Archivierte Einträge für Politik

Wulffs Mailbox-Nachricht: Rekonstruiert via Crowdsourcing

Collage Christian Wulff in Sachsenhausen / Screenshot Wulffplag Wiki

Es ist absurd: „Bild“ und Bundespräsident liefern sich einen Offenene-Briefe-Abtausch über den Inhalt des ominösen Anrufs auf Kai Diekmanns Mailbox, bei dem Christian Wulff so aus der Rolle gefallen sein soll. Eine Abschrift des Telefonats des Telefonats kursiert seit geraumer Zeit in Journalistenkreisen – laut „taz“ den Kollegen bereitwillig von „Bild“-Redakteuren offeriert -, während die Zeitung offiziell um eine nachträgliche Genehmigung zur Veröffentlichung durch den Bundespräsidenten ersucht, was Wulff bislang ablehnt.

Man mag darüber streiten, ob die Veröffentlichung des kompletten Inhalts anfangs gerechtfertigt gewesen wäre. Inzwischen ist die Mailboxnachricht durch den Streit, ob Wulff hier womöglich gelogen hat und/oder aber die Freiheit der Presse einschränken wollte – längst zum Politikum geworden. Angesichts der Tatsache, dass diverse Medien inzwischen lang und breit aus der angeblichen Nachricht zitieren – teilweise über drei Ecken unter Berufung auf „mit dem Inhalt vertraute Kreise“ -, hat die Öffentlichkeit ein Anrecht auf den vollständigen Wortlaut. Dies wäre auch im Sinne des Bundespräsidenten, auch wenn er sich das noch nicht eingestehen mag.

Anders als bei dem Interview mit ARD und ZDF, das zunächst aufgrund einer Vereinbarung mit Wulff von der Aufzeichnung bis zur Sendung ebenfalls nur einigen Journalisten zur Verfügung gestellt wurde, ist bisher noch keine vollständige Version des Anrufs nach außen gesickert. Wikipedianer Mathias Schindler hat deshalb über das Portal Frag den Staat unter Berufung auf das Informationsfreiheitsgesetz die Freigabe der Abschrift durch das Bundespräsidialamt beantragt (was ich unterstütze).

Da hier die Amtsmühlen aber vermutlich langsam mahlen, scheint die Methode Crowdsourcing erfolgsversprechender. Und tatsächlich: Im Wulffplag-Wiki wird seit zwei Tagen (unter anderem und trotz des irreführenden Wiki-Namens) der Anruf aus Zitaten in der bisherigen Medienberichterstattung rekonstruiert.

Man darf gespannt sein, wie sehr sie am Ende richtig liegt, wenn der Volltext auf die eine oder andere Weise an die Öffentlichkeit gelangt. (Und bei der ganzen Seite nicht vergessen, dass zur vollständigen Bewertung sicher auch der in der Schriftform nicht enthaltene Tonfall eine Rolle spielt).

Nachtrag, 10.10.2012
Seit der Link zum WulffPlag-Wiki inzwischen die Runde gemacht hat, melden sich dort eifrig Nutzer zu Wort – leider vor allem, um sich in einer wenig zielführenden Bewertung des Verhalten Wulffs, der übrigen Politik, der Medien und der wulffkritischen Internetnutzer zu ergehen.

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… im übrigen Internet

  • „Die Abschrift von Wulffs Mailbox-Nachricht sollte veröffentlicht werden“, sagt Grimme-Direktor Kammann bei Deutschlandradio Kultur
  • Stefan Niggemeier erklärt, warum es so verheerend ist, dass der Eindruck entsteht, „dass andere Medien sich von „Bild“ haben einspannen lassen, der „Bild“-Geschichte an den entscheidenden Stellen die eigene Seriösität leihen und Seite an Seite mit „Bild“ kämpfen.“
  • Richard Gutjahr betrachtet das ganze auf einer noch höheren Ebene und sieht den Medienwandel am Werk: „Politiker und Journalisten: Freunde, die einander verdienen“

Foto: Ashleigh B; Screenshot/Collage: onlinejournalismus.de – unter CC BY-NC 2.0

Visualisierung der „Maschsee-Mafia“ mit Gephi

Claus Hesseling hat in seinem Blog das Gephi-Projekt: Wulff und die “Maschsee-Mafia” begonnen, dass die Beziehungen zwischen Bundespräsident Christiain Wulff und anderen dem „Hannoverschen Klüngel“ zugerechnenten Politikern und Unternehmern visualisiert.

Die Daten beruhen nicht auf eigener Recherche, sondern auf einer Auswertung vorhandener Medienberichterstattung. Per Crowdsourcing werden Hinweise über das Beziehungsgeflecht auf in einer Google-Docs-Datei gesammelt. Die Informationen – wer wie mit wem verbunden ist – sind in der Grafik jedoch spärlich.

An einer eher klassischen Form der Visualisierung hatte sich bereits vor einigen Tagen die „Welt“ versucht (hier leider nur in klein).

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Die rote Linie ist noch nicht gezogen

Der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maiziere hatte ein Gesetz angekündigt, in dem „rote Linien“ für den Datenschutz im Internet gezogen werden sollten. Seit Dezember 2010 gibt es einen Entwurf (PDF) – aber kein Gesetz. Die Abstimmung mit anderen Ressorts in der Bundesregierung seit erfolgt, heißt es aus dem Innenministerium, aber eine überarbeitete Fassung ist noch nicht veröffentlicht worden.

„Aktuell ist der unveränderte Stand, dass man sich der Reflexionsphase befindet, das heiß, unter Einbeziehung der Wissenschaft und der Praxis aus diesem Bereich erörtert, wo die ‚rote Linie‘ verlaufen soll“, sagt ein Ministeriumssprecher auf Anfrage. „Dabei muss auch berücksichtigtigt werden, dass es laufende Gesetzgebungsaktiviäten auf EU-Ebene gibt und deswegen bei einem vorgezogenen nationalen Schritt sowohl die fachliche Notwendigkeit als auch die Vereinbarkeit mit künftigen EU-Recht außer Frage stehen müssen.“ Deshalb gebe es momentan noch keinen neuen Gesetzentwurf.

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… im Internet:

Protest aus dem Netz: völlig normal

Demonstranten in Frankfurt

Für einen richtigen Rant reicht es nicht. Schließlich bin ich als Journalist, der über Internet-Themen berichtet, zum Teil selbst mit schuld. Aber es ärgert mich schon, wie sehr anlässlich der Menschen, die heute als Teil der nach Deutschland schwappenden „Occupy Wall Street“-Bewegung auf die Straße gehen, in der Berichterstattung der allgemeinen Publikumsmedien ein Aspekt betont wird: dass die inhomogene Menschenmenge, die da mit mehr oder weniger inhomogenen Zielen und Forderungen zusammenfindet, sich über das Netz organisiert.

Ja, wie bitteschön, soll sie es denn sonst machen?

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Openleaks: Wettkampf um Whistleblower

Openleaks geht in den Testbetrieb, die taz und der Freitag sind dabei. Doch auf der neuen Leaking-Plattform müssen sie mit NGOs um vertrauliche Informationen konkurrieren. Müssen sich die Medien von ihrem Exklusivitätsanspruch verabschieden, wenn sie im digitalen Wettkampf um die Gunst der Whistleblower mithalten wollen?

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Zur Geschichte des Begriffs „presseähnlich“

Stefan Niggemeier schreibt in seiner sehr lesenswerten Analyse der „Klage der Verlage gegen die Tagesschau-App“:

Die Frage, was der Begriff „presseähnlich“ bedeutet, ist entscheidend bei der Beurteilung der Frage, ob die „Tagesschau“-App rechtswidrig ist. Die Medienpolitiker der Länder haben sich diesen Begriff ausgedacht, und er ist Ausdruck eines für diese traurige Spezies typischen faulen Kompromisses.

Die erste Nennung des Begriffs „pressseähnlich“ im Zusammenhang mit Internetangeboten, die ich finden konnte, stammt von 2007. Robert Schweizer, der Justiziar des Burda-Verlages, fordert damals, in den Rundfunkstaatsvertrag folgenden Passus aufzunehmen:

Gebührenfinanzierte digitale, presseähnliche Textdienste sind grundsätzlich ausgeschlossen. Die Abgrenzung zu den Online-Tätigkeiten des gebührenfinanzierten Rundfunks erfolgt abwägend in der Weise, dass die Sender im Internet rundfunkähnliche Dienste anbieten dürfen.

Auch in der späteren Diskussion wurde der Begriff vor allem von der Verlegerseite benutzt, bis er schließlich Eingang in den 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag fand. Die dortige Definition erläutert Niggemeier, ebenso wie die davon abweichende Auslegung der Verlage:

Im Kern ist die Argumentation gegenüber dem Gericht schlicht: „Presseähnlich“ sei all das, was Presseverlage machen.

Den Verlegerstandpunkt vertritt Christoph Keese vom Springer-Verlag in seinem Kampagnen-Blog.

(Ich arbeite u. a. für die Tagesschau.)

re:publica: Rückblick

Auf der gestern eröffneten re:publica 11 hat Markus Beckedahl die Initiative „Digitale Gesellschaft“ vorgestellt, die de Kampf für Bürger- und Verbraucherrechte im digitalen Raum auf eine gesicherte Basis stellen will.

Diesem Ziel haben sich Beckedahl und seine Mitstreiter um das Blog Netzpolitik.org schon lange verschrieben – spätestens seit der ersten Ausgabe der re:publica 2007, die noch in erheblich kleinerem Rahmen stattfand. „Der digitale Gesellschafter“ hieß deshalb auch mein kurzes Videoporträt, in dem Beckedahl und die re:publica vorgestellt werden. Wer auch noch einmal zurückschauen möchte:

Mehr bei onlinejournalismus:

Aktuelles zur re:publica 2011:

Guttenberg, Online-Votings und Repräsentativität: Die faxende Mehrheit?

Ein Artikel mit der etwas reißerischen Überschrift „Bild.de-Leser revoltieren gegen Guttenberg“ (gestern gab es bei Bild.de nämlich auch noch viele Pro-Guttenberg-Leserkommentare) arbeitet sehr schön heraus, dass medienübergreifend bei User-Umfragen der deutschen Online-Medien eine (teilweise sehr große) Mehrheit der User der Meinung ist, der Verteidigungsminister solle zurücktreten. Auch im Online-Voting bei Bild.de – obwohl doch die parallele, ebenfalls auf Selbstrekrutierung basierende Telefon- und Fax-Umfrage* – der gedruckten Bild-Zeitung die Titelschlagzeile „87% für Guttenberg“ bescherte.**

Graphik von Klaus Staeck (www.staeck.com)
Bild: Klaus Staeck (www.staeck.com)
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Prozessjournalismus und Ägypten: Deutschsprachige Onlinemedien enttäuschen

Von Lorenz Matzat

Was Spiegel-Online und Welt-Online in ihren Live- oder Nachtichtentickern bringen, ist in der Ignoranz des Potentials von Onlinejournalismus mehr als befremdend. Es drückt sich aber auch schon in den Begrifflichkeiten aus: Das Wort Live-Blog wird vermieden. Beide Websites, nach Bild-Online die Meistgelesenen – setzen im Jahr 2011 kein einziges Link auf Quellen außerhalb ihres eigenen Angebots.

Soziale Medienkanäle, wie Twitter, YouTube oder Flickr werden gänzlich ignoriert. Nur klassische Nachrichtenagenturen und etablierte Sender wie die BBC gelten als verlässliche Quellen. Insofern spielt es für die deutschsprachige Onlineberichterstattung eigentlich überhaupt keine Rolle, dass in Ägypten das Internet durch die Regierung abgeschaltet wurde
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Die Irak-Protokolle von WikiLeaks

Todesopfer in Bagdad (Screenshot von Guardian.co.uk)
Mit einem Twitter-Gewitter macht sich die parallele Veröffentlichung der Iraq War Logs bemerkbar. Diesmal hat Wikileaks für die Auswertung und Aufbereitung seiner geleakten Dokumente zum Irak-Krieg eine ganze Armada großer Redaktionen ins Boot geholt.
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