Archivierte Einträge für Negativbeispiel

Welt Online: Bitte einen Bildredakteur anstellen!

Oder wenigstens den CvD aufwecken: Die üblichen Schönheiten, konstrastiert mit einer detaillierten Kannibalen-Meldung, flankiert einer unpassenden Tomatenblutsuppe und einer Hymne auf die „perfekte Tötungsmaschine.“ Ein wenig geschmackvolles Ensemble, was Welt Online uns da heute im Mittelteil der Homepage präsentiert – sowas wird eigentlich nur noch von den traditionellen Kirchen-Meldung/Prostituiertenanzeigen-Kombos des anderen Springer-Blattes übertroffen.

Screenshot Welt Online, 29.08.2007
Zum Vergrößern klicken

„Magische Schwerter für Al Kaida“

Bisher haben wir uns hier immer um das Thema Second Life gedrückt – aus gutem Grund. Im Zuge der sich abzeichnenden Fantasy-Offensive deutscher Medienblogs und weil’s ein sonniger Sonntag ist, doch einmal der Hinweis auf ein Schmankerl:

Bombenanschläge, Attentate – Online-Welten wie Second Life werden zum Tummelplatz von Cyber-Terroristen

Diesen Knaller konnte sich die Berliner Zeitung nicht entgehen lassen, obwohl sie ihren eigenen Artikel gleich vom bekanntermaßen kompetenten BKA entkräften lässt:

Virtuelle Welten seien für Übungen und Anwerbung von Terroristen „generell nicht geeignet“, erklärte das Bundeskriminalamt der Berliner Zeitung. In Second Life könnten sich auch keine handwerklichen Fähigkeiten (Bombenbau oder Nutzung von Waffen) trainieren lassen. Überdies gebe es für die Kommunikation im Untergrund „deutlich komfortablere“ Wege wie Internettelefonie oder Web-Portale.

Danke dennoch für die Warnung, immerhin geht dem Artikel eine gewisse Ironie nicht ab. Auch wenn’s natürlich schön wär, wenn die Durchgeknallten dieser Welt künftig sich und anderen nur noch virtuell die Schädel einschlagen würden.

(via Jonet)

Qualitätsjournalismus oder Stefan Niggemeier auf der Flucht?

Endlich hat sich mal ein so genanntes Qualitätsmedium der Abmahnerei von Blogs und anderen Internet-Seiten angenommen, wir hatten neulich kritisiert, dass dies zu selten der Fall sei. Der österreichische „Standard“ widmete dem Thema in Print und Online 800 Zeichen, das ist wenig, aber dafür sind umso mehr Fehler in dem Beitrag. Gehen wir den Artikel doch mal der Reihe nach durch.

Die Überschrift:

„FAZ“-Journalist Niggemeier wegen Postings abgemahnt

Nicht ganz richtig: Niggemeier war von 2001 bis 2006 laut seinem Lebenslauf (der ist auch online einsehbar, das kann man also auch ohne zu telefonieren recherchieren) verantwortlicher Medienredakteur bei der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ und schreibt meines Wissens derzeit auf freier Basis für dieses Blatt.

Erster Satz des Artikels:

Stefan Niggemeier, Fernsehkritiker der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ wurde wegen zweier Postings auf seiner Homepage stefan-niggemeier.de verurteilt.

Jetzt wird’s a bisserl viel, Freunde: Also Niggemeier hat meines Wissens zwar viel Ahnung vom Fernsehen und schreibt auch gerne und oft darüber, aber er ist nicht explizit als „Fernsehkritiker“ tätig, und wohl auch nicht (siehe oben) für dieses Blatt. Hui, „wegen zweier Postings auf seiner Homepage stefan-niggemeier.de“ wurde er also „verurteilt“. Da nehme ich mal an, dass er die Postings auf seiner Homepage (und nicht seinem Weblog) verfasst hat. Ha, und „verurteilt“ wurde er also auch gleich.

Aber der „Standard“ bemüht sich Klarheit zu schaffen, das ist redlich – nächster Satz:

Der umstrittene Gewinnspieleveranstalter Callactive fühlte sich durch zwei Kommentare in Niggemeiers-Fernsehblog beleidigt und ließ den Journalisten abmahnen.
Aha, die „Postings“ waren also „Kommentare“, hm, vielleicht hätte man dazu schreiben sollen, dass es sich um Leser-Kommentare handelte, wie Niggemeier in seinem Beitrag „In eigener Sache“ schrieb. Aus der Homepage wird jetzt ein „Fernsehblog“, was der Sache wohl einigermaßen gerecht wird, genaugenommen ist es ein Medienblog. Interessant wäre es vielleicht für die Leser gewesen, zu erfahren, wo und wie der „umstrittene Gewinnspieleveranstalter Callactive“ denn tätig ist.

Der nächste Satz:

Das Landgericht Hamburg erließ eine einstweilige Verfügung, die Niggemeier die in den Kommentaren gemachten Äußerungen untersagt.
Volltreffer: Dieser Satz ist richtig! Steht auch fast genauso auf Niggemeiers Blog.

Jetzt wird’s richtig spannend:

Der TV-Kritiker verabschiedete sich vorerst in den Urlaub, der Blog bleibt einstweilen geschlossen.
Den „TV Kritiker“ schenken wir uns, wichtiger ist, dass er sich wohl nur wegen dieser Sache „vorerst“ aus dem Staub gemacht hat, so könnte man das lesen. Immerhin verrät uns der „verurteilte“ Niggemeier auf seinem Blog etwas von seinen Fluchtplänen: „Ich habe gehört, es gibt ein Leben außerhalb des Internets. Die nächsten zehn Tage gucke ich mal nach, ob das stimmt.“ Dass das Blog „einstweilen geschlossen“ bleibt, scheint auch nicht zu stimmen, es wird, wie Niggemeier ebenso mitteilte, von einem Vertreter bespielt und war auch in den letzten Tagen nicht offline.

Kommen wir zum letzten Satz:

Callactive geht auch gegen andere Kritiker vor: Die Plattform call-in-tv.de darf nach Gerichtsbeschluss nicht mehr von „verwirrten Anrufern“ schreiben.
Ich würde sagen: Ist okay so. Hm, dann dürfen sie halt nicht mehr von „verwirrten Anrufern“ schreiben, da wird ihnen wohl auch kein Zacken aus der Krone fallen, mag man als Leser denken. Für den gemeinen Leser etwas deutlicher schreibt es der Medienprofessor Horst Müller bei Blogmedien:
Nach einem Urteil des Oberlandesgerichts München muss der Berliner [der Betreiber von call-in-tv.de, T.M.] mit einer Strafe von bis zu 250.000 Euro rechnen, wenn in seinem Forum noch einmal der Begriff “verwirrte Anrufer” im Zusammenhang mit Anrufsendungen des Endemol-Tochterunternehmens Callactive auftauchen sollte.

Sorry, liebe Kollegen vom „Standard“, aber das war wohl gar nichts.

Von wegen nicht vor die Tür gehen

Endlich ist man nicht mehr von Sendezeiten abhängig – dank der Video-Sektion von Spiegel Online, wo man Filme jederzeit ansehen kann. Also nicht mehr warten, bis die üblichen Sauf-Reportagen aus den „Ferienparadiesen“ im Spätprogramm der Privatsender laufen – die Online-Reporter von SpOn sind diesmal selbst vor Ort:

Unterwegs mit einer Gruppe ostdeutscher Abiturienten im Nachtleben von Lloret de Mar – am Ende von Teil 1 verabschiedet sich die Reporterin mit der unheilvollen Ankündigung einer Flatrate-Party in Teil 2. Dabei will der Zuschauer doch endlich nackte jugendliche Körper sehen.

Relaunchitis: Kress.de oder manchmal tut’s auch weh

Vor sechs Wochen nörgelte ich noch über die neue taz.de: „Det war nüscht“. Ähnlicher Meinung waren viele NutzerInnen, die ihren Unmut im Forum mitteilten. Ja, „taz“-LeserInnen ticken halt anders, haben eine besondere emotionale Bindung zu dem Blatt. Mittlerweile habe ich mich übrigens einigermaßen mit der neuen Internet-„taz“ arrangiert, wenn nicht sogar ein wenig angefreundet – Aufatmen in der Rudi-Dutschke-Straße, Peace. Heftiges Rumoren hingegen in Heidelberg bei Kress.de.

Weiterlesen…

Ach Sueddeutsche.de!

So langsam habe ich keine Lust mehr auf Eure Art des „Qualitätsjournalismus“. Ein schönes Wort, aber offenbar nur eine Phrase. Was stört mich diesmal? „Zaunlatten-Schlägerei fordert Toten“, lautet der dritte Aufmacher im Bayern-Teil. Der Aufmacher datiert vom Samstag, 07.07.2007, 15:03 Uhr, es handelt sich um eine DDP-Meldung. Zur Bebilderung gibt es das Foto eines Lattenzauns mit der Unterzeile „Zaun“. Ob das angemessen ist, darüber könnte man streiten; ich würde darauf verzichten. Ärgerlich ist, dass der Artikel bis heute nicht aktualisiert wurde, in den letzten beiden Sätzen heißt es: „Die Vernehmungen der fünf Männer durch die Kriminalpolizei Straubing dauern den Angaben nach noch an. Der Anlass und der genaue Ablauf der Schlägerei sei noch nicht geklärt.“

Da greife ich doch lieber auf die gedruckte Montags-Ausgabe zurück: Dort berichtet Rolf Thym relativ ausführlich über den aktuellen Stand bei dieser Tragödie, der natürlich ein anderer ist als am Samstag.

Wo ist der Schäuble?

Terroristen töten, „Gefährder“ wegsperren, Verdächtigen das Telefonieren verbieten – am Wochenende hat Wolfgang Schäuble noch mal erklärt, was seiner Meinung nach nötig sei, um Deutschland vor Terroristen zu schützen. Den Versuchsballon startete er diesmal in einem Spiegel-Interview.

Leider bietet Spiegel Online auch zwei Tage später aber nicht den Volltext, sondern nur eine Zusammenfassung mit AFP-Einstieg. Auch über das Archiv ist das Interview scheint’s nur im kostenpflichtigen E-Paper des aktuellen Hefts erhältlich. Ob das die richtige Taktik bei einem derart diskutierten Text ist? Die Diskussion ging doch hin zu „Weg von closed garden mit minimalen Paid-Content-Erlösen, wir setzen auf Reichweite.“

Wo wir gerade beim Kritteln sind: Das ZDF bietet zu dem Thema einen Flash-Überblick über „Schäubles Innere Sicherheit“ von „Bundeswehr im Inland“ bis „Vorratsdatenspeicherung“, der als „Tipp“ und „interaktiv“ angepriesen wird. Inhaltlich zwar solide, die Interaktivität beschränkt sich allerdings auf die Möglichkeit, klicken zu dürfen, die Darstellung nutzt Flash nicht aus. Reiner Text hätte die gleiche Wirkung erzielt. Da sind schon die kleinen Flash-Erklärboxen sinnvoller, die Spiegel Online zuweilen einsetzt, da diese direkt in den Hauptartikel integriert werden und nicht wie beim ZDF mit einem Popup funktionieren.


(An dieser Stelle sei auch noch mal ein Hinweis auf unseren Film „Alltag Überwachung“ gestattet).

Verblödungsoffensive bei Sueddeutsche.de?

Nein, ich habe kein Problem mit Sueddeutsche.de – auch wenn mir manche Dinge („Die 100 besten Biere der Welt“, die interaktiv aufbereiteten Schlafstätten der G8-Größen oder die PR-Arbeit für Persil) dort nicht gefallen. Was mich jetzt schon wieder aufregt? Seit zwei Tagen gibt es im Politik-Ressort einen mäßig lustigen Beitrag über die Warteschleifemelodien der Bundestagsparteien; selbstverständlich multimedial und interaktiv aufbereitet (mit Hörbeispielen und Abstimmmöglichkeit) und ein paar Klicks sollen auf sieben Seiten natürlich auch generiert werden. Ist das der „Qualitätsjournalismus, der auch online der gedruckten Zeitung entspricht“, von dem Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs gerne spricht? Bei Angeboten wie RTL.de halte ich so etwas für legitim, aber bei Sueddeutsche.de erwarte ich so etwas einfach nicht, das kommt mir dann eben wie eine Verblödungsoffensive vor. Aber vielleicht bin ich auch nur zu humorlos, zu anspruchsvoll oder ein gebranntes Kind, da ich vor knapp zehn Jahren bei ProSieben.de ähnliche Dinge mitmachen musste?

Schwarzer Tag in NRW: Aus für „taz“ NRW (und Onruhr)

„Der taz-Vorstand hat beschlossen, die taz nrw zum 31. August einzustellen“, meldet die „taz“ NRW und äußert zugleich scharfe Kritik an der „taz“-Geschäftsführung. Im taz-Blog werden die Nachrufe anderer Medien gesammelt.

Ein wenig Selbstkritik würde auch Uwe Knüpfer nicht schaden, der musste jetzt das vorläufige Ende seiner PDF-Zeitung Onruhr verkünden. Trotzdem möchte er es noch mal mit seinem letztlich gescheiterten Ansatz probieren. Im „Wirtschaftsmagazin Ruhr“ heißt es dazu: „Die Suche nach Investoren sei erfolglos gewesen. Ziel sei es, im Herbst erneut an den Start zu gehen – an dem Konzept einer PDF-Zeitung, das von Lesern wie von Fachleuten kritisiert wurde, will Knüpfer indes fest halten.“

Ausführlich berichtet Pottblogger Jens Matheuszik über das Scheitern der beiden Projekte.

Preisverleihung mit Druckkostenzuschuss

Weil in letzter Zeit so viel von angeblichen Mauscheleien bei Preisverleihungen die Rede ist: Der Metablocker von politik-digital nennt beim Deutschen Multimeda Award des namensgebenden Verbandes nicht nur die Preisträger, sondern auch das Kleingedruckte:

Die Teilnahmegebühr für den DMMA beträgt je nach Zeitpunkt der Bewerbung zwischen 250 und 300 Euro. Dabei erhalten Mitglieder des Bundesverbandes Digitale Wirtschaft eine Ermäßigung von 15 Prozent. Zusätzlich müssen die Bewerber im Falle einer Nominierung oder Prämierung eintausend Euro Druckkostenzuschuss für das Jahrbuch
„Interaktive Trends/DMMA 2007“ bezahlen. Darin sollen die ausgezeichneten Multimediaangebote auf einer A4-Doppelseite vorgestellt werden. Nach Angaben des DMMA haben sich insgesamt 368 Unternehmen, Institutionen, Agenturen, Freiberufler und Studenten um den Preis beworben.

Zu den interaktiven Trends gehört offenbar, dass die Preisträger am Tag nach der Verleihung noch nicht auf der Website zu finden sind, sondern die User sie sich auf anderen Websites ersurfen müssen.

Das Verfahren war wahrscheinlich schon seit jeher so oder so ähnlich, aber vielleicht nicht nur mir bislang unbekannt.

 « 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 »


onlinejournalismus.de beobachtet die Entwicklung des Journalismus im Internet.

onlinejournalismus.de wird mit WordPress betrieben (Theme: Modern Clix von Rodrigo Galindez).