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re:publica 2014: die Highlights für Journalisten

 

die re:publica wird thematisch immer breiter, lohnt sich aber auch für Journalisten. Ein Überblick über Roboterjournalismus, Storytelling-Tools, Structured Journalism, Datenvisualisierungen und Co.

Pageflow: Storytelling für jedermann

Multimedia-Reportagen sind in – aber auch aufwändig zu machen. Um so praktischer, dass der WDR sein selbst gebautes Reportage-Werkzeug “Pageflow” jetzt als Open-Source-Code zur Verfügung stellt.

Viel Bild, dezent eingesetzter Text, Navigation durch die Kapitel am rechten Rand: So sehen die Pageflow-Reportagen des WDR aus

Viel Bild, dezent eingesetzter Text, Navigation durch die Kapitel am rechten Rand: So sehen die Pageflow-Reportagen des WDR aus

Die Stage D platzt aus allen Nähten, mehr als 150 Leute wollen auf der re:publica mehr “Aus dem Arbeitsalltag moderner Geschichtenerzähler” erfahren. Inspiriert von Multimedia-Reportagen wie Snowfall, keine Zeit für Wut und vor allem Firestorm hat die Online-Redaktion des WDR zusammen mit der Kölner Web-Agentur Codevise ein eigenes Storytelling-Tool für solche Reportagen entwickelt: Pageflow. Die Philosophie dahinter:

Jede Geschichte hat unterschiedliche Facetten, die es wert sind, unterschiedlich erzählt zu werden: Bilder, die beeindrucken. Zitate, die nachdenklich machen. Klänge, die bewegen. Worte, die es auf den Punkt bringen. Wenn all das zusammenfließt, entsteht eine völlig neue Form des Erzählens.

So steht es auf http://reportage.wdr.de/, der Seite, auf der fast alle Multimedia-Reportagen des WDR versammelt sind. Darunter auch das Pionierstück: das Haldern-Pop-Festival, an dessen Beispiel die WDR-Redakteure Stefan Domke und David Ohrndorf die Funktionen von Pageflow demonstrieren. Geschichten werden hier in multimedial angereicherten Kapiteln erzählt. Vom Vorbild Firestorm inspiriert stehen großflächige Bilder oder (Hintergrund-)Videos im Zentrum jeder Seite, der begleitende Text ist am linken Rand angebracht. “Der User pickt sich das raus, was ihn interessiert, geht durch einzelne Kapitel”, erklärt Stefan Domke.

“Bei Videos ist HD Pflicht, nicht Kür”

Blick ins Backend von Pageflow: Links die Vorschau, wie der Text läuft, rechts die Editierfenster

Blick ins Backend von Pageflow

Das Backend ist ziemlich intuitiv zu bedienen, wie es sich für ein gutes Web-CMS gehört. Per Knopfdruck kann man neue Seiten anlegen. Die wiederum lassen sich leicht mit Dachzeile, Titel und Text beschriften und editieren. Ein weiterer Button erlaubt den Upload von Bildern, Videos, Videoloops oder Grafiken. “Bei Videos ist HD Pflicht, nicht Kür”, sagt David Ohrndorf, “da es um eine bildschirmfüllende Darstellung geht.”

Von vornherein war WDR und Codevise wichtig, dass das Tool responsive ist, damit es auch auf mobilen Geräten gut nutzbar ist. Das haut wirklich gut hin, die Navigation ist als kleiner Icon rechts oben eingebaut und legt sich über die Startseite, sobald sie angeklickt wird.

so sieht  die Startseite einer Pageflow-Reportage auf einem Smartphone-Screen aus. Die Navigation ruft man über das Icon rechts oben auf.

mobile Ansicht einer Pageflow-Reportage

Auch die Bildausschnitte lassen sich im Backend konfigurieren: 16:9 für die breite Desktop-Darstellung oder 4:3 für hochformatige mobile Screens.

Da der WDR bislang erst neun Reportagen mit Pageflow gebaut hat, fehlt es noch an belastbaren Erfahrungswerten, gerade, was die Usability angeht. Versteht der User den Scrollmechanismus? Funktioniert die Navigation besser per Klick am PC oder per Wischen am Tablet? Wie lange verweilt der Nutzer wo, welche Elemente ziehen die stärkste Aufmerksamkeit auf sich? Fragen wie diese sollen mit einer Usability-Studie geklärt werden.

Pageflow funktioniert nicht für jedes Thema gleich gut. Das Umbauen von TV-Reportagen in Pageflow-Reportagen kann schwierig sein, besser funktionieren laut Domke Geschichten, die speziell für Pageflow konzipiert sind wie die Mountainbike-Story “Rasant durch den Wald“. Damit man nicht in den Wald kommt, “empfiehlt es sich bei der Planung, mit einem Storyboard zu arbeiten und dort festzulegen, welcher Inhalt auf welchen Seitentyp kommt”, sagt Stefan Domke. Die Abwechslung aus Foto, Text, Audio und Video macht eine gelungene Web-Reportage aus.

In Zukunft sollen auch noch Daten dazu kommen: Codevise arbeitet daran, dass sich auch Datawrapper-Grafiken einbauen lassen. Weitere Features, die in der Pipeline stecken:

  • Vorher-Nachher-Fotovergleich: Zwei Fotos, die im Abstand von einigen Jahren, von der exakt gleichen Perspektive aus aufgenommen worden sind, werden übereinander gelegt und lassen sich per Schieberegler direkt miteinander vergleichen
  • 360 Grad-Fotos, bei denen sich bestimmte Punkte markieren und mit einem Mehrwert-Link versehen lassen.

Der WDR will nun jedermann von der Entwicklung von Pageflow profitieren lassen, schließlich wurde das Programm mit Gebührengeld finanziert. Seit dem 5. Mai steht der Sourcecode unter www.pageflow.io zum Download zur Verfügung. Man sollte sich dazu allerdings mit der Programmiersprache Ruby auskennen und mit Servern umgehen können. Es kann lizenzfrei für eigene Websiten angepasst werden, “besonders interessant ist das kostenlose Werkzeug für Blogger und kleinere Web-Projekte von Initiativen, Verbänden oder Studenten”, schreibt der WDR in der zugehörigen Pressemitteilung. Und die Kölner haben auch nichts dagegen, wenn die Community Pageflow weiterentwickelt und eigene Features programmiert. Willkommen in der schönen neuen Reportagen-Welt!

Crosspost von Torial

Wir basteln uns ein multimediales Scrollformat


Scrollreportagen wie Snow Fall sind aufwändig programmiert und wurden vom Online-Chef der Zeit, Jochen Wegner, deshalb als das Feiertagslayout der Onlinereportage bezeichnet.

Aber das Gute ist: Javascript und HTML5 haben in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Ein technisch versierter Journalist, der ein wenig Ahnung von HTML und Javascript hat, kann durchaus sein eigenes multimediales Scrollformat basteln.

Um den Einstieg für Experimente zu erleichtern, habe ich ein sehr einfaches Minimal-Template in meinem Weblog veröffentlicht … vom Design ein Montagslayout, aber funktional. Im Quellcode sind alle Details kommentiert. Mit entsprechenden jQuery-Plugins könnte man das Template um Parallax-Scrolling und/oder vollformatige Panels erweitern.

Update: Jetzt auch als Fullpanel-Template mit Fullscreen-Video.

Snowfall-Stil: Wie viel “Feiertagslayout” bringt 2014?

Ein Jahr lang haben Onlinejournalisten anderer Medien immer wieder auf das Ende 2012 von der New York Times veröffentlichte Multimedia-Special “Snow Fall” geguckt, das stilprägend für eine neue Generation der Online-Aufbereitung war.

Das Fachmagazin Journalist hat kürzlich die “12 besten Multimediareportagen” vorgestellt. Beim T3N wollte man sich nicht ganz so beschränken und stellte 25 beeindruckende Beispiele von Multimedia-Storytelling vor. In einer von Bobbie Johnson initierten crowgesourceten Sammlung finden sich sogar knapp 200 Beispiele, darunter auch einige aus der Zeit vor Snowfall, andere bereits von 2014.

Gleichzeitig gibt Sebastian Esser in einem Artikel im “Medium Magazin” zu bedenken:

Die Ergebnisse sind journalistisch beeindruckend und finden offenbar auch viele Leser. Allerdings: Snowfall-Geschichten passen nicht zum Geschäftsmodell von Nachrichten-Seiten, die sich durch Werbung finanzieren und deswegen riesige Massen an klickenden Usern brauchen. Sie generieren nicht viele Page Impressions (PI) und vertragen sich nicht mit Display-Anzeigen. Die Anbindung an den Rest der Seite ist ein ungelöstes Problem. Sie müssen Pixel für Pixel, Browser für Browser von Hand programmiert werden.

Zeit-Online-Chef Jochen Wegner sprach deshalb von Feiertagslayout. Und Johnson warnte sogar: Nur weil etwas man im Snow-Fall-Stil produzieren kann, sollte man es nicht unbedingt machen.

Wie viele Geschichten im Snowfall-Stil werden wir also 2014 sehen? In Deutschland auf jeden Fall mehr als im vergangenen Jahr.

Weitere Links
… bei onlinejournalismus.de

.. im übrigen Internet

Super: NSA-Enthüllungen im Snowfall-Stil

"NSA Files: Decod" auf der Website des Guardian | Foto: Fiete Stegers

Ein halbes Jahr nach Beginn nach seinem ersten Bericht fasst der Guardian die bisherigen Enthüllungen auf Basis der Snowden-Informationen zusammen. Das ist grandios geglückt: „NSA Files: Decoded“ zieht den Nutzer multimedial durch die Story, stellt die wichtigsten Fakten heraus und erläutert, was sie bedeuten – politisch und direkt für den einzelnen Nutzer.

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Völkerschlacht: MDR holt Geschichte in die Gegenwart

Vier Tage währte 1813 die Völkerschlacht bei Leipzig – und vier Tage lang hat nun der MDR die Ereignisse von damals quasi live nacherzählt. Das klingt abenteuerlich, ist aber innovativ – und allemal lehrreicher als die eventmäßige Nachstellung der Schlacht.

MDR: "Die Völkerschlacht erleben" - Startseite des Themenspecials

MDR-Themenspecial zur Völkerschlacht

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Firestorm: Storytelling ohne Streuverluste

Wenn weniger mehr ist: die Guardian-Web-Dokumentation Firestorm setzt Multimedia-Elemente so geschickt ein, dass sie den Lesefluss nicht behindern. Ein Storytelling-Beispiel, das Schule machen sollte. Weiterlesen…

Online-Frühling: Generationswechsel oder digitale Spaltung in den Redaktionen?

Diskussinosrunde auf der Republica 2013

Moderator mit Jochen Wegner, Katharina Borchert und Stefan Plöchinger (links)

Wie sieht es aus mit der Experimentierfreude bei Formaten und Finanzierungsmodellen? Darüber diskutierten auf der re:publica 2013 drei Vordenker des deutschen Onlinejournalismus, die in vielen einer Meinung waren. Allerdings nicht ganz bei der Frage, ob mit einer neuen Journalisten-Generation (den richtigen Digital Natives) alte Wände zwischen Print- und Online-Redaktionen von selbst wegfallen – oder ob die digitale Spaltung zwischen Papierfesthaltern und digital Denken (unabhängig vom Alter der Journalisten) noch eine Weile bestehen bleibt. Eine Dokumentation der Diskussion.

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Ende der Ära Blumencron für Spiegel und SpOn

Vom 1. Dezember 2000 bis Anfang 2008 war der nun abberufene Mathias Müller von Blumencron Chefredakteur von Spiegel Online, bis er zusammen mit Georg Mascolo an die Spitze des Print-Spiegels rückte. Ab Februar 2011 war Blumencron offiziell der Digital-Beauftragte des Doppelspitze, trotz oder wegen der kolportierten Auseinandersetzungen um die Digitalstrategie des Spiegels und das Reizwort Paid Content (Die Devise: “Gemeinsam Marschieren, getrennt schlagen” ging freilich nicht ganz auf.).

Ingesamt war Blumencron also mehr als 12 Jahre für die Ausrichtung von Spiegel Online verantwortlich, seit der ehemalige US-Korrespondent des gedruckten Spiegel die SpOn-Chefredaktion nach einer hektischen Boomphase unter seinem Vorgänger Hans-Dieter Degler übernahm.

Blumencron machte SpOn endgültig zum Nachrichten-Marktführer des deutschen Online-Journalismus und zum Leitmedium für die Berliner Republik (auch wenn das Kollegen anderer Medien lange nicht zugeben wollten). Immer wieder kritisiert wurde – auch von onlinejournalismus.de – hingegen der gefühlt wachsende Anteil von Boulevardthemen, die teilweise hektische Überdrehtheit von Teasern und Schlagzeilen auch bei harten Themen.

Was die Weiterentwicklung von interaktiven und multimedialen Formaten angeht, verfolgte SpOn unter Blumencron wie beim Design angekommen den Kurs behutsamer Neuerungen, setzte immer wieder Zeichen, ohne wirklich zum Avantgardisten zu werden. Ähnlich die abwartende Haltung in Sachen Bezahlinhalte: “Warum sollte ausgerechnet Spiegel Online Vorreiter sein?“ fragte Rüdiger Ditz 2009, der Blumencron als direkter Spiegel-Online-Chef nachfolgte.

Der Erfolg dieser Linie Recht – vor allem in Vergleich mit den Schlingerkurs anderer Printhäuser. Man darf gespannt sein, was jetzt kommt. Vielleicht kehrt ja mit Wolfgang Büchner von der dpa jemand zurück, der schon mal im Team mit Ditz für die operative Umsetzung der Blumencron-Linie verantwortlich war.

Dazu drei aktuelle Stimmen – und rückblickend auf die Ära Blumencron ein paar Links auf ältere Beiträge von uns.

Wolfgang Blau, bis vor kurzem Chef von Zeit Online und nun beim Guardian:

Die Geschäftsführerin von Standard.at meint:

Und Thierry Chervel vom Perlentaucher analysiert:

Mehr über Mathias Müller von Blumencron bei onlinejournalismus.de:

Was macht multimediales Storytelling aus?

Am 19. März habe ich hier über die Web-Reportage “Keine Zeit für Wut” der NZZ gebloggt. Ein ambitioniertes Multimedia-Projekt, dessen Umsetzung in Sachen Usability meines Erachtens aber nicht so gut gelungen ist. Vor kurzem hat sich dazu auf Twitter zwischen Sylke Gruhnwald, Lorenz Matzat, Daniel Drepper, Michael Hauri und mir eine kleine Diskussion entwickelt, wie man denn Web-Reportagen möglichst objektiv bewerten kann. Geht das überhaupt? Oder bleibt das immer subjektiv? Dabei entstand die Idee, in einem Google Doc Bewertungskriterien zu sammeln.     Nachdem die Sache hier auf Onlinejournalismus.de ihren Ausgang nahm, rufe ich unsere Leser auf, (z.B. via Blogpost-Kommentar) ihren Input zu geben. Was macht eine gute Multimedia-Reportage im Web aus? Konzeptionell, von der Usability her, wodurch entsteht Mehrwert, wie wichtig ist Interaktivität, wie viel Multimedia darf es auf einmal sein? Und jetzt ihr! Update 9.4.: Via Twitter sind schon ein paar Tipps reingekommen, die ich hier einbette:  
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