Archivierte Einträge für Negativbeispiel

Online? Zum Kotzen! (sic!)

In der Mailingliste Jonet fragte ein Kollege, ob das bei Stern.de gezeigte Bild eines sterbenden “Tierhetzers” in Pamplona noch zum “Qualitätsjournalismus” gehöre. Je nun, ich habe mal kurz geschaut, bei Bild.de und Focus Online gibt es sogar Bewegtbilder, die zeigen, wie ein Stier diesen Menschen auf die Hörner nimmt (diese Videos werden sicherlich auch bald bei anderen Angeboten zu sehen sein). Bei Express.de fand ich sie indes noch nicht, dafür gibt es dort eine weitere Pretiose onlinejournalistischen Arbeitens zu bestaunen: Ein junge Frau kotzt neben einem Express-Mitarbeiter, der Anreißertext zu diesem 16-Sekunden-Stück: “Online-Oli bringt Fans zum Würgen. Eine junge Dame “unter-bricht” mal kurz Online-Oli”.

Nachtrag 11.07.09

Die erste Szene aus dem genannten Video (u.a. bei Bild.de und Focus Online) zeigt offenbar nicht, wie ein Mensch zu Tode kommt. Erklärungen, ob es wirklich so ist, gibt es allerdings nicht, man kann also darüber spekulieren – das ist nicht unbedingt der Sinn von Berichterstattung.

Zeit Online huldigt Renault

Die “Probefahrt” ist seit vielen Jahren Bestandteil der gedruckten “Zeit”. In feuilletonistischer Manier fröhnen die Autoren darin dem Fahrgenuß mit einem ausgewählten Automobil. Aktuell ist der Renault Clio an der Reihe – “Ein Auto mit Bildungsauftrag”, heißt es in der Überschrift. Flott geht es weiter: “Als der créateur d’automobiles den Clio erschuf, hatte er einen besonders guten Tag.” Und so weiter und so fort.

Nach Lektüre der allzu wohlfeilen Huldigungen für dieses Fahrzeug könnte man sich fragen, ob Renault dem Autor oder der Zeitung dafür nicht auch einen guten Tag in Form einer finanziellen Zuwendung beschert hat. Was in der Zeitung schon anrüchig erscheinen mag, bestätigt sich schließlich bei Zeit Online als Schleichwerbung (der Link führt zum PDF-Dokument “Praxis-Leitfaden Ziffer 7 Pressekodex” des Deutschen Presserats: Die achtteilige Bildergalerie könnte eins zu eins einem Prospekt des Fahrzeugherstellers entstammen: Die Bilder stammen von Renault, die durchweg positiven und die Vielfalt des Clio anpreisenden Texte ebenso. Schade, dass es das Meckerblog bei Zeit Online nicht mehr gibt.

Nachtrag 11.07.09
Zeit Online hat die Bildergalerie inzwischen entfernt und erklärt den Lesern diese Korrektur auch – gut so!

Nachtrag 13.07.09
Oh mei! (bayerischer Stossseufzer) Ein Leser wies eben darauf hin, dass man von mir monierte Galerie weiterhin sehen kann. Ich glaubte der Aussage von Zeit Online: “Um aber jeglichen weiteren Missverständnissen vorzubeugen, haben wir die Bildstrecke vorsorglich entfernt und nur noch ein als Werksfoto deklariertes Bild stehen lassen, das den besprochenen Wagen zeigt.”

Nachtrag 14.07.09
Wir haben den Hinweis erhalten, dass Renault keinerlei Zuwendungen an “Zeit”/Zeit Online geleistet hat. Jetzt ist die Bildstrecke endgültig weg.

Michael Jackson stirbt …

… in Deutschland ist Nacht, und sueddeutsche.de ist im Vergleich zum Wettbewerb sehr, sehr langsam. Aber muss man daraus gleich eine Dachzeile machen?

Screenshot sueddeutsche.de

Update, 10:00 Uhr

CNet berichtet über das Nachrichtenereignis im Web, Spiegel Online über das “Überlaufen” von Google News. Die Problem mit der Erreichbarkeit der L.A.-Times-Website traten bei mir nicht auf. Die L. A. Times berichtete als einer der ersten – in ihrem Newsblog. Außerdem bastelte sie rasch eine Google Maps (via the_claus).

Die New York Times sammelte weltweite User-Reaktionen auf einer Weltkarte und nutzte zuvor ebenfalls ein Blog als Format zur Begleitung des Ereignisses. Daraus ein schöner Satz zum Abschluss, der auch der Anfang eines Roman sein könnte: “By mid-afternoon, television news helicopters were hovering above the medical center.”

(Danke für Links an Marc und Claus)

Hans-Jürgen Jakobs’ „Stiftung Blasentest“

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Im druckfrischen und empfehlenswerten Werk „Die Alpha-Journalisten 2.0“ porträtiert Medienjournalist Christian Meier den Sueddeutsche.de-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs. „Der Konvertit“ lautet der Titel seines Aufsatzes. Meier schreibt:

„Auch sueddeutsche.de hat freilich beim Wettlauf um die bizarrsten Klickmonster mitgemacht. Beispielsweise mit Durst-Strecke: Die 100 besten Bier der Welt oder einer umfänglichen Galerie mit Fotos von Luxusuhren. „Da frage ich mich heute schon, wie es dazu kommen konnte“, übt sich Jakobs in Selbstkritik. Solche Galerien seien eher Katalog- als Journalistenarbeit und würden nicht mehr produziert. Seit einiger Zeit gelte für Fotostrecken eine interne Grenze von 25 bis 30 Elementen.“

Jakobs’ Einsicht in allen Ehren. Was davon zu halten ist? Weiterlesen…

Gute Freunde auch in der Krise: Die INSM und die Medien

Nur eine kurze Notiz, Kenner der Materie werden sich über das gelungene Zusammenspiel von PR und Journalismus sicher freuen. Im Tagebuch der Initiative Soziale Marktwirtschaft, abgekürzt INSM (“eine rein interessengesteuerte Pressure Group, die wirtschaftsliberale Positionen ins Land trägt, finanziert durch die Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektroindustrie”, charakterisierte sie unser Mitstreiter Fabian Mohr 2006), jubeln die Verantwortlichen heute über die gute Medienresonanz ihres eben veröffentlichten Regionalrankings:

Großes Interesse bei Online-Medien
Das INSM Regionalranking 2009 erzeugte sofort nach seiner Veröffentlichung am Donnerstagmorgen um 11.00 Uhr eine hohe Medienresonanz. Bis zum Nachmittag verzeichnete “Google News” schon mehr als 100 Verweise auf Online-Medien. Vor allem regionale Internetdienste profitierten von den detaillierten Informationen bis auf Landkreis-Ebene. Die überregionalen Medien thematisieren vor allem das schlechte Abschneiden der ostdeutschen Regionen in der Rangliste. ”Auch zwanzig Jahre nach der Wende verzeichnet die INSM ein großes Gefälle zwischen Ost und West”, schreibt zum Beispiel die ZEIT ONLINE. Und FOCUS Online setzt noch eine Spitze drauf: “Blühende Landschaften gibt es 20 Jahre nach der Wende vor allem in Bayern”, schreiben die Münchner.

Nachtrag 23.04.2009
Im sehr empfehlenswerten Newsletter des Netzwerk Recherche wird die von einigen Medien praktizierte Praxis heute auch noch mal kritisiert: “Unkritische Berichterstattung spielt Lobbyismus in die Hände”. Weitere Beiträge fanden sich einige Tage nach unserem Bericht im Zeit Meckerblog (“Kommentarlose Übernahme von PR-Informationen”, dort auch die Kommentare beachten!) und im Blog Lobbycontrol (“Erneut unkritische Berichterstattung über INSM Ranking”).

Kleiner Denkanstoss zum Bilderklau im Internet

Im aktuellen ABZV-Newsletter (ABZV steht für Akademie Berufliche Bildung der deutschen Zeitungsverlage e.V.) stellt sich Kurt Braun, Medienanwalt und ABZV-Referent, presserechtlichen und medienethischen Fragen zum Amoklauf von Winnenden. Ein interessanter Auszug daraus:

[ABZV:] Focus hat 13 der 15 Opfer auf dem Cover gezeigt. Die Fotos scheinen teils Internet-Portalen wie SchülerVZ oder Lokalisten entnommen zu sein – ist das zulässig?
[Kurt Braun:] Die Veröffentlichung von Fotos, wenn sie denn ohne Einwilligung der Eltern oder sonst Berechtigten aus Portalen wie SchülerVZ entnommen worden sind, wäre schlicht ein rechtswidriger Eingriff in das Persönlichkeitsrecht. Die Einwilligung der Schüler oder Lehrer zur Publikation ihrer Bilder galt nur für das jeweilige Portal, nicht aber für Dritte, wie sensationssüchtige Medien. Wenn Focus die Bilder ohne Einwilligung aus dem Internet genommen hat, so wäre es schon mehr als erstaunlich, dass ein Chefredakteur, der stets auf die Wahrung seines eigenen Persönlichkeitsrechts bedacht ist und deshalb mehrfach die Gerichte bemüht hat, diesen rechtswidrigen Eingriff zugelassen hätte.”

Onlinejournalismus.de hat sich in den letzten Wochen auch mit diesem Thema beschäftigt (siehe etwa “TV-Beitrag: Raubzug im Internet – wie Medien Privatfotos stehlen”). Den sehr empfehlenswerten, monatlich erscheinenden ABZV-Newsletter können sie unter www.abzv.de/Newsletter/Newsletter.php abonnieren, dort finden Sie auch das ganze Interview mit Medienanwalt Braun in einem PDF.

Die taz, Open Access, Web2.0 und Journalismus: Wie peinlich kann es werden?

Man muss aufpassen, nicht als beleidigter Eiferer zu erscheinen, wenn es um die eigenen Texte und Standpunkte geht. Aber was die taz gerade macht, ist so peinlich, dass es kracht. Auf den unsäglichen taz-Artikel von Rudolf Walther hatte ich bereits hingewiesen; und mit mir eine Armada von “Bloggern”, wie die taz sie nennt. Und hier folgt der Perspektivwechsel, denn jetzt geht es nicht mehr um Google Books, Open Access und den Heidelberger Appell. Jetzt geht es um Journalismus im Jahr 2009. Weiterlesen…

TV-Beitrag: “Raubzug im Internet – wie Medien Privatfotos stehlen”

Unter diesem Titel gibt es heute Abend (21:45 Uhr, ARD) einen Beitrag des NDR-Magazins Panorama – ich bin gespannt darauf. Sicherlich gibt es den Beitrag auch wieder im Netz zum Download, wir weisen dann natürlich darauf hin; in der Vorschau heißt es u.a.:

“Sie suchten im Internet, fanden Fotos und kopierten sie einfach. Das Netz als Selbstbedienungsladen – so sehen das offenbar immer mehr Pressevertreter. Es wird geklickt, kopiert, veröffentlicht – rücksichtslos und ohne Erlaubnis. Und weil jede Redaktion die Erste sein will, passieren Fehler.”

Vor vier Wochen dokumentierten wir hier einen Fall, bei dem das Hamburger “Abendblatt” sich in Berichten über ein Familiendrama, bei dem vier Menschen ums Leben kamen, offenbar mit Bildern aus dem Internet behalf (siehe: “Exklusives “Internet-Tagebuch des Familienmörders”). Die Bilder stammten von einer Internet-Seite des Familienvaters, der sich uns seine Familie getötet hatte. Als Fotograf gab das “Abendblatt” allerdings den Namen des “Abendblatt”-Autoren Florian Büh an.

Dieser wollte uns keine Auskunft über die Herkunft der Bilder geben und verwies an “Abendblatt”-Chefredakteur Claus Strunz. Der wiederum antwortete uns trotz mehrmaliger Nachfragen bis dato nicht. Die entsprechenden Seiten wurden inzwischen kommentarlos von der “Abendblatt”-Website entfernt (die Bildunterschriften sind allerdings weiterhin einsehbar). Medienethik scheint für Strunz, der sich in Sonntagsreden gerne für seinen “Journalismus 2.0″ und seine Lesernähe rühmt, keine Rolle zu spielen.

Update 27.03.2009
Das Video der Panorma-Sendung ist jetzt auf der Website. Außerdem gibt es einen interessanten Schriftwechsel zwischen der Panorama-Redaktion und “Bild”-Pressesprecher Tobias Fröhlich (PDF). Im Panorama-Forum kritisieren Zuschauer zurecht, dass die Redaktion in ihrem Beitrag die Rolle der Öffentlich-Rechtlichen bei der Winnenden-Berichterstattung überhaupt nicht reflektiert und nur auf die einschlägigen Verdächtigen, wie “Bild” und Privatsender, eingeht.

Nachtrag 01.04.2009
Über das Schweigen ansonsten gerne sprechender Chefredakteure hat sich auch Stefan Niggemeier in dem Beitrag “Niemandem Rechenschaft schuldig” Gedanken gemacht.

Die April-Ausgabe des ABZV-Newsletters bietet einen kleinen Denkanstoss zum Bilderklau im Internet.

Gegen Bezahlung: DerWesten lässt das Höschen runter

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Auf der verzweifelten Suche nach Erlösquellen ist Netz-Medien mitunter kein Mittel zu schade. DerWesten wirbt bei Parteien mit einem dubiosen Angebot. Weiterlesen…

Enttäuschung: “ARD Video” im Appleladen

Als ARD-Mitarbeiter jauchzte ich auf, als der iTunes-Newslettter ankündigte: “ARD Video startet kunterbunt bei uns im Store.” Die Freude wich Enttäuschung, als ich mir das Angebot anschaute: Ein Häuflein Kinder-Serien und “hochwertige” Geo-Dokumentationen – kostenpflichtig.

Natürlich gibt es bei der ARD bzw. Tochterfirmen offline seit ewigen Zeiten bestimmte Produktionen kostenpflichtig zu erwerben (Hörbücher, Serien-DVDs …). Aber im populären iTunes-Store unter Trara ein Angebot mit dem scheinbar allgemeingültigen Namen “ARD Video” für Kaufware einzurichten, unter dem die Nutzer eher eine vollwertige Mediathek erwarten? Das tut den bereits verstreut und vor allem kostenlos via iTunes-Shop erhältlichen ARD-Angeboten Unrecht und löst bei den Gebührenzahlern – wie in den Nutzerkommentaren bei iTunes – Unverständnis und die berechtigte Frage aus, wofür sie denn noch alles zahlen sollen.

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