Alle Beiträge der Kategorie 'Debatte'

Fotostrecken von der Hinrichtung

Von Fiete Stegers am 18. Juni 2010

Im US-Bundestaat Utah ist ein als Mörder verurteilter Mann von einem Erschießungskommando hingerichtet worden. Auf unser aller Vorbild-Website news.bbc.co.uk ist die Geschichte der Aufmacher, der erste Subteaser verheißt: “In Pictures: Utah Execution”. Dahinter erwartete ich instinktiv eine minutiöse Dokumentation der Erschießung - Bild für Bild.

news.bbc.co.uk (Screenshot)

So sieht es dann doch nicht aus. Nur vier Bilder Nach anfangs nur vier Bildern sieben Motive, die vornehmlich den Hingerichteten, eine Hinrichtungszelle und Angehörige der Opfer zeigen - nicht die Hinrichtung selbst, wie es der Teaser vermuten ließ. Eines der Bilder, das die widersprüchlichen Emotionen der Angehörigen zeigt, ist starker Fotojournalismus.

Oder ist hier durch Aufmachung und Umfang insgesamt schon eine Grenze überschritten? Eine Frage, die sich beim Umgang mit Fotos, die Gewalt, Leid und Opfer zeigen, immer wieder stellt und die wahrscheinlich jedes Mal neu beantwortet werden muss. Denken wir an Fotostrecken, die das Ausmaß einer Naturkatastrophe verdeutlichen oder an die Diskussion um ethische Zurückhaltung versus Beschönigung bei Kriegsbildern.

Oder an die Frage, ob eine 17-teilige Bildergalerie über einen schweren Verkehrsunfall sein muss, auch wenn sie hauptsächlich Aufnahmen von Rettungsfahrzeugen zeigt. Im Blog der Journalistin Ulrike Langer melden sich dazu u. a. Diskutanten zu Wort, die den dokumentarischen Anspruch des Fotojournalismus hervorheben und süffisant auf hochgelobte Fotoblogs wie The Big Picture verweisen. Und ob die Online-Redakteure der Mitteldeutschen Zeitung froh darüber sind, dass ihnen hier Design als Standard-Funktion bei sämtlichen Bildern - also auch Unglücksfotos - anbietet, diese als E-Card zu versenden.

Weitere Links
… bei onlinejournalismus.de

… im sonstigen Internet

“Zeitung online” besser per Twitter verfolgen

Von Thomas Mrazek am 8. Juni 2010

Heute begann in Düsseldorf die Tagung “Zeitung Online”. Bei der vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) und World Association of Newspapers and News Publishers (WAN-IFRA) veranstalteten Multimediakonferenz werden “die neusten Online-Trends, E-Publishing-Lösungen und innovativen Vertriebskonzepte für mobile Endgeräte diskutiert”. RP Online bietet eigens dazu ein Dossier “Special zum Kongress “Zeitung online 2010″ in Düsseldorf” an, das neben Eigen-PR auch Informatives - zumindest für den nicht aus der Medienbranche stammenden Leser - bietet.

Erhofft hatte ich mir eine Live-Berichterstattung, doch der RP Online-Bericht “Zeitung Online ist eröffnet” lässt einen leider regelrecht gruseln - Bratwurstjournalismus vom Feinsten, garniert mit unzähligen Fehlern; als Kostprobe der inzwischen korrigierte Teaser:

Der Fachkonferenz”Zeitung Online” hat begonnen. Die Resonanz ist groß. Im Tagungsraum sitzen rund 300 Experten, Chefredakteure, Marketingstrategen dicht gedrängt. Richard Rebmann, Vize-Präsident des Bundes deutscher Zeitungsverleger begrüßte die Gäste im Saal.

Da ist man mit den Häppchen-Informationen via Twitter zumindest im Groben besser informiert - Hashtag #zo10.

Zu Recht nominiert oder am User vorbei?

Von Fiete Stegers am 14. Mai 2010

Auf der diese Woche veröffentlichten Liste der Nominierten für den Grimme Online Award 2010 steht auch ein Special des HR zur Boticelli-Ausstellung in Frankfurt. Die Nutzer können hier einige Boticelli-Bilder erkunden und bekommen von Fachleuten der Ausstellung - die vor einer Bluescreen aufgenommen wurden und als Video zu sehen sind - beispielhaft einige Aspekte der Gemälde erläutert (mehr im Making-of).

Ich finde das Special bemerkenswert und habe es in den letzten Monaten mehrfach als Beispiel in Seminaren gezeigt, wo es bei den Teilnehmern meist sehr gut ankam. Aber vielleicht gibt es auch andere Meinungen: Überproduziert? Zu statisch? Statt multimedialem Schnickschnack lieber mehr Informationen im Text? Wie sehen Sie es?

HR-Special zu Boticelli (Screenshot)

[Ich bin ARD-Mitarbeiter.]

Verlage sägen am eigenen Ast

Von Redaktion am 3. Mai 2010

Unser Kollege Matthias Spielkamp beschreibt bei Kress.de einen drohenden “Brain Drain” in den Verlagen - als Folge der miserablen Bezahlung vieler freier Journalisten. Eine der vielen starken Passagen des Vortragsmanuskripts:

… alle Medien, auch die selbst ernannten Qualitätsmedien, von “FAZ” über “Süddeutsche Zeitung” bis hin zu den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, lassen sich ihre Zeitungen und Sendungen verdeckt von den PR-Abteilungen von Daimler und Siemens subventionieren. Wie ich darauf komme?

Bei knapp der Hälfte der freiberuflichen Journalisten reichen die Einnahmen aus journalistischer Arbeit nicht aus, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Wo kommt das Geld also her? Zu einem großen Teil aus PR-Aufträgen. Ohne sie könnten viele es sich überhaupt nicht mehr leisten, journalistisch zu arbeiten.

Matthias Spielkamp argumentiert, dass motivierte und engagierte Kollegen im Netz ein besseres Umfeld zum Betreiben von Journalismus finden und deshalb zunehmend der Verlagslandschaft den Rücken kehren. Als Beispiele hierfür nannte er Projekte wie Spot.us, ProPublica und Perlentaucher.

Eine offene Bibliographie für die Internet-Enquete – bitte ergänzen!

Von Matthias Spielkamp am 8. April 2010

Die Bibliothek des Deutschen Bundestags hat für die Mitglieder der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft eine 137-seitige Bibliographie zusammengestellt, die iRights.info erstmals veröffentlicht - zusammen mit dem Aufruf, sie zu ergänzen.

Audio-Slideshow vs. Video: Nie mehr als Nische?

Von Fiete Stegers am 10. Januar 2010

Soundslides-Logo [Montage]
Matthias Eberl hat kürzlich den Deutschen Reporter-Preis für eine Audio-Slideshow gewonnen und dabei einige Aufmerksamkeit auf diese onlinespezifiische Darstellungsform gelenkt, für die er sich seit Jahren einsetzt.

Fabian Mohr hat sich nun Gedanken zum Thema Audio-Slideshow vs. Video gemacht und kommt zu dem Schluss: Audio-Slideshows “stagnieren kreativ”. Sie werden nie aus der Nische herausfinden, waren vielleicht nur ein Übergangsphänomen multimedialen Erzählens. Mit HD und videofähigen DSLR-Kameras geraten reine Audio-Slideshows ins Hintertreffen, meint der Zeit Online-Entwicklungsredakteur, der beide Darstellungsformen kennt und beherrscht. Er führt einige treffende Argumente ins Spiel, unter anderem:

  • den Arbeitsaufwand für eine ausgefeilte Slideshow
  • die Tatsache, dass schon ein schlechtes Bild in einer Slideshow enorm stören kann - während eine Video-Sequenz weniger störend auffällt
  • die Hürden, die es selbst beim Erstellen mit dem Wunderwerkzeug Soundslides innerhalb einer Online-Redaktion gibt (FTP-Upload-Rechte? Einbinden externer Flash-Objekte?)
  • die auf Video ausgelegte Infratstruktur von Online-Redaktionen und externen Hosting-Plattformen

Wer als Multimedia-Reporter arbeiten will, solle sich auf Video konzentrieren, rät Fabian Mohr deshalb. Richtig? Ich finde viele Argumente sehr nachvollziehbar, vermisse ähnlich scharfe Überlegungen für den Einsatz von Video. Dort hat sich ja einerseits immer wieder gepredigte Einsatz von schnell gedrehten Sequenzen, die in textegetriebene Beiträge eingebunden werden, bisher - ähnlich wie die Slideshows - noch nicht durchgesetzt. Und qualitativ hochwertige gedrehte und geschnittene Video-Beiträge sind andererseits in der Gesamtproduktion immer noch ein wenig komplexer zu erstellen als vergleichbare Audio-Slideshows.

In nächster Zeit werden sich die Produktionsvoraussetzungen dank Flip-Kameras in Lokalredaktionen und videofähigen DSLR weiter verändern. Aber die potenziellen technischen Möglichkeiten bedeuten ja nicht zwangsläufig, dass diese auch extensiv genutzt werden: Kurze Video-Schnipsel, aufwändige Audio-Slideshows und noch aufwändigere Kombinationen aus Video, Audio und Stills könnten auch weiterhin die Ausnahme bleiben, während eingleisige Formate - stumpfer Text, bloßes Video oder stumpfe Bilderstrecke - weiter dominieren.

(Matthias Eberl und Fabian Mohr sind/waren Autoren von onlinejournalismus.de).

Weitere Links
… bei onlinejournalismus.de:

Stimmen zu Fabian Mohrs Blog-Post:

  • Marco Maas: “[Fabian Mohr] hat wohl leider recht.”
  • Oliver Bechmann: “… fasst gut zusammen, warum ich mich von Soundslides & Audio-Slideshows ab- und den Video-Audio-Slide-Kombis zugewandt habe. […] Ich glaube allerdings nicht an das vollständige Aus der Audioslideshows.”
  • Steffen Leidel (Deutsche Welle) “Im Prinzip stehen wir am Ende der Ära von reinen Audioslideshows und am Anfang einer neuen Zeit im Multimedia-Storytelling, in der es um die Frage geht, wie man Foto, Ton und Film am besten zusammenführt.”
  • Markus Hündgen (DerWesten): “Auch wir haben damit experimentiert. Und nach einigen Versuchen das Stilmittel zu den Akten und Soundslides in den Papierkorb geschoben. Ausschlaggebend war nicht das User-Feedback - dieses war durchgehend positiv - sondern schlicht ökonomisches Kalkül.”
  • Dirk Kirchberg (HAZ): “Guter Journalismus, egal welche Gattung, war schon immer eine Nische (…). Daher darf es nicht um Technik oder Vermarktung gehen.”
  • Fabian Schweyher: Das Missverständnis liegt in der Annahme, dass Audio Slideshows eine gleichwertige Alternative zu Videos darstellen. Denn Ton-Bild-Strecken bieten sich nur für ganz bestimmte journalistische Darstellungsformen an.

Heikle Twitter-Debatte um die “Rhein-Zeitung”

Von Thomas Mrazek am 27. Oktober 2009

rz-twitter

Bei der Koblenzer “Rhein-Zeitung” scheint der Haussegen schief zu hängen. Scheint, denn die Quelle, die einige Ungereimheiten bei der Regionalzeitung anprangert, bedient sich eines anonymen Twitteraccounts.

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Internet-Manifest, ein Diskussionsbeitrag

Von Fiete Stegers am 8. September 2009

Ich wundere ich mich ein bisschen über einige Kommentare zu unserem Internet-Manifest (etwa hier und hier): Haben wir uns missverständlich ausgedrückt oder will man uns missverstehen? Die Überschrift sagt eigentlich eindeutig, dass es hier um Journalismus und dessen Verhältnis zum Internet geht. Nicht um interpersonale Kommunikation, nicht um E-Commerce und nicht um all die anderen Teilbereiche des Netzes - da gibt und gab es andere.

Nirgendwo steht, dass unsere Thesen in Stein gemeißelt sind, geschweige denn wird der von einigen hitzköpfigen Gemütern hereininterpretierte Alleinvertretungsanspruch für “das Internet” (eine absurde Vorstellung) formuliert.

Im Gegenteil: Wir freuen uns über Kommentare, Diskussion und Verbesserungsvorschläge, wie nicht zuletzt die Creative-Commons-Lizenz zeigt.

Der oder die eine oder andere Netznutzer wird auch sagen: “Klar, kann ich so unterschreiben. Im Grunde selbstverständlich. Traurig, aber da draußen gibt es viele, die es noch nicht kapiert haben.” Genau darum geht es.
Tagcloud (Quelle: smartondemand.de)Tagcloud gefunden bei smartondemand.de

Sehr gelungen finde ich übrigens Maiks Söhlers Kommentar in der Netzeitung, auch wenn er sich stellvertretend fragt:

Hat da einer was gesagt? Im Feuilleton der «FAZ», der «Süddeutschen», des «Spiegel» stand doch gar kein Manifest? Kein Mitarbeiter kann die Aufzeichnung des dreiminütigen Interviews mit Sascha Lobo in den Tagesthemen vom Montagabend vorlegen, niemand hat die Statements von Markus Beckedahl in der Sondersendung von Deutschlandradio Kultur mitgeschnitten. Und auch am Donnerstag in der «Zeit» findet der Offline-Verantwortliche vermutlich nichts, was seine bisherige Einschätzung der Medienkrise erschüttern könnte. Es gibt da nur diesen komischen Link, den einige jüngere Mitarbeiter gerade so oft herumschicken.

Wäre das Manifest als FAZ-Leitartikel erschienen, wäre das auch ziemlich scheel gewesen. Und dass es nicht in ein Print-Feuilleton schafft, ist noch nicht gesagt.

Immerhin gibt es schon eine englische, rumänische, finnische und spanische Übersetzung (eine niederländische Kurzfassung habe ich auch noch irgendwo gesehen).

Update, 11.09.2009: Neben weiteren Sprachversionen gibt es auch einen Beipack-Zettel von Mit-Autor Stefan Niggemeier.

“Wie Journalismus heute funktioniert. 17 Behauptungen.”

Von Fiete Stegers am 7. September 2009


Internet | Foto: Fiete Stegers
Auch ohne oder trotz Sachkenntnis kannt man ja heutzutage Erklärungen in die Welt posaunen oder fromme Wünsche formulieren oder forsche Forderungen aufstellen. Wir haben versucht, Sachkenntnis einfließen zu lassen. Auch wenn wir uns an manchen Stellen nicht einigen konnten und andererorts auf abwägendes Einerseits-Andererseits zugunsten der Thesenhaftigkeit der große Linie mit dem griffigen Kürzel Internet-Manifest verzichtet wurde.

1. Das Internet ist anders.
Es schafft andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken. Die Medien müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen. Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln - das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein.

Formuliert und unterzeichnet haben diese und 16 weitere Behauptungen zum Journalismus im Internet-Zeitalter Johnny Haeusler, Thomas Knüwer, Stefan Niggemeier, Mario Sixtus u. a.

Update:
Da der Internet-Manifest-Server auch ohne Link von Heise oder SpOn schon ächzt, gibt es gesamte Manifest jetzt auch hier.


Update, 08.09.2009:
Internet-Manifest, ein Beitrag zur Diskussion

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Auf gutem Weg: Nachrichten.de, erster Eindruck

Von Thomas Mrazek am 4. September 2009

Nachrichten.de, das automatisierte Nachrichtenportal der Tomorrow Focus AG steht in den Fußstapfen. Ich habe es aus Zeitgründen bisher nur sehr kurz testen können, aber einen ersten spontanen Eindruck möchte ich doch äußern: das gefällt mir - übersichtlich, “intelligent”.

Allerdings treten beim ersten spontanen Testen auch “Kinderkrankheiten” auf, derentwegen man sich anfangs über Google News lustig machte (siehe hierzu Beitrag “Google sei mit uns”, 2005): So wundert es mich etwa, dass die Aufmacher der Sportseite alle vom “Albboten” (kennt den jemand?) stammen. Bei einschlägigen Testsuchen geht man mitunter leer aus. Angenehm fällt auf, dass das Ganze von Anfang mit journalistischem Hintergrund aufgebaut wurde. Im Gegensatz zu Google News mutet Nachrichten.de optisch sehr angenehm an, positiv zu erwähnen ist auch, dass alle Quellen aufgeführt werden. Kurzes Fazit: Das könnte etwas - zumindest eine ernsthafte Konkurrenz für Google News - werden. Allein zum Ergänzen journalistischer Recherchen könnte Nachrichten.de taugen, das ist freilich zu wenig, es muss für einen Massenmarkt taugen.

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