Archivierte Einträge für Politik

Protest aus dem Netz: völlig normal

Demonstranten in Frankfurt

Für einen richtigen Rant reicht es nicht. Schließlich bin ich als Journalist, der über Internet-Themen berichtet, zum Teil selbst mit schuld. Aber es ärgert mich schon, wie sehr anlässlich der Menschen, die heute als Teil der nach Deutschland schwappenden “Occupy Wall Street”-Bewegung auf die Straße gehen, in der Berichterstattung der allgemeinen Publikumsmedien ein Aspekt betont wird: dass die inhomogene Menschenmenge, die da mit mehr oder weniger inhomogenen Zielen und Forderungen zusammenfindet, sich über das Netz organisiert.

Ja, wie bitteschön, soll sie es denn sonst machen?

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Openleaks: Wettkampf um Whistleblower

Openleaks geht in den Testbetrieb, die taz und der Freitag sind dabei. Doch auf der neuen Leaking-Plattform müssen sie mit NGOs um vertrauliche Informationen konkurrieren. Müssen sich die Medien von ihrem Exklusivitätsanspruch verabschieden, wenn sie im digitalen Wettkampf um die Gunst der Whistleblower mithalten wollen?

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Zur Geschichte des Begriffs “presseähnlich”

Stefan Niggemeier schreibt in seiner sehr lesenswerten Analyse der “Klage der Verlage gegen die Tagesschau-App”:

Die Frage, was der Begriff „presseähnlich“ bedeutet, ist entscheidend bei der Beurteilung der Frage, ob die „Tagesschau“-App rechtswidrig ist. Die Medienpolitiker der Länder haben sich diesen Begriff ausgedacht, und er ist Ausdruck eines für diese traurige Spezies typischen faulen Kompromisses.

Die erste Nennung des Begriffs “pressseähnlich” im Zusammenhang mit Internetangeboten, die ich finden konnte, stammt von 2007. Robert Schweizer, der Justiziar des Burda-Verlages, fordert damals, in den Rundfunkstaatsvertrag folgenden Passus aufzunehmen:

Gebührenfinanzierte digitale, presseähnliche Textdienste sind grundsätzlich ausgeschlossen. Die Abgrenzung zu den Online-Tätigkeiten des gebührenfinanzierten Rundfunks erfolgt abwägend in der Weise, dass die Sender im Internet rundfunkähnliche Dienste anbieten dürfen.

Auch in der späteren Diskussion wurde der Begriff vor allem von der Verlegerseite benutzt, bis er schließlich Eingang in den 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag fand. Die dortige Definition erläutert Niggemeier, ebenso wie die davon abweichende Auslegung der Verlage:

Im Kern ist die Argumentation gegenüber dem Gericht schlicht: „Presseähnlich“ sei all das, was Presseverlage machen.

Den Verlegerstandpunkt vertritt Christoph Keese vom Springer-Verlag in seinem Kampagnen-Blog.

(Ich arbeite u. a. für die Tagesschau.)

re:publica: Rückblick

Auf der gestern eröffneten re:publica 11 hat Markus Beckedahl die Initiative “Digitale Gesellschaft” vorgestellt, die de Kampf für Bürger- und Verbraucherrechte im digitalen Raum auf eine gesicherte Basis stellen will.

Diesem Ziel haben sich Beckedahl und seine Mitstreiter um das Blog Netzpolitik.org schon lange verschrieben – spätestens seit der ersten Ausgabe der re:publica 2007, die noch in erheblich kleinerem Rahmen stattfand. “Der digitale Gesellschafter” hieß deshalb auch mein kurzes Videoporträt, in dem Beckedahl und die re:publica vorgestellt werden. Wer auch noch einmal zurückschauen möchte:

Mehr bei onlinejournalismus:

Aktuelles zur re:publica 2011:

Guttenberg, Online-Votings und Repräsentativität: Die faxende Mehrheit?

Ein Artikel mit der etwas reißerischen Überschrift “Bild.de-Leser revoltieren gegen Guttenberg” (gestern gab es bei Bild.de nämlich auch noch viele Pro-Guttenberg-Leserkommentare) arbeitet sehr schön heraus, dass medienübergreifend bei User-Umfragen der deutschen Online-Medien eine (teilweise sehr große) Mehrheit der User der Meinung ist, der Verteidigungsminister solle zurücktreten. Auch im Online-Voting bei Bild.de – obwohl doch die parallele, ebenfalls auf Selbstrekrutierung basierende Telefon- und Fax-Umfrage* – der gedruckten Bild-Zeitung die Titelschlagzeile “87% für Guttenberg” bescherte.**

Graphik von Klaus Staeck (www.staeck.com)
Bild: Klaus Staeck (www.staeck.com)
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Prozessjournalismus und Ägypten: Deutschsprachige Onlinemedien enttäuschen

Von Lorenz Matzat

Was Spiegel-Online und Welt-Online in ihren Live- oder Nachtichtentickern bringen, ist in der Ignoranz des Potentials von Onlinejournalismus mehr als befremdend. Es drückt sich aber auch schon in den Begrifflichkeiten aus: Das Wort Live-Blog wird vermieden. Beide Websites, nach Bild-Online die Meistgelesenen – setzen im Jahr 2011 kein einziges Link auf Quellen außerhalb ihres eigenen Angebots.

Soziale Medienkanäle, wie Twitter, YouTube oder Flickr werden gänzlich ignoriert. Nur klassische Nachrichtenagenturen und etablierte Sender wie die BBC gelten als verlässliche Quellen. Insofern spielt es für die deutschsprachige Onlineberichterstattung eigentlich überhaupt keine Rolle, dass in Ägypten das Internet durch die Regierung abgeschaltet wurde
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Die Irak-Protokolle von WikiLeaks

Todesopfer in Bagdad (Screenshot von Guardian.co.uk)
Mit einem Twitter-Gewitter macht sich die parallele Veröffentlichung der Iraq War Logs bemerkbar. Diesmal hat Wikileaks für die Auswertung und Aufbereitung seiner geleakten Dokumente zum Irak-Krieg eine ganze Armada großer Redaktionen ins Boot geholt.
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The Revolution will be televised streamed via mobile

Nach den Protesten gegen den G8-Gipfel 2007 und die iranische Präsidentschaftswahl 2009 und der Dokumentation von Polizeigewalt bei einer Demo in Berlin im September 2009 kam es mir vor, als sähen wir heute nächste logische Entwicklungsstufe: Es wird nicht mehr nur gebloggt, gewittert und nachträglich Videos hochgeladen: 2010 streamen Demonstranten live (oder quasi-live) – mit Mobil-Geräten direkt vom Geschehen, organisiert oder sogar aus einem von Robin-Wood-Mitarbeitern besetzten Baum im Stuttgarter Schlosspark. (O-Ton: “Ruhig, solange die keene Kletterbullen haben, passiert hier gar nichts.” – knapp 25.000 Mal angeguckt).

Streaming Robin Wood
Ich habe heute kein Fernsehen verfolgt, würde aber wetten, dass die Demonstranten damit nicht nur an den großen Medien vorbei an die Öffentlichkeit gehen, sondern vermutlich auch schneller waren.

Weitere Links
Christoph Ulmer: Die Pracht der Bilder

Online vs. Print reloaded

Dass der Kampf zwischen Online und Print anscheinend immer noch nicht beigelegt ist, zeigen verschiedene Veröffentlichungen aus den vergangenen Tagen: Stefan Niggemeier  und netzpolitik.org haben innerhalb von zwei Tagen mehrere Anzeichen dafür gesammelt.

Kern aller Aussagen ist dabei: Print wirkt, online ist immer noch nicht als eigenes Medium oder gar journalistisches Umfeld anerkannt. Markus Beckedahl berichtet über die zweite Jahrestagung der “Nationalen Initiative Printmedien” und zitiert aus deren Thesenpapier. Interessant ist am Rande, dass die Tagung im Kanzleramt stattfand und sowohl Gewerkschaften als auch Verlegerverbände sowie der Kulturstaatsminister Mitglied sind.

Das Thesenpapier fasst die Kernaussagen zusammen, die alle natürlich sagen: Nur Print bietet hochwertigen Journalismus, und den bieten nur die Verlage (die, nebenbei ein wenig polemisch gesagt, Online zum Großteil noch heute verschlafen haben).

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Gegen BP – für Gauck

Ein leicht knollennasiger älterer Herr aus dem Osten ist zum Liebling von Leuten geworden, die sich ansonsten eher für Mate oder Ipads interessieren – stark vereinfacht gesagt. Aber von vorn:

In der letzten Woche geisterten einige Links durchs Web, die sich mit der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko beschäftigten. Nicht nur mein Favorit: “If it was my home” projiziert die Größe der Verseuchung dank Google Maps auf eine beliebige Erdregion. Warum ist auf so etwas keine Online-Redaktion gekommen?

Weitere interessante Links, die eher in Richtung Aktivismus als Journalismus gehen und sich gegen den Verursacher der Ölpest wenden, hat Netzpolitik gesammelt: “Remix BP“.

Positiv versuchen hingegen in den letzten Tagen Unterstützer der Bundespräsidenten-Kandidatur von Joachim Gauck, die nicht in den Redaktionen von “Spiegel” oder “Bild am Sonntag” sitzen, ihrem Kandidaten Rückenwind im deutschprachigen Netz zu verschaffen. Nicht nur in den Online-Umfragen großer Sites – egal ob Bild.de oder heute.de – dominiert Gauck klar vor Wulff: Websites wie “Wir für Gauck” oder “Mein Präsident” zeigen, was mit minimalem oder ein wenig mehr Aufwand in Windeseile mit frei zugänglichen Social-Media-Tools zusammengebastelt werden kann. Das Pottblog bietet eine “Gauck-Ecke” zum Einbau in die eigene Website an. Die Webevangelisten sammeln Pro-Gauck-Tweets und bauen daraus ein Mosaik von mehr als 2.500 Unterstützern. Und die etablierten Medien thematisieren die Pro-Gauck-Welle auch schon – zuerst anscheinend Der Westen (ausgerechnet!), spätestens morgen dann sicher auch Spiegel Online.

Schließlich bringt es unter den diversen Pro-Gauck-Bekundungen auf Facebook eine Gruppe bereits auf mehr als 10.000 Mitglieder. Interimspräsident Jens Böhrnsen kann hingegen auf Facebook – soweit ich das sehe – nur auf etwas über 300 Freunde zählen. Immerhin sind das schon deutlich mehr als seine 24 Kumpane am Montag letzter Woche.
Jens Böhrnsen bei Facebook, Screenshot vom 31.05.2010

Update, 08.06.2010

q.e.d. – ein SpOn-Artikel

Weitere Links
… im Internet:

  • Das Altpapier fragt “What about the Gauck-Euphorie? Spannend an der Horst-Köhler-Nachfolge-Frage bleibt aus medialer Sicht, ob und wie es den Medien gelingt, die Gegenkandidat-Trunkenheit vom Wochenende (Altpapier von gestern) hochzuhalten.”
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