Archivierte Einträge für Negativbeispiel

Klick – Neid – Klick

Wie stellt man 170 Berufe und deren Einkommen, geliefert von Destatis, dar? Als Tabelle? Ist unübersichtlich, aber wenigstens auf einen Blick zu erfassen. Im Netz bedeutet das aber ja nur einen Aufruf für die Seite. Was also tun bei der PI-heischenden äh journalistischen Präsentation dieser Ergebnisse?

Welt online ist dabei recht kreativ geworden. Sie haben hier die Ergebnisse in eine Fotogalerie gepackt. Clever, kann man dazu nur sagen.

welt

Denn hier spielt man mit dem Neid der Leute. Ich muss wissen, was mein Nachbar verdient. Mal abgesehen davon, dass es eine deutsche Unart ist, nicht übers Gehalt zu reden, kann man auch ganz gut über “die da oben” lästern. Mithin ist ein solches Ranking immer wieder gern genommen.

Dabei 170 Klicks zu generieren, um diesen Neid zu füttern, ist allerdings dreist. Das ist jedenfalls kein non-lineares Erzählen, kein Journalismus.

Das ist schlicht und ergreifend Klick-Grabbing.

Weitere Links
… bei onlinejournalismus.de:

Viel Ballyhoo: Yahoo-Dossier bei Meedia

Seit einer Woche ist Meedia, “Deutschlands neues Medien-Portal”, am Start. In einem ausführlichen Dossier widmet sich die in Hamburg ansässige Redaktion heute dem Kampf um Yahoo. Das Dossier, Meedia nennt es ein “Special”, hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Weiterlesen…

Relaunch von Handelsblatt.com: “Wir sind die Größten!”

Thomas Knüwer lästert in seinem Blog Indiskretion Ehrensache ja gerne – und vor allem für den Leser genüßlich – über die Spezies der so genannten PR-Anja-Tanjas (siehe etwa die unter “Berufskommunikator” verschlagworteten Beiträge).

Den Text von “Handelsblatt”-Chefredakteur Bernd Ziesemer zum neu gestalteten Angebot von Handelsblatt.com, “Wir stehen für Qualitätsjournalismus”, würde ich auch in dieser Straf-Rubrik einordnen. Freilich darf und soll sich ein Chefredakteur mit lobenden Worten über das neue Internet-Angebot seiner Zeitung freuen und dies auch äußern. Ziesemer weiß sich jedoch vor lauter Eigenlob überhaupt nicht mehr zu bremsen, seinen Text hätte er besser mit “Wir sind die Größten!” betiteln sollen. Mit so einem super-duper-Artikel trübt er eher den Blick auf ein solides Werk, dass zudem noch mit technischen Startproblemen zu kämpfen hat.

Nachtrag, 15.30 Uhr
Obacht, ich muss eine Warnung vor Qualitätsjournalismus ausgeben, der Begriff wird dieser Tage offenbar inflationär gebraucht: allein Ziesemer spricht in seinem o.g. Artikel drei mal von Qualitätsjournalismus und zwei mal von der Qualitätszeitung. Aber wir wollen auch hier den Proporz wahren und schauen zu den Öffentlich-Rechtlichen: Das ZDF lobte sich in einer eben veröffentlichten Pressemitteilung für seine EM-Berichterstattung: “Qualitäts-Journalismus und beste Unterhaltung unter dem “Tosca”-Auge”, heißt es in der Überschrift. “Das große Auge aus der
Opernkulisse der Tosca-Aufführung ist in diesem Sommer zum Symbol für journalistische Qualität und die Leichtigkeit bester Fernsehunterhaltung geworden”, sagte ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender.

Wer jetzt Appetit bekommen hat und selbst zu den Größten aufsteigen möchte, für den habe ich auch noch was: Zum Qualitätsjournalisten MA (Master of Arts) kann man nämlich jetzt schon in vier berufsbegleitenden Semestern werden und man braucht nicht mal unbedingt journalistische Erfahrung dafür haben: “Das Internationale Journalismus Zentrum (im österreichischen Krems, T.M.) bietet ab 2008 sein etabliertes Master-Programm “Qualitätsjournalismus“ erstmals auch in Deutschland (Hagen) an.” Liebe Leute, backt doch alle ein bisschen kleinere Brötchen!

Netzeitung: Warum nicht mal ein Nazi-Vergleich?

Nürnberg? Da denkt doch jeder gleich an … na, klar. Jedenfalls dachte sich das offenbar heute ein gefrusteter Wochenenddienstler jemand bei der Netzeitung.

Screenshot Netzeitung, 14.06.08

Rundfunkänderungsstaatsvertragsdiskussion

Die Diskussion wird also weitergehen (mehr: sueddeutsche.de, tagesschau.de). Vielleicht mit etwas weniger Schaum vor dem Mund und etwas mehr Sachverstand, so meine stille Hoffnung.

Dem schreibenden Kollegen Michael Hanfeld wünsche ich, dass er sich etwas beruhigt, etwas weniger Angst um seinen Job hat und vielleicht auch sein Vokabular überprüft. Nach der von ihm befürchteten “Enteignung der freien Presse” (FAZ, Juni 2007) schrieb er im Vorfeld des gestrigen Rundfunkänderungsstaatsvertragsergebnisverkündungstags fast schon ein Ermächtigungsgesetz herbei:

Man wird dieser Tage Zeuge, wie sich ein Apparat des Schreibens bemächtigt. Wie sich riesige Rundfunkanstalten zu Textkonzernen entwickeln, die über jeden Sachverhalt des Lebens schreibend berichten werden und damit der freien Presse den Raum nehmen.

Das Zitat ist aus einem Kommentar – aber auch in seinem Bericht benutzt Hanfeld wieder die Vokabel “ermächtigt”.

Eine ähnlich krude Argumentation gab es im gedruckten “Spiegel” dieser Woche – dort wurde hergeleitet, dass der Rundfunkänderungsstaatsvertrag der Politik Gelegenheit zur Zensur von privatwirtschaftlichen organisierten Online-Medien geben würde.

Update:
Hier noch der Link zu dem abstrusen Spiegel-Trakat (via netzpolitik-Kommentare).

(Ich arbeite u. a. für NDR und WDR.)

SpOn: Und wieder übergeigt

Was ist ein “Mysteriöses Auftreten der geretteten Affenforscherin” (so die Überschrift einer aktuellen Spiegel -Online-Meldung)? Im Teaser heißt es:

Sichtlich erschöpft trat sie vor die Presse: Die im Urwald im Kongo vermisste Deutsche zeigte sich vier Tage nach ihrer Rettung in der Öffentlichkeit. Über ihr zwölftägiges Verschwinden hüllte sie sich jedoch in Schweigen.

Klar, das wollen wir wissen und klicken. Und was erfahren wir? Weiterlesen…

Virales Marketing: Lange Leitung bei stern.de


Bei stern.de gibt es seit 30.5. einen kurzen Artikel über den angeblichen Aufstieg von reichen Rap-Kids von der US-Ostküste, die mit Golf-Klamotten, Sportwagen und edlen Elternhäusern protzen. Die Meldung beruht auf einem Musikvideo, das auf den einschlägigen Plattformen kursiert. Von stern.de wurde es auf den eigenen Server übernommen und in die Meldung eingebunden.

Total unwahrscheinlich natürlich, die ganze Geschichte. Wirklich koscher ist auch den stern.de-Redakteuren das Video offenbar nicht vorgekommen. Aber kurz die Quelle nachzurecherchieren war offenbar nicht drin. In den Nutzer-Kommentaren bekommt die Redaktion das um die Ohren gehauen. “Das es sich hierbei um Werbung für Smirnoff handelt, erfährt man spätestens am Ende des Videos”, schreibt ein User am 1.6. (am Ende des Videos wird eine Internetadresse genannt). Andere äußern sich ähnlich.

Am 2.6. reagiert die Redaktion:

Sorry, liebe stern.de User

Dass bei dem Video virales Wodka-Marketing eine Rolle spielt, hatten wir tatsächlich auch gemerkt – aber leider hatten wir eine Zeitlang einen falschen, veralteten Text zum Video gestellt, in dem dies nicht erwähnt war.
Wir bitten um Entschuldigung.

Die Reaktion erfolgte allerdings nur in den – auf der Artikelseite nicht sofort ersichtlichen – User-Kommentaren. Aus dem dem jetzt online stehenden Artikel wird weiterhin nicht klar, wem man da aufgesessen ist. Dafür wurde der Artikel immer noch auf der Startseite verlinkt. Noch einmal ein User dazu:

Ja, sorry hin oder her… aber warum steht dieser Scheiß immernoch auf dem Titel und wird nicht gelöscht, obwohl Ihr es schon gemerkt habt?”

Darauf gibt es von stern.de bisher keine öffentliche Reaktion. Derlei User-Kommentare zu ignorieren – stern.de ist dabei ja nicht allein – ist für Online-Redaktionen aber fahrlässig, aber sympomatisch für die Aufmerksamkeit, die in vielen Redaktionen dem “User-Ghetto” Kommentare geschenkt wird. Personal- und Zeitmangel bei den Redakteuren hin oder her: Eine Nicht-Reaktion kann das Vertrauen des Publikum untergraben. Noch einmal ein Nutzerkommentar bei stern.de:

wieso wird sich also einfach eine Geschichte ausgedacht ? Ich möchte gar nicht wissen, was bei ernsteren Themen alles verdreht wird, nach dem Motto was nicht passt, wird passend gemacht.

Update, 7.6.2008:
Inzwischen heißt es im Artikel:

Ob das alles ernst gemeint ist, oder dahinter doch die ausgeklügelte virale Kampagne eines Wodka-Produzenten steckt, weiß eigentlich niemand so genau – aber im Internet sind die weißen Snob-Rapper ein Riesenhit.

Zu spät, übergeigt – egal

Wie sieht ein Artikel aus, wenn die Berichterstatter eigentlich zu spät kommen, aber sich das Thema dennoch nicht entgehen lassen wollen? Bei Spiegel Online zum Beispiel so:

Privathochschüler: Zoff um StudiVZ- Gruppe

“Oestrich-Winkel: Studieren, wo andere für immer leben müssen” – in der hessischen Provinz kam es zum Showdown um diesen Namen einer StudiVZ-Gruppe. Es duellierten sich: Jusos und Studenten der noblen Zwerghochschule EBS.

Immerhin bedient sich Spiegel Online im Teaser hier der Vergangenheitsform. Denn der Protest der Jusos ereignete sich im April, wie wir aus dem kurzen Bericht, der dem Teaser folgt, lernen. Und noch mehr:

Nach einigen Medienbeiträgen über den Streit ist der Eintrag auf der Internet-Plattform mittlerweile allerdings wieder verschwunden. “Wir sind guter Dinge, dass sich jetzt alles wieder einrenken wird”, sagt Juso-Vorsitzender Busch.

SpOn hätte die Berichterstattung doch in diesem Fall einfach mal bleiben lassen können. Oder klopfen sie im Moment sämtliche geschätzten 50.145 StudiVZ-Gruppen auf Konfliktpotenzial ab? Da hätten sie einiges zu tun. Nächster Kandidat zum Beispiel die Gruppe: “Gegen Iserlohner Disco-Hasen, die sich als BiTS Studis ausgeben”

Der Eklat und die Agentur

Drei Stimmen mehr für den NPD-Kandidaten in Sachsen – wer war’s und was schreiben Agenturen und Redaktionen? Eine Meldung, große Aufregung in den Redaktionen und Erregung bei einem Teil des Publikums.

Die Geschichte: bei St. Niggemeier und Th. Knüwer.
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Amateur-Videos: Fußballverband grätscht Hartplatzhelden vor Gericht ab

Das Landgericht Stuttgart hat gestern der Klage des Württembergischen Fußballverbands (WFV) entsprochen, der dem Portal Hartplatzhelden untersagen will, Videos von Wettbewerbsspielen aus seiner Region zu zeigen. Ein formidables Eigentor haben die WFV-Apparatschiks aus Stuttgart da geschossen.

Aber noch gibt es Hoffnung: “[D]ie Hartplatzhelden nehmen die Hinspielniederlage aufgrund schwacher Schiedsrichterleistung sportlich und gehen in die nächste Instanz”, schreibt Jürgen Kaube in der “FAZ” in seinem außergewöhnlich parteiischen Artikel “Kein Platz für Amateure im Internet”.

Auch ich bin parteiisch in dieser Sache: Ich drücke dem geschätzten Journalisten-Kollegen und anerkannt Fußballverrückten Oliver Fritsch, der mit seinem Team dieses Portal betreibt, die Daumen für das “Rückspiel”.

Auf Hartplatzhelden.de kann man sich in einer Unterschriftenliste solidarisch mit den Betreibern zeigen, dort findet sich auch ein Pressespiegel, der den Ärger über das mangelnde Medien- und Kulturverständnis der württembergischen Fußballfunktionäre eindrucksvoll dokumentiert.

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