Moment keinesfalls.

Wir werden die Entwicklung aber weiter aufmerksam verfolgen und sind gespannt, ob Michal seine These noch untermauern kann.

Weitere Links
bei onlinejournalismus.de:

im übrigen Internet:

Iran im westlichen Web

“Wenn ich auf Twitter lese, CNN berichte von Schüssen auf Demonstranten in Teheran und berufe sich dabei auf Twitter, ist irgendwas kaputt”, wunderte sich Mario Sixtus. Wie geht die westliche Webwelt sonst mit dem Protesten in der Blogger-Nation Iran um? Einige kurze Eindrücke:

CNN verlinkt prominent auf Videos und Fotos seiner Nutzerplattform iReport, die auch schon “on CNN” im “richtigen” Programm zu sehen waren.

Der Guardian, die Huffington Post und die New York Times folgen den Ereignissen in ständig aktualisierten Newsblogs, die auf eigene und fremde Inhalte verweisen.

Screenshot BBCDie BBC bietet in ihrem umfangreichen Info-Paket auch von ihrer Abteilung “Have Your Say” angeforderte User-Kommentare und macht deutlich, wie sie der Diskussion im Web folgt (siehe Screenshot rechts):

Twitter: HYS on Twitter
We’re following #IranElection
And #Iranvote
Flickr: Iran feed


Nachtrag:

Carta folgert großspurig:

Während man also im Iran von unten her (Bürgerjournalismus!) alles daran setzt, die aktuelle Lage ungefiltert im eigenen Land und international bekannt zu machen, verlieren unsere Leitmedien buchstäblich den Anschluss, weil ihre überholten Publikationsrhythmen sowie das Festhalten an unnötig bürokratischen Arbeitsprozessen sie einfach nicht mehr mitkommen lässt.

Nüchterner ist die Analyse des “Lab” bei der Deutschen Welle, die von “Process Journalism” spricht.

Wer sich für iranische Quellen interessiert: Mashable erklärt “HOW TO: Track Iran Election with Twitter and Social Media”. Die New York Times berichtet über die relevanten Websites (via Netzpolitik), ebenso Spiegel Online.

Weitere Nachträge

Internetfernsehen und UGC

Nach “Das Verschwinden der Zeitung?” noch ein interessanter Basis-Reader der Friedrich-Ebert-Stiftung: “Internetfernsehen von TV-Sendern & User Generated Content”. Autoren sind Claudia Gerhards und Sven Pagel, die an der FH Düsseldorf lehren.

Einen Download-Link habe ich bisher noch nicht gefunden, aber an anderer Stelle gibt es ein Vortragsmanuskript der beiden zu ihrer Untersuchung (PDF).

Basislektüre: “Das Verschwinden der Zeitung?”

Die Medienwissenschaftler Stephan Weichert und Leif Kamp haben kürzlich für die Friedrich-Ebert-Stiftung einen Band über “Das Verschwinden der Zeitung?” verfasst. Ganz habe ich es noch nicht gelesen, aber die einleitenden Thesen und Handlungsempfehlungen fassen schön zusammen, was Grundwissen sein sollte, wenn man derzeit einen Artikel zum Thema verfasst oder ein Diskussionspodium erklimmt.

(Download als PDF, es gibt auch eine Printversion)

Was mir gefällt: Heute HAZ.de

Hannoversche Allgemeine

So, in einem Weblog darf es ja auch mal etwas subjektiver sein, mal schauen, ob “Was mir gefällt” sich in Zukunft auch mit Inhalten füllen lässt. Freilich soll das Ganze auch relativ kurz und wie gesagt auch mit etwas Bauchgefühl ausgestattet sein. Jetzt aber los: Ja, HAZ.de, der neu gestaltete (um das Wort Relaunch zu vermeiden) Online-Auftritt der “Hannoverschen Allgemeinen” gefällt mir gut. Weiterlesen…

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