Archivierte Einträge für Onlinejournalismus

Obama-Ticker: Nichtigkeiten im Minutentakt

Seit 18:47 Uhr begleitet Spiegel Online den knapp 24-stündigen Besuch von US-Präsident Barack Obama in Berlin mit einem Live-Ticker. Und der zeigt schon 4 Stunden und geschätzte 60 Einträge weiter Glanz und Elend dieser Darstellungsform.

Was bei einer Papst-Wahl spannend sein mag, erinnert in Fall Obama eher an den legendäre Trainer-Ticker des Kölner Expresss zur Zukunft von Christoph Daum. Hieß es weiland noch „10:15 Uhr: Daums Ehefrau Angelica bringt den wartenden Journalisten Kaffee und Hanuta“, so dokumentiert diesmal das dreiköpfige Ticker-Team von Spiegel Online entscheidende Momente wie:

20:26 Uhr: Die Treppe fährt heran
20:26 Uhr: Die hintere Tür ist schon offen, dort steigen Mitarbeiter von Obama aus
20:27 Uhr: Die vordere Tür ist offen, die Treppe dockt an
20:28 Uhr: Der rote Teppich wird ausgerollt
20:30 Uhr: Noch nichts vom Präsidenten zu sehen. Ein Mitarbeiter steht in der Tür des Flugzeugs und schaut skeptisch auf die Treppe
20:30 Uhr: Das Ehrenspalier der Soldaten steht bereit.
20:31 Uhr: Außenminister Westerwelle steht unten auf dem roten Teppich bereit.
20:31 Uhr: Die Limousinen des US-Präsidenten sind vorgefahren,
20:32 Uhr: Nun ist alles für Obama bereit

Positiv ist zu bemerken, dass der SpOn-Ticker die technischen Möglichkeiten seiner Plattform Scribble Live ausnutzt. Kuratierte Tweets und Fotos von Schaulustigen dokumentieren den Weg der Fahrzeugkolonne des Präsidenten durch Berlin.

Noch schöner und stimmungsvoller macht das allerdings insgesamt das Live-Blog bei Zeit Online, in dem die Textbrocken formgerecht nicht ganz so kurz sind (und teilweise ziemlich ironisch).

Update, 19.06.2013:
Inzwischen hat sich der Spiegel-Ticker auf höherem Niveau eingegroovt. Es tickern inzwischen auch die Süddeutsche (ebenfalls via Scribble Live) und Bild, wo auch ein Video-Livestream angeboten wird. Bei ZDF.de werden Reporter-Tweets aus Berlin auf der Startseite eingebunden.

Update 20.06.2013
Die FAZ sieht im übertriebenen Tickern ein generelles Problem für die Glaubwürdigkeit des Journalismus lauern:

Der Echtzeit-Journalismus wirkt auf die Demokratie verheerend, weil er immer weniger Raum und Zeit dafür lässt, die Dinge so sortieren, Abstand zu ihnen zu gewinnen und sie zu werten. Welchen Stellenwert hat es angesichts der Fülle der Belanglosigkeiten zum Beispiel, dass Obama an diesem Mittwoch die Datenschnüffelei durch Prism in kühlem Realismus gerechtfertigt und Angela Merkel hier auf Verhältnismäßigkeit bestanden hat?

Weitere Links
… bei onlinejournalismus.de

… im übrigen Internet

Offshoreleaks goes public

Die Offshoreleaks sind bislang der größte journalistische Scoop 2013. Nun ist ein Teil der Datenbank, die dokumentiert, wer sein Geld legal oder illegal jedoch meist auf verschlungenen Pfaden in Steuerparadiese geschleust hat, online.

Weiterlesen…

Firestorm: Storytelling ohne Streuverluste

Wenn weniger mehr ist: die Guardian-Web-Dokumentation Firestorm setzt Multimedia-Elemente so geschickt ein, dass sie den Lesefluss nicht behindern. Ein Storytelling-Beispiel, das Schule machen sollte. Weiterlesen…

Zensus: Daten und Visualisierungen

Heute hat das Statistische Bundesamt eine riesige Datensammlung veröffentlicht: die Ergebnisse des Zensus 2011. Neben – für eine Statistik-Behörde – erfreulich frisch aufgemachten Pressemitteilungen (Thema Bevölkerungsentwicklung insgesamt, Ausländer und Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland*, Wohnungen) gibt es auch ein eigenes Daten-Unterportal zum Thema. Dort lassen sich Daten in relativ verständlicher Form anzeigen und auch downloaden. Und was fangen Journalisten dann damit an?

  • Open Data City hat für die Bundeszentrale erste Visualisierungen auf einer Karte online gestellt (unter CC-BY-Lizenz, also auch zum Einbinden für andere Medien wie hier. So zeigt der visualisierte Ausländeranteil neben dem bekannten höheren Anteil in Großstädten sehr schön, wie in den Grenzgebieten in Niedersachsen im Westen und Brandenburg im Osten Niederländer und Polen sich ein Haus auf der günstigeren, deutschen Seite der Grenze gesichert haben.
  • süddeutsche.de hat einen „Deutschland-Atlas“ im Angebot. Ähnlich, aber nicht baugleich mit dem umfangreichen Europa-Atlas, den die SZ vor einigen Wochen veröffentlicht hat. So basiert der Deutschland beispielsweise auf Google Maps, nicht auf Bing und bietet keine keine Diagramm-Darstellung alternativ zur Karte an.
  • Spiegel Online hat das Thema nicht groß gefahren und beschränkt sich auf einen durch Bullet-Points gegliederten Überblicksartikel und in Kästen portionierten Zusatzinformationen. In Bilderstrecken werden einige simple Tortendiagramme gezeigt. Visuell ähnlich mager sieht es auch bei Zeit Online und Heute aus.

Weitere Hinweise auf journalistische Daten-Aufbereitungen zum Zensus 2011 gerne in den Kommentaren.

* Definition hier

Weitere Links
… im sonstigen Internet

  • Open Data City erläutert in Blogeintrag die Karte
  • Netzpolitik hat Open Data City zur Zensuskarte interviewt.

Topfvollgold oder komm mit ins Regenbogenland …

Mats Schönauer (links) und Moritz Tschermak

Mats Schönauer (links) und Moritz Tschermak. Foto: Privat (der Fotograf möchte nicht genannt werden)

… der Eintritt kostet den Verstand. Seit April betreiben die Dortmunder Journalistikstudenten Mats Schönauer und Moritz Tschermak das Watchblog Topfvollgold. Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit berichten sie dort über die deutsche Regenbogenpresse. Den Verstand haben sie dabei noch nicht verloren, ganz im Gegenteil: mit Witz und Sachverstand geben sie prägnante Einblicke in ein bislang noch wenig erkundetes Mediensegment und freilich spielt auch das Thema Online hierbei eine Rolle. Wir haben ein E-Mail-Interview mit Mats und Moritz geführt. Weiterlesen…

Ein Fehler, der nicht sein müsste

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Max Stadler ist gestorben – im Alter von 63 Jahren, wie Zeit Online in ihrem Artikel gleich zwei Mal schreibt. Eingebettet ist in den Text allerdings ein Tweet der FDP Bayern. Laut diesem wurde Stadler 64 Jahre alt. Das ist auch richtig, wie ein Abgleich mit dem Geburtsdatum auf Stadlers Homepage ergibt.

Artikel über Max Stadler bei Zeit Online (Screenshot)

Vermutlich bezieht sich die falsche Angabe auf eine frühere Version des ebenfalls verlinkten Artikel der Passauer Neuen Presse. Darauf deuten jedenfalls die Abgleich mit der verlinkten URL sowie Google News hin. Google News verrät auch, dass Zeit Online nicht als einziges Medium die falsche Angabe aus der PNP (und vermutlich einer darauf beruhende Agenturmeldung) übernommen hat.

Aber wenn man einen Tweet einbettet, der dem widerspricht, sollte man doch ins Nachdenken kommen, oder?

Artikel über Max Stadler bei Google News (Screenshot)

Nicht nur Stadler-Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia ist übrigens nach Stadlers Tod bereits aktualisiert (16:00 Uhr), sondern auch der in im mit der PNP verbundenen RegioWiki Niederbayern und Altötting (13:53 Uhr).

Online-Frühling: Generationswechsel oder digitale Spaltung in den Redaktionen?

Diskussinosrunde auf der Republica 2013

Moderator mit Jochen Wegner, Katharina Borchert und Stefan Plöchinger (links)

Wie sieht es aus mit der Experimentierfreude bei Formaten und Finanzierungsmodellen? Darüber diskutierten auf der re:publica 2013 drei Vordenker des deutschen Onlinejournalismus, die in vielen einer Meinung waren. Allerdings nicht ganz bei der Frage, ob mit einer neuen Journalisten-Generation (den richtigen Digital Natives) alte Wände zwischen Print- und Online-Redaktionen von selbst wegfallen – oder ob die digitale Spaltung zwischen Papierfesthaltern und digital Denken (unabhängig vom Alter der Journalisten) noch eine Weile bestehen bleibt. Eine Dokumentation der Diskussion.

Weiterlesen…

Die Themenkarriere des Leistungsschutzrechts

Christopher Buschow stellt seine Studie über Themenkarriere und Akteure der Debatte um das Leistungsschutrechts auf der Republica vor.

Christopher Buschow präsentiert seine Ergebnisse

In der Ecke unten rechts: die Blogosphäre

Wie NOZ-Chefredakteur Ralf Geisenhanslüke auf den digitalen Wandel reagiert

In seiner Rolle als Chefredakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) will Ralf Geisenhanslüke sein Blatt „als erster und bester“ der Branche in Deutschland fit machen für das digitale Zeitalter – eine Aufgabe, die so ziemlich jeder Tageszeitung in den vergangenen Jahren Sorgen bereitet hat.

Für den ABZV Videoreporter habe ich Geisenhanslüke im Februar getroffen und einen Tag lang bei seiner Arbeit begleitet.

Im Interview äußert er sich u.a. dazu, wie lange der Umbruch dauern wird und was er für seine Kollegen bedeutet, wie er seine eigene Rolle als Chefredakteur dabei interpretiert und wo die gesamte Branche in etwa zehn Jahren stehen könnte.

Das Video steht unter der Creative Commons Lizenz (BY-NC-ND 3.0 DE), das heißt Teilen, Verbreiten und Einbetten in andere Kontexte ist erwünscht, solange dies zu nicht-kommerziellen Zwecken geschieht.

Ende der Ära Blumencron für Spiegel und SpOn

Vom 1. Dezember 2000 bis Anfang 2008 war der nun abberufene Mathias Müller von Blumencron Chefredakteur von Spiegel Online, bis er zusammen mit Georg Mascolo an die Spitze des Print-Spiegels rückte. Ab Februar 2011 war Blumencron offiziell der Digital-Beauftragte des Doppelspitze, trotz oder wegen der kolportierten Auseinandersetzungen um die Digitalstrategie des Spiegels und das Reizwort Paid Content (Die Devise: „Gemeinsam Marschieren, getrennt schlagen“ ging freilich nicht ganz auf.).

Ingesamt war Blumencron also mehr als 12 Jahre für die Ausrichtung von Spiegel Online verantwortlich, seit der ehemalige US-Korrespondent des gedruckten Spiegel die SpOn-Chefredaktion nach einer hektischen Boomphase unter seinem Vorgänger Hans-Dieter Degler übernahm.

Blumencron machte SpOn endgültig zum Nachrichten-Marktführer des deutschen Online-Journalismus und zum Leitmedium für die Berliner Republik (auch wenn das Kollegen anderer Medien lange nicht zugeben wollten). Immer wieder kritisiert wurde – auch von onlinejournalismus.de – hingegen der gefühlt wachsende Anteil von Boulevardthemen, die teilweise hektische Überdrehtheit von Teasern und Schlagzeilen auch bei harten Themen.

Was die Weiterentwicklung von interaktiven und multimedialen Formaten angeht, verfolgte SpOn unter Blumencron wie beim Design angekommen den Kurs behutsamer Neuerungen, setzte immer wieder Zeichen, ohne wirklich zum Avantgardisten zu werden. Ähnlich die abwartende Haltung in Sachen Bezahlinhalte: „Warum sollte ausgerechnet Spiegel Online Vorreiter sein?“ fragte Rüdiger Ditz 2009, der Blumencron als direkter Spiegel-Online-Chef nachfolgte.

Der Erfolg dieser Linie Recht – vor allem in Vergleich mit den Schlingerkurs anderer Printhäuser. Man darf gespannt sein, was jetzt kommt. Vielleicht kehrt ja mit Wolfgang Büchner von der dpa jemand zurück, der schon mal im Team mit Ditz für die operative Umsetzung der Blumencron-Linie verantwortlich war.

Dazu drei aktuelle Stimmen – und rückblickend auf die Ära Blumencron ein paar Links auf ältere Beiträge von uns.

Wolfgang Blau, bis vor kurzem Chef von Zeit Online und nun beim Guardian:

Die Geschäftsführerin von Standard.at meint:

Und Thierry Chervel vom Perlentaucher analysiert:

Mehr über Mathias Müller von Blumencron bei onlinejournalismus.de:

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