Alle Beiträge der Kategorie 'Ethik'

Zeit Online: Schleichwerbung für das Paradies?

Von Thomas Mrazek am 11. August 2010

Vor einem Jahr hatte ich an dieser Stelle moniert, “Zeit Online huldigt Renault”. Ich empfand eine allzu längliche Bildstrecke für ein französisches Automobil als Schleichwerbung, die Redaktion entfernte die werbenden Bilder dann auch nach meinem Hinweis. Gut so.

Ich wünsche mir von so einem integeren Online-Angebot, dass man auch den aus der “Zeit” vom 29.07.2010 stammenden (Werbe-)Text “Portugal: Der Strand - Die Bucht von Alteirinhos braucht keine Wellenreiter, um lässig zu sein”, mit dem verlinkten Hinweis “Weitere Informationen unter www.visitportugal.com” entfernt. Schließlich endet der durchweg schwärmerische Artikel mit der Aussage: “Wir behalten das Paradies gern für uns allein.” So soll es denn sein. Muss wohl durchgerutscht sein, ansonsten ist es wohl ein schönes Beispiel für Schleichwerbung.

Nachtrag
Herrje, man darf nicht anfangen rumzustöbern, sonst stößt man auf noch auf “Das schönste Hotel des Sommers” (”Die Zeit” vom 29.07.2010) in St. Tropez … Wer es lieber deutsch mag, der kann mit Zeit Online “Auf Tour mit dem Feldberg-Ranger” gehen. Und wie es sich für ein Online-Angebot gehört, gibt es viele Links im Text …

Nachtrag 16.08.2010

Alles nur kleine Fische (wenn überhaupt …) im Vergleich zu dem was Peer Schader bei FAZ.NET im Fernsehblog sehr schön dokumentiert hat: “See-Schwäche auf allen Kanälen: Wie das Fernsehen der Kreuzfahrtindustrie verfiel”.

DerWesten zum Flashmob-Aufruf gegen den Duisburger OB

Von Thomas Mrazek am 28. Juli 2010

“Die Netzgemeinde mobilisiert sich gegen den Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland. Twitterer wollen sich am Mittwoch zu einem „Flashmob“ vor dem Duisburger Rathaus treffen. Um 17.30 Uhr wollen die Nutzer des Mikro-Blogs Adolf Sauerland zum Rücktritt auffordern”, heißt es im Einstieg eines Artikels bei DerWesten, der den Titel “Twitterer fordern Sauerland zum Rücktritt auf” trägt. Außerdem wird in dem Artikel auf eine Online-Petition verlinkt, die den Oberbürgermeister zum Rücktritt auffordert.

Klar muss bei dieser Katastrophe auch darüber berichtet werden, wie einige Menschen im Internet (ich halte “Die Netzgemeinde” für einen völlig unangemessenen Begriff, ebenso “des Mikro-Blogs”) mit ihrer Trauer aber auch mit ihrer Wut über das Geschehene und die vermeintlich Verantwortlichen umgehen. Dabei sollte allerdings gerade beim führenden lokalen Medium absolutes Fingerspitzengefühl angesagt sein, DerWesten, die “WAZ” tragen da große Verantwortung.

In dem Artikel wird nicht darauf hingewiesen, wer die Initiatoren dieses Flashmobs sind – es scheint sich um eine amorphe Masse zu handeln; ebenso verhält es sich bei der Online-Petition – es wird kein Urheber genannt. Da wurde einfach nicht recherchiert sondern nur plump aus dem Netz kopiert – Hauptsache, die Entwicklung wird spannend dokumentiert und “die Netzgemeinde” ist ja eh irgendwie okay. Ein gestern bei DerWesten veröffentlichter Artikel, der sich direkt unter dem “Flashmob”-Artikel befindet, weißt übrigens deutlich auf die Stimmungslage in Duisburg hin: “Morddrohungen – OB Sauerland versteckt Familie”.

Fotostrecken von der Hinrichtung

Von Fiete Stegers am 18. Juni 2010

Im US-Bundestaat Utah ist ein als Mörder verurteilter Mann von einem Erschießungskommando hingerichtet worden. Auf unser aller Vorbild-Website news.bbc.co.uk ist die Geschichte der Aufmacher, der erste Subteaser verheißt: “In Pictures: Utah Execution”. Dahinter erwartete ich instinktiv eine minutiöse Dokumentation der Erschießung - Bild für Bild.

news.bbc.co.uk (Screenshot)

So sieht es dann doch nicht aus. Nur vier Bilder Nach anfangs nur vier Bildern sieben Motive, die vornehmlich den Hingerichteten, eine Hinrichtungszelle und Angehörige der Opfer zeigen - nicht die Hinrichtung selbst, wie es der Teaser vermuten ließ. Eines der Bilder, das die widersprüchlichen Emotionen der Angehörigen zeigt, ist starker Fotojournalismus.

Oder ist hier durch Aufmachung und Umfang insgesamt schon eine Grenze überschritten? Eine Frage, die sich beim Umgang mit Fotos, die Gewalt, Leid und Opfer zeigen, immer wieder stellt und die wahrscheinlich jedes Mal neu beantwortet werden muss. Denken wir an Fotostrecken, die das Ausmaß einer Naturkatastrophe verdeutlichen oder an die Diskussion um ethische Zurückhaltung versus Beschönigung bei Kriegsbildern.

Oder an die Frage, ob eine 17-teilige Bildergalerie über einen schweren Verkehrsunfall sein muss, auch wenn sie hauptsächlich Aufnahmen von Rettungsfahrzeugen zeigt. Im Blog der Journalistin Ulrike Langer melden sich dazu u. a. Diskutanten zu Wort, die den dokumentarischen Anspruch des Fotojournalismus hervorheben und süffisant auf hochgelobte Fotoblogs wie The Big Picture verweisen. Und ob die Online-Redakteure der Mitteldeutschen Zeitung froh darüber sind, dass ihnen hier Design als Standard-Funktion bei sämtlichen Bildern - also auch Unglücksfotos - anbietet, diese als E-Card zu versenden.

Weitere Links
… bei onlinejournalismus.de

… im sonstigen Internet

“Shitstorm” im Qualitätsblog: Die Ruhrbarone und der Fall Tauss

Von Fiete Stegers am 29. Mai 2010

“Ruhrbarone” heißt ein Gruppen-Blog von nordhrein-westfälischen Journalisten um David Schraven und Stefan Laurin. In der Vergangenheit konnte das Blog mit gut recherchierten und kritischen Beiträgen punkten - und das nicht erst im Vorfeld der Landtagswahl in NRW, die das Blog auch verstärkt in den Fokus von Kollegen und Medienseiten brachte (z. B. taz, SZ). Nun hat allerdings einer der Autoren mit einem äußerst boulevardesk formulierten Meinungsbeitrag zur Verurteilung des ehemaligen Bundestagsabgeordneten Jörg Tauss wegen des Besitzes von Kinderpornographie massive Kritik der Blog-Leser hervorgerufen.

Carsten Drees analysiert in seinem Blog Artikel und Reaktionen und zeigt dabei, wie man trotz möglicher Befangenheit (”ich schätze Jörg persönlich”) sachlich argumentieren kann.

Weitere Links

Online-Videojournalismus - wohin?

Von Fiete Stegers am 19. März 2010

DV-Kamera mit Laptop für den Videoschnitt
Online-Videos - eben noch große Hoffnung bei Zeitungen, jetzt schon in einem gefährlichen Abwärtstrend, weil sich Qualität nicht refinanzieren lässt? Videopunk Markus Hündgen fasst eine aktuelle Diskussion aus US-Blogs zusammen.

Dazu passt eine Umfrage von TNS Emnid, die unter anderem zu dem Ergebnis kommt:

40 Prozent der befragten Zeitungsleser ist Web-TV, also ein eigenes, breitbandig über das Internet übertragenes Fernsehprogramm, unbekannt. Ein Viertel der Befragten weiß nichts von der Möglichkeit, sich Videos zu den Nachrichten auf den Websites anschauen zu können. Entsprechend niedrig ist der Anteil der Nutzer: Lediglich vier Prozent haben diese Angebote auf den Websites der Tagszeitungen bereits genutzt – ähnlich gering ist der Anteil derjenigen, die sich diese Angebote dort überhaupt wünschen.

Befragt wurden Zeitungsleser, die auch Internetnutzer sind.

Update, 21.03.2010
Ein paar Details der Emnid-Studie zum Thema Web-TV:

  • “ist mir unbekannt”: 40%
  • “kenne ich zumindest dem Namen nach”: 41,7%
  • “Habe ich schon einmal genutzt”: 9,3%
  • “habe ich schon einmal auf der Website meiner Tageszeitung genutzt”: 3,9%
  • “wünsche ich mir auch auf der Website meiner Tageszeitung”: 3,4%

Eine andere Frage aus der Studie betraf “Videos zu den Nachrichten zum Herunterladen auf der Website”: 48% sagten “kenne ich - zumindest dem Namen nach”, 15,6% “habe ich schon einmal genutzt”.

Zahlen für nicht zeitungslesende Nutzer wurden laut Emnid nicht erhoben.

Weitere Links
… bei onlinejournalismus.de

Heikle Twitter-Debatte um die “Rhein-Zeitung”

Von Thomas Mrazek am 27. Oktober 2009

rz-twitter

Bei der Koblenzer “Rhein-Zeitung” scheint der Haussegen schief zu hängen. Scheint, denn die Quelle, die einige Ungereimheiten bei der Regionalzeitung anprangert, bedient sich eines anonymen Twitteraccounts.

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Keiner meckert mehr über “Miststücke” bei Zeit Online

Von Thomas Mrazek am 10. Juni 2009

Ein meines Erachtens leider etwas vernachlässigtes Projekt (nur dann und wann wurde es in der Literatur erwähnt, etwa bei Professor Klaus Meier), das so genannte Meckerblog bei Zeit Online stellte jetzt seinen Dienst ein. Ein unabhängiger Journalist, “Onkel Brumm”, beobachtete in diesem Blog das Web-Angebot der Wochenzeitung und wies auf Fehler und Fehlentwicklungen hin. Dafür erhielt er ein geringes Honorar.

Am Sonntag schrieb Onkel Brumm (richtiger Name ist der Redaktion bekannt): “Mit diesem Posting endet das Meckerblog – mehr als drei Jahre sind man (sic) genug. Findet jedenfalls die Redaktion, und ich stimme dem zu.” Wenigstens ein Ende ohne Knatsch, wie dem Beitrag “Finis Meckerblog” zu entnehmen ist, denn der Autor wird nach eigenen Angaben künftig häufiger für Zeit Online schreiben. Trotzdem ist es natürlich schade, dass diese – meines Wissens in Deutschland einmalige – Institution redaktioneller Selbstkontrolle nun endet.

Dass dieser Job nicht immer einfach war, sagte uns der Meckerblogger im Interview vom 22.12.2006: “Vermutlich bin ich als Kritiker nicht gerade beliebt”. Die mangelnde Aufmerksamkeit für dieses Blog beklagten wir im Beitrag “Miststücke in der ‘Zeit’”.

Direktanbindung an die Verbrecherkartei

Von Fiete Stegers am 8. Juni 2009

Screenshot TampaBay.com (Unkenntlichmachung durch onlinejournalismus.de)

Fotos, Namen und weitere persönlichen Daten aller von den lokalen Polizeibehörden in den letzten 24 Stunden Festgenommen werden bei TampaBay.com ohne redaktionelle Bearbeitung automatisch ins Netz gestellt: Die anwesenden Studenten und Journalisten reagierten mit einer Mischung aus Unglauben und Empörung, als Regina McCombs vom Poynter Institute kürzlich auf einer Veranstaltung in Hamburg auf das Projekt der St. Petersburg Times zu sprechen kam. Auch in den USA waren nach dem Launch der Microsite der Zeitung (die über eine komplizierte Konstruktion mit dem Poynter Institut verbunden ist) diskutiert worden, ob das ethisch vertretbar sei.

Warum es aber generell gut ist, wenn Journalisten öffentliche zugängliche Daten nehmen (oder den Zugang dazu einfordern) und journalistisch aufbereiten, thematisiere ich in meiner jüngsten Kolumne bei Dnews.de.

Weitere Links

Spektakuläre Bilder - die man zeigen muss?

Von Fiete Stegers am 2. Mai 2009

Im Blog Coffee&TV läuft eine Debatte über den Umgang mit den - ja - spektakulären Bildern, die zeigen, wie ein Autofahrer bei der Koniginnendag-Parade in Apeldoorn in die Menge der Schaulustigen rast.

Für Blogautor Lukas Heinser sind die Aufnahmen, die viele deutsche Online-Medien zeigen, zuviel (Opfer am Boden, Erste-Hilfemaßnahme). Andererseits gibt es das ungeheuer eindrucksvolles Motiv, das zeigt, wie schnell Schrecken und Tod über die Wartenden hereinbrachen: Es zeigt zwei Menschen, die vom Auto beiseite geschleudert werden, während wenige Meter entfernt noch ein Polizist in nichtsahnender Haltung da steht, hinter ihm in der der Menge aber die ersten Menschen bereits zu reagieren beginnen. Das ist mit Sicherheit ein Foto, das bei den nächsten Presse-Preisen ausgezeichnet werden wird.

stern.de und bild.de veröffentlichen allerdings auch die Aufnahmen aus den Sekundenbruchteilen davor, die noch die durch die Luft wirbelnden Opfer zeigen - hier irgendwo verläuft die Grenze, die Focus Online mit einer Aufnahme des schwerverletzten (verpixtelten) Fahrers mit verdrehtem Kopf im Autowrack meiner Meinung nach überschreitet.

Zum Abschluss noch zwei Beobachtungen zu den User-Kommentaren auf niederländischen Websites: Dort betrachteten viele User die sparsam veröffentlichten Bilder des Fahrers sehr genau, um zu erfahren, dass dieser offenbar eine weißer Niederländer mittleren Alters und nicht etwa ein vollbärtiger Araber Anfang 20 war. Auch das Kennzeichen des Fahrzeug wurde von mehreren Nutzern sofort über die öffentliche Registrierungsdatenbank überprüft, um festzustellen, dass der Suzuki ordnungsgemäß versichert und nicht gestohlen war.

Abseits von der Ethik-Debatte ist es eine Petitesse, das gleich zahlreiche Online-Medien auf die Fotos von Fahrradpolizisten, die als erste am Autowrack waren, texteten, dass Sprengstoffspezialisten das Fahrzeug untersuchten.

Nachtrag, 03.05.2009
Frank Miener macht sich auch Gedanken zum Thema.
Vergessen zu erwähnen hatte ich noch eine andere Randbeobachtung: Da das Ereignis live von NOS im TV übertragen wurde, gab es auch sehr schnell einen von einem Privatnutzer hochgeladdenen Mitschnitt des Geschehens bei YouTube. Die Zeitung Volkskrant.nl hat das Video - Copyright hin, Copyright her - ohne viel Federlesens in ihrem Artikel eingebettet.

Darf ein Politik-Redakteur bei Facebook lästern?

Von Fiete Stegers am 25. April 2009

Darüber, wie offenherzig Nutzer von sozialen Netzwerken mit privaten Informationen umgehen und welche Folgen das haben kann, berichten Journalisten immer wieder (Beispiel-Klassiker: Party-Foto zerstört Bewerbungschancen). Wie sie sich selbst verhalten, wenn sie bloggen, twittern oder sich bei Facebook tummeln, haben sie aber noch kaum diskutiert.

Warum wir das aber sollten, habe ich bei dnews.de aufgeschrieben. Stephen Myers hat sich bei Poynter Online vor einiger Zeit noch ausführlicher Gedanken gemacht.