Archivierte Einträge für Negativbeispiel

Bei der Unterhosen-Parade hat Springer die Nase vorn

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Feinripp-Versorgungsunternehmens Schiesser sind ein ohnehin quotenträchtiges Thema, das man im Onlinejournalismus geradezu ideal als Bilderstrecke aufbereiten kann – zumindest denkt man das bei Welt Online.

Völlig untypisch besteht diese nur aus fünf Bildern (darauf fünf Herren, zwei Damen). Doch wer das knappe Fotomaterial der gängigen Agenturen zu diesem Thema kennt, weiß, dass sich die Welt hier ganz schön ins Zeug gelegt hat: Vier Fotos stammen von Schiesser direkt, eins vom Themendienst GMS. Sicherheitshalber schiebt Welt zusätzlich zwei ältere Bilderstrecken hinterher: “Spektakuläre Insolvenzen” und “Weitere Pleiten”.

Damit liegt Welt Online weit vor der Kollegen. Spiegel Online hatte das Thema vorhin nicht einmal auf der Seite. Die FAZ bietet einen eigenen Korrespondentenbericht – nüchtern aufgemacht. Das Handelsblatt verlässt sich auf eine knapp bekleidete Dame als Teaserbild (“Da konnte Schiesser auch die beste Werbung nichts helfen.”) – und recycelt seine Bildstrecke “Insolvente Kultunternehmen”. Ähnlich bei der Süddeuschen: “Pleiten deutscher Traditionsunternehmen” zählt neun (größtenteils langweilige) Bilder.

Der Westen ist offen und ehrlich: “Die Schiesser AG hat Insolvenz angemeldet. Grund genug für einen fotografischen Ausflug in die Welt der Unterwäsche.”

Mord, Sex und Bernd das Brot: Nachrichten-Darwinismus beim Marktführer

Screenshot Schaukasten “Seite 2” bei Spiegel OnlineGrundsätzlich war die Einführung einer “Seite 2″ bei Spiegel Online im Mai 2008 ja eine super Idee (und ist es noch). Aber darüber, welcher Themenmix dieser Seite für “Reportagen, Analysen, Interviews” wie im konkreten Fall aktuell auf der SpOn-Startseite beworben wird, ließe sich vielleicht noch mal diskutieren … Ohne den Hintern im Großformat wäre es doch auch gegangen, liebe Kollegen!

Oh Mey, “Abendzeitung” …

Zwar ist das Münchener Boulevardblatt etwas spät dran (andere Medien waren schon im September so gefügig) mit der Präsentation der Mey-Herbst-/Winterkollektion im Rahmen der Kampagne “Me, MYseLf aNd MeY”, aber elf mitunter heiße (naja) Bilder (unter anderem Sarah Wiener, Annett Louisan, Ralph Herforth) klicken die Nutzer an diesen kalten Tagen gerne durch. Einzige redaktionelle Leistung ist wohl das hingehauchte “Eine feine Sache!” beim letzten Bild, dort pappt auch noch mal schön das Mey-Logo drauf. Beim Deutschen Presserat kann man sich übrigens seit einigen Tagen über solche redaktionellen Meisterleistungen online beschweren.

Nachtrag
Auch fleißig beim Dessous- und Unterbux-Journalismus dieser Tage:

Po-Sex und Sterbehilfe bei sueddeutsche.de

Bei sueddeutsche.de interessiert sich niemand für Analverkehr. Diese These lässt sich zumindest aus folgender Beobachtung ableiten: Spätestens seit Freitag steht dort ein Text aus dem aktuellen “Süddeutsche Zeitung Magazin” über “Die neue POpulär-Kultur” online. Offenbar hat aber seitdem niemand aus der Redaktion den Text bis zum Ende gelesen.

Screenshot sueddeutsche.de 'Die neue POpulär-Kultur' Garniert wird dieser nämlich nicht nur etwa in der Mitte mit der Anzeige einer bekannten Partnervermittlung (“Kostenloser Persönlichkeitstest! Jetzt testen und den passenden Partner finden!”), sondern zum Abschluss auch mit einer Google-Anzeige für

Sterbehilfe
Riesenauswahl zu Niedrigpreisen
Sicher bei eBay kaufen & verkaufen!”

(Dass die SZ-Redaktion eigentlich nicht so prüde sein kann, dass sie den Po-Sex-Beitrag verschämt übergangen hat und ihr der krasse Widerspruch deshalb nicht auffiel, zeigt der dort ebenfalls verlinkte Artikel mit dem Teaser “Das letzte Türchen – Unser Autor hat sich am 24. Dezember ins Bordell gewagt.”)

Nachtrag, 17.01.2008:
Noch peinlicher als die Tücken des Google-Automatismus ist es natürlich, wenn so etwas den Kollegen eines “Nachrichtenkanals” im Fernsehen passiert. Wieso gibt es bei N24 um 22 Uhr niemanden mehr, der sagen kann “Schaltet die TUI-Werbung sofort ab, scheißegal.”, wenn über ein Flugzeugunglück berichtet wird?

Vergessen Sie die Medienkrise, Suite101 hat gute Nachrichten für Sie!

Journalisten aufgehorcht: “Berlin, den 7. Januar 2009. Auch in Zeiten der Medienkrise gibt es noch gute Nachrichten.” Man möge mich einen notorischen Miesepeter zeihen, wenn ich sage, dass ich diesen Einstieg für misslungen halte. Aber es soll hier nicht um Geschmäcklerisches gehen. Weiterlesen…

“Glokal-Journalismus” konkret

Redakteure aus Indien berichten über Gemeinderatssitzungen in Kalifornien. Dieser – schon zwei Jahre alte – Aufreger ist symptomatisch für die US-Zeitungskrise. Weiterlesen…

Problematisch? Bloggende Politiker auf journalistischen Websites

Am 27.18. Januar wird in Hessen gewählt. Der Hessische Rundfunk meldet heute, dass am 5. Januar sein “umfangreiches hr-online-Wahlangebot” unter wahl.hr-online.de starten wird. Als Besonderheit wird unter anderem erwähnt, dass Politiker ein Wahlkampf-Blog bei HR Online führen.

Und so wird es angepriesen:

“Den Wahlkampf aus Sicht derer erleben, die ihn führen: neue Perspektiven ermöglicht jetzt ein Blog, mit dem hr-online vom 5. Januar an die heiße Phase des hessischen Wahlkampfs begleitet. Fünf Politiker der im Landtag vertretenen Parteien führen gemeinsam und abwechselnd Tagebuch im Netz, über Persönliches und Politisches, über Termindruck und Standdienste, über Ärger mit Plakaten und die Freude am Diskutieren. Sie schreiben als Beteiligte und als Betroffene. Begleitet von den Kommentaren der Blog-Leser reflektieren sie die Ausnahmesituation eines kurzen, gedrängten Wahlkampfs kurz nach dem Jahreswechsel.”

Solche Wahlkampf- oder Politiker-Blogs sind freilich nichts Neues. Bei Focus Online beispielsweise bloggen seit über drei Jahren Oswald Metzger, der mittlerweile für die CDU, oder die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin. Diese Politiker-Blogs sind mittlerweile nur noch im Hinterzimmer angesiedelt (über die Navigation habe ich sie nicht gefunden), als wäre diese Polit-PR mehr oder weniger peinlich.

Das neue Blog-Angebot des Hessischen Rundfunks halte ich ebenso für unangebracht: Es kann nicht Aufgabe einer journalistischen, zumal einer öffentlich-rechtlichen Seite sein, auf diese Art und Weise den politischen Diskurs in Gang zu bringen. Eine Frage die sich in diesem Superwahljahr öfters stellen wird. Klar will man nur so gut wie möglich informieren und zur Meinungsbildung beitragen, aber dass man sich dermaßen in die Nähe der handelnden Akteure begibt und ihnen so einen prominenten Raum zur Eigen-PR einräumt, kann doch wirklich nicht Sinn der Sache sein.

Nachtrag
Ein ähnliches Projekt bietet PHOENIX mit dem “MDB 2.0 das Bundestags-Tagebuch”:

“Es liegt nahe, dass PHOENIX sich auch an neuen Formen der Berichterstattung über das Parlament und der medialen Kommunikationsvermittlung zwischen Bürger und Abgeordneten beteiligt.”

Nachtrag 14.01.09
Via dem sehr lesenswerten Augsblog habe ich eben von folgendem Irrsinn bei HR Online erfahren:

Hinweis zur Forennutzung
Der Hessische Rundfunk steht als öffentlich-rechtlicher Sender in der besonderen Verantwortung, in Wahlkämpfen absolute Neutralität zu wahren. Das gilt auch für vom hr betriebene Plattformen mit nutzergenerierten Inhalten. Wir bitten Sie daher um Verständnis für die Entscheidung, bis zur Landtagswahl am 18.1.2009 keine politischen Meinungsäußerungen in den Foren der hr-community zuzulassen.”

Schade, so etwa trübt natürlich den insgesamt guten Eindruck von der Sonderseite des HR Online zum Wahlkampf, nein, es führt das Ganze leider ad absurdum. Schade. Mathias Schindler hat in seinem Weblog nicht nur den Beitrag “Öffentlich-Rechtliche Informationsselbstkastration in Hessen” geschrieben, sondern auch gleich beim Hessischen Rundfunk nachgefragt, die – wie ich finde fadenscheinige – Antwort findet sich hier.

Ein gutes Neues…

Etikettenschwindel: “Bilderserie, 1 Bild”

Etikettenschwindel beim ZDF: Heute.de preist diese Telefonschalte seines Korrespondenten aus Bombay auf der Startseite als “Bilderserie” an. Offenbar bietet die (für reine Bildergalerien meiner Meinung nach auch aus Usersicht viel zu komplizierte) Mediathek die Möglichkeit, mit Bordmitteln des CMS eine Audio-Slideshow zu basteln.

Leider ist gut gemeint auch in diesem Fall nicht gut gelungen: Während des ganzen Berichts sehen wir lediglich ein und dasselbe Bild des Korrespondenten (was in der Mediathek bei genauem Betrachten, auf der Heute-Startseite aber nicht ersichtlich ist). Kann man machen, aber dann doch bitte nicht als Bilderserie anpreisen. Und ein Zeitstempel, von wann genau der Bericht ist, fehlt bei diesem so zeitkritischen Ereignis leider auch.

Screenshot der ZDF-Mediathek

Blogs, Meinungsfreiheit, PR & Lügen: DFB vs. Jens Weinreich

Der freie Sportjournalist Jens Weinreich hatte im Juli im Blog Indirekter Freistoss in einem Leserkommentar den DFB-Präsidenten Theo Zwanziger als “unglaublichen Demagogen” bezeichnet.

“Dagegen hatte Zwanziger vor Gericht geklagt und bis jetzt zwei Mal verloren, ein drittes Mal [wollte] er es offenbar in seiner Heimat Koblenz versuchen. Nun macht sein Verband aus dem Schmierenspiel eine einzige dummdreiste Lüge und fantasiert von einer diffamierenden Kampagne, die der Journalist angezettelt habe. Kein Wort von den verlorenen Prozessen, kein Wort davon, dass der Journalist nicht eingeknickt ist und keine Erklärung abgegeben hat, sondern bei seinem Wortlaut bleibt”,

beschreibt Hal Faber in seiner Heise.de-Kolumne “Was war. Was wird.” den Sachverhalt. Weiter heißt es dort:

“Vom DFB-Präsidenten ist dieser Satz unstrittig zitierbar: “Wenn sie die Kommunikationsherrschaft nicht haben, sind sie immer Verlierer.” Ein Verlierer will er auf keinen Fall sein, der Kommunikationsherrscher. Was ist eigentlich jemand, der zwei Gerichtsbeschlüsse unterschlägt? Macht ihn die Defraudation zu einem Defraudagogen?”

Wer den ganzen Sachverhalt noch mal nachlesen will (es lohnt sich wirklich!), möge die folgenden Quellen nutzen. Die Sache bietet viel Materie für Lehrbücher oder Seminare: Ob – wie zuletzt – völliges PR-Versagen, Medienethik, das Ausreizen der Meinungsfreiheit oder irrationale Ängste vor der Internet-Kommunikation. Und alle Quellen sind so weit als möglich für jedermann zugänglich. Weiterlesen…

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