Archivierte Einträge für Citizen Journalism

Brückeneinsturz in Breitwand und Farbe

Wie bei allen größeren Nachrichtenereignissen mit US-Relevanz lohnt sich der Blick über den großen Teich. Wie wurde die Nachricht dort aufbereitet?

CNN hat natürlich ein dickes Paket. Interessant: Die ersten Bilder kamen erneut von einem Bürgerjournalisten. Und der hat CNN.com gleich mit ordentlichen Fotos für eine ganze Galerie versorgt. Außerdem gibt es eine Info-Grafik zur Brücke mit Vorher-Nachher-Ansichten.

USA Today bietet u. a. eine Infografik, in der einzelne Detailfotos im Gesamtzusammenhang verortet sind.

Die New York Times hat eine Sammel-Newsstory. Diese verweist vor allem auf die zahlreichen weiteren Beiträge im eigenen Angebot – vom Podcast eines Times-Reporters über Kurzmeldungen bis hin zu Videos, aber es finden sich auch Hinweise auf offizielle Statements im Netz und User- und Blogger-Meinungen. Augenblickblich macht die Times statt mit einem normalen Foto mit einer 5-teiligen Bilderstecke auf, die die bauliche Struktur der Brücke erläutert, aber einen nicht wirklich vom Hocker haut. Auch eine weitere Infografik ist eigentlich nur eine banale Karte.

Nachtrag: Wired-Artikel zu “Internet-Reaktionen”.

BBC / User Generated Content / Überschwemmung

Nein, etwas wirklich Überraschendes hat BBC News online zu den Überschwemmungen in Teilen von Großbritannien derzeit nicht zu bieten. Aber die BBC kombiniert wieder einmal in bewährter Qualität ihre Stories mit Nutzerinhalten. Am Ende des derzeitigen Hauptartikels gibt es direkt eine Eingabemaske für “your stories”. Auch per SMS (“text us”) kann man sich melden. Im Artikel finden sich wie in weiteren regionalen Untertexten ([1], [2]) von Nutzern eingeschickte Bilder gleichberechtigt neben Agenturmaterial, nicht bloß verbannt in ein User-Content-Ghetto. Augenzeugenberichte (“Your stories”) werden hingegen gesammelt an einer Stelle präsentiert.

Viel zu versteckt ist die Seite “At a glance” als alternativer, eher grafisch/regional orientierter Einstieg in die weiteren Stücke. Hier sind auch Links zu Galerien mit weiteren Userfotos zu finden, diesmal geordnet nach Datum. Einen Zusammenschnitt von (Handy-)Videos von Nutzern gibt es auch, der allerdings wenig spektakulär ist.

Was ich persönlich im Hauptartikel zum ersten Mal bei der BBC sehe: In der rechten Spalten findet sich (neben zahlreichen Links zu weiteren BBC-Inhalten und öffentlichen Einrichtungen) auch eine Sammlung von Verweisen auf Artikel “from other news sites” wie Guardian oder Daily Mail.

Bürgermedien: Der Prophet spricht

Dan Gillmor hat für OhMyNews eine Zwischenbilanz gezogen. Die Readers Edition (oha!) hat den Text übersetzt:

Ertragreiche Modelle erhalten derzeit eine erste Gestalt. Und, und das ist am wichtigsten, es gibt eine wahre Flut an großartigen Ideen. Aber wir haben noch einen langen, langen Weg zu gehen. Wir brauchen viel mehr Experimentierfreudigkeit im Journalismus als auch in den einzelnen Informationsprojekten der Communities.

SpOn nun doch zwonulliger

Es hat etwas gedauert, doch bald geht auch Spiegel Online in Sachen Internet-Community in die Offensive: Im September startet der deutsche Nachrichtensite-Marktführer eine Online-Gemeinschaft zum Thema Zeitgeschichte. Die Spiegel-Gruppe bezeichnet das Projekt (Arbeitstitel: “Eines Tages”) als die “journalistische Antwort auf das Mitmach-Web”.

schreibt horizont.net. Neben Texten geht es bei “einestages” laut Spiegel Online-Pressemitteilung auch um Fotos und Videos.

Alles soll vor der Veröffentlichung von der Redaktion begutachtet und erst dann freigeschaltet werden. Zum dreiköpfigen Team gehört Solveig Grothe, zuvor bei der Readers Edition der Netzeitung.

So schnell kann es gehen. Im Januar hatte sich Spiegel-Online-Chef Mathias Müller von Blumencron gegenüber onlinejournalismus.de noch etwas zurückhaltender geäußert, von konkreten Projekten war damals nicht die Rede:

Wir sehen die Zukunft für uns in der Zusammenarbeit zwischen Nutzern und Redaktion. Es wird keine Spiegel-Online-Readers-Edition geben. Aber der Leser erwartet, dass er seine Meinung einbringen kann und auf der Seite Akzente setzen kann.

Ein Jahr “Bild”-Leserreporter – nicht alle schreien Hurra

Als “einzigartige Erfolgsgeschichte”, feierte “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann gestern das einjährige Jubiläum seiner Leserreporter. Die Kritik von Journalisten, etwa an der Dotierung der Leserreporter, weist Diekmann ab: “Sie bereichern uns und sie bereichern die Zeitung – ohne den professionellen Journalisten und Fotografen die Arbeit wegzunehmen.” Für bundesweit veröffentlichte Bilder zahlt die Zeitung bis zu 500 Euro und bis zu 100 Euro für Veröffentlichungen in den Regionalausgaben.

Bisher wurden laut einer Pressemitteilung 3894 Leserreporter-Fotos gedruckt. Im Jahres-Durchschnitt erreichten die Redaktion täglich 400, an Spitzentagen bis zu 2500 Bilder. Eine speziell für die Leserreporter aufgebaute Redaktion recherchiert die Herkunft und die Inhalte der Fotos.

Dass indes die Springer-Rechtsabteilung über “sehr viel neue Problemfälle” durch die Leserreporter stöhnt, wie uns ein Springer-Mitarbeiter, der seinen Namen nicht genannt haben will, mitteilte, wollte Pressesprecher Tobias Fröhlich nicht bestätigen: “In Sachen Leserreporter gibt es nur sehr vereinzelt rechtliche Auseinandersetzungen, da wir die Fotos, die wir veröffentlichen sehr genau vorab prüfen.”

“The creepy side of YouTube meetings”

YouTube-Enthusiasten trafen sich im echten Leben:

Perhaps the creepiest aspect of the meetup was the meeting of both young women — theHill88, Brookers, more — and older, graying, maladriot men. […] YouTube may be a fascinating world online, but offline it skeeves me out.

(NewTeeVee)

CNN/YouTube: Frag den Kandidat

Im Vorfeld der amerikanischen Präsidentschaftswahlen bietet CNN in Zusammenarbeit mit YouTube ein Format an, bei dem Bürger ihre Fragen per Video an die Kandidatur-Bewerber der beiden großen Parteien stellen können. Es soll jeweils eine TV-Sendung geben, in denen die Präsidentschaftsbewerber von Republikanern und Kandidaten mit redaktionell ausgewählten Videos mit Bürgerfragen konfrontiert werden. Die Fragesteller dürfen im Publikum sitzen.

YouTube fordert die User dazu auf, die Debatte anschließend in seinem “politischen Vlog” Citizen Tube fortzusetzen.


P.S.: Ja, das ist YouTube-Logo im eingebundenen Video oben. Videos von anderen Seiten einbauen – das ist praktisch für den Nutzer, liefert möglicherweise auch Gratis-Videocontent. Gleichzeitig hat Roman Mischel aber schon vor einiger Zeit auf einige damit verbundenen Fragen aufmerksam gemacht, über die man sich meist erst in zweiter Linie Gedanken macht: Berichten wir jetzt über dieses Video oder machen wir uns es zu eigen? Wie sieht es aus bei möglichen Rechteverletzungen Dritter? Was ist, wenn sich der Inhalt des eingebundenen Videos plötzlich ändert oder dort Werbung auftaucht, die einem missfällt? Beim Einbinden ist das schon eine Nummer härter. Deswegen sind wir hier auch in der Redaktion nicht immer einer Meinung, wie wir damit verfahren sollen. Sicher ist: Als Video-Sammelstelle oder Abspielstation für Fremdanbieter sehen wir onlinejournalismus.de nicht.

Readers Edition lockt mit Presseausweisen

Vor einigen Tagen beim Medienforum NRW nannte Readers Edition-Redakteurin Marie Naumann Zahlen zur Nutzerbeteiligung bei dem Bürgerjournalismus-Projekt: Rund 400 Autoren seien registriert, davon schreiben nur 30 regelmäßig. Im Sommer letzten Jahres hatte die Readers Edition noch um die Mitarbeit von 20 Millionen Redakteuren geworben.

Jetzt versucht die Readers Edition mit der Ausgabe des Jugend-Presseausweises der Jugendpresse e.V. zumindest jüngeren Autoren (bis 27 Jahre) das kostenlose Arbeiten für das Bürgerjournalismus-Projekt schmackhafter zu machen. Denn mit so einem Ausweis gibt’s ja einige Privilegien:

“Leichtere Akkreditierung für Konzerte, Messe und andere Veranstaltungen, denn der Ausweis wird zum Beispiel bei der Deutschen Messe AG, der CinemaxX AG und der Deutsche Bahn AG. akzeptiert – Vorzüge also, die wirklich hilfreich bei einer guten Recherche für Eure Beiträge bei der Readers Edition sind.”

Ob’s hilft?

Derweil greift Readers Edition-Chef Michael Maier nach zweimonatiger Sendepause auch mal wieder zur Tastatur und bügelt “Stern”-Vize Hans-Ulrich Jörges für dessen kürzlich erfolgte “Fäkal-Attacke” ab, unter anderem schreibt er:

“Bürgerjournalismus ist ein sehr neues Phänomen. Da kann auch schon mal ein altgedienter Journalist kräftig danebenhauen. Aber schön wäre es schon, wenn er sich vorher mal kurz mit dem Thema beschäftigen würde.”

Scheint’s vor lauter Ärger über Jörges lässt Maier sogar dessen zweiten Vornamen, Hans, weg.

Nachtrag 04.07.07
Hans-Ulrich Jörges wird jetzt fast korrekt erwähnt, es fehlt nur ein Bindestrich zwischen Hans und Jörg … (Erfüllt das jetzt schon den Tatbestand der Korinthenkackerei?)

“Hausfrauen vor verstaubten Gummibäumen, die sich ausziehen”

Aber hallo, was ist denn das für eine Überschrift. Wer redet denn über solches Zeugs. Habe ich gerade gelesen, beim seriösen Medienmagazin “DWDL” und die haben das heute beim Medienforum NRW in Köln gehört:

“Auch User Generated Content sieht Monika Piel [WDR-Intendantin, T.M.] eher kritisch. Er passe nicht in das Programmprofil des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks. Wenn sie entsprechende Portale anschaue, dann sehe sie vor allem “Hausfrauen vor verstaubten Gummibäumen, die sich ausziehen” [vermutlich meinte sie Hausfrauen, die sich vor verstaubten Gummibäumen ausziehen, aber so beckmesserisch möchte ich da mal nicht sein, T.M.] und ähnliches, so Monika Piel. Zudem sei die Seriösität der Informationen im Web oft nicht nachvollziehbar.”

Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich auch mal äußern, wie sich zuweilen das verbliebene Publikum oder andere Kollegen das Treiben in den Öffentlich-Rechtlichen Anstalten vorstellen. Die größten Elche sind selber welche: Ich hoffe, ich falle am Mittwoch beim Medienforum NRW im Panel Citizen Journalists – Demokratisierung oder Qualitätsrisiko? nicht durch ähnliche Aussagen auf.

Qualitätsjournalismus und das schlimme Internet, Folge 265

Bei vier Veranstaltungen wurde dieser Tage wieder über das oben genannte Thema debattiert, hier einige Hinweise: “Evangelischer Kirchentag: Blogger sind bäh” (CIO Weblog), “Wichsvorlagen und die Zukunft des Qualitätsjournalismus” (Hauptstadtblog über eine Podiumsdiskussion zum Thema “Bürgerjournalismus – Was bringt’s den Tageszeitungen?” des Vereins Berliner Journalisten), “Guter Journalismus kostet auch im Online-Zeitalter viel Geld” (Pressemitteilung von News Aktuell zu einer Mediacoffee-Diskussionsrunde zum Thema Podiumsdiskussion zum Thema “Von der Edelfeder zum Contentlieferanten? – Printmedien im Wandel”) und “Verleger zur Zeitungszukunft: “Goodbye Gutenberg” ist ein Mythos” (DPA-Artikel im “Tagesspiegel” zum Weltzeitungskongress).

Nachtrag 09.06.07
Blogger Felix Schwenzel hat die Diskussionsrunde zum Bürgerjournalismus auch besucht und ein paar nicht unkluge Gedanken dazu aufgeschrieben: “Schwitzen mit Journalisten”.

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