Archivierte Einträge für Print

Reportage aus einer anderen Medienwelt

Screenshot Audio-Slideshow bei mediummagazin.de

Jan Söfjer hat für das Medium Magazin (07/2010) die “Schwarzwälder Post” in Zell besucht – die kleinste Zeitung Baden-Württembergs. Mitgebracht hat er einen Bericht aus einer Welt vor unserer Zeit: der Herausgeber ist Besitzer der nahezu archaischen Kleinstdruckerei – und zugleich Chef des lokalen Gewerbevereins. Eine einzelne Redakteurin, keine wirtschaftlichen Sorgen …

Söfjers Text gibt es online wohl nicht zu lesen, dafür aber Audio-Slideshow-Version. Ein dankbares Thema für diese Art der Aufbereitung mit einigen großen O-Tönen. Die Text-/Foto-Reportage hat mir in diesem Fall im direkten Vergleich jedoch besser gefallen. Zu einem steckten mehr Infos drin, zu anderen leidet die Slideshow an einem inhaltlich sehr guten, atmosphärischen, aber dadurch leider schwer verständlichen und langem O-Ton als Einstieg. Das mag aber auch persönliche Wahrnehmung sein, weil ich zunächst den Text gelesen haben. Als Kombo auf jeden Fall etwas, was man so im Medienjournalismus selten sieht!

“Woran das Online-Portal der WAZ Mediengruppe scheiterte”

… wird ein Artikel auf dem Titel des aktuellen “Journalist” angekündigt. Im Heft (und online) heißt es dann ein wenig differenzierter: “DerWesten – oder: Woran regionaler Journalismus im Netz krankt”.

Die Autorin Svenja Siegert beschäftigt sich intensiv mit den Erwartungen und der Realität von DerWesten.de. Sie macht vor allem das Problem einer künstlichen “Web-Dachmarke” gegenüber den traditionellen Einzelmarken der Print-Titel und – trotz des jüngsten Relaunchs – die Mängel in der regionalen Ausrichtung der Website (auch bedingt durch die mangelnde Zusammenarbeit Print-Online) für Probleme des Westens verantwortlich. Interessant ist die Diskussion über die Rolle der überregionalen Inhalte – DerWesten-CvD Kathrin Scheib verteidigt sie, die es dann eben doch gibt. Denn sie ziehen – obwohl sie nicht nur Spiegel Online besser macht als DerWesten. Sollte die regionale Plattform konsequent darauf verzichten? Svenja Siegert meint: Ja, Scheib ist anderer Meinung. Auch darüber, ob es ein Gewinn oder ein Armutszeugnis ist, wenn 80 Prozent der Online-Nutzer keine Zeitung der WAZ-Gruppe lesen, gehen die Meinungen auseinander.

Dritter Streitpunkt: die Rolle von lokalen/regionalen Blogs. Pottblog und Ruhrbarone bekommen zumindest in der den Artikel begleitenden Grafik ganz schön Gewicht zu bekommen. Die Rolle des großen WDR wird hingegen gar nicht beleuchtet – dafür aber kurz auf die Relikte der historischen Sonderposition von rp-online eingegangen. Also auf alle Fälle lesenswert.


Weitere Links

Mehr über DerWesten bei onlinejournalismus.de

Für Hans J. Schiebener hat der Artikel seinen Finger nicht dahingelegt, wo es weh tut.

[Ich habe für WDR.de gearbeitet.]

Verlage sägen am eigenen Ast

Unser Kollege Matthias Spielkamp beschreibt bei Kress.de einen drohenden “Brain Drain” in den Verlagen – als Folge der miserablen Bezahlung vieler freier Journalisten. Eine der vielen starken Passagen des Vortragsmanuskripts:

… alle Medien, auch die selbst ernannten Qualitätsmedien, von “FAZ” über “Süddeutsche Zeitung” bis hin zu den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, lassen sich ihre Zeitungen und Sendungen verdeckt von den PR-Abteilungen von Daimler und Siemens subventionieren. Wie ich darauf komme?

Bei knapp der Hälfte der freiberuflichen Journalisten reichen die Einnahmen aus journalistischer Arbeit nicht aus, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Wo kommt das Geld also her? Zu einem großen Teil aus PR-Aufträgen. Ohne sie könnten viele es sich überhaupt nicht mehr leisten, journalistisch zu arbeiten.

Matthias Spielkamp argumentiert, dass motivierte und engagierte Kollegen im Netz ein besseres Umfeld zum Betreiben von Journalismus finden und deshalb zunehmend der Verlagslandschaft den Rücken kehren. Als Beispiele hierfür nannte er Projekte wie Spot.us, ProPublica und Perlentaucher.

Der “Elektrische Reporter” zur Zukunft des Journalismus


Die Sendereihe “Elektrischer Reporter” mit Teil eines zweiteiligen Beitrags zur Zukunft des Journalismus: Wer soll das bezahlen?Im Beitrag kommen unter anderem Tom Rosenstiel, Christopher Albritton, Lorenz Lorenz-Meyer und Hans-Jürgen Jakobs zu Wort. Letzterer wirft Google “Imperialismus” im Nachrichtengeschäft vor.

(Ich arbeite auch für den Elektrischen Reporter.)

Brandanschlag auf Ansbacher Schule: die örtliche Zeitung muss schweigen

Der Brandanschlag auf eine Schule im fränkischen Ansbach (40.000 Einwohner), bei dem ein 18-Jähriger Molotowcocktails zündete und mehrere Schüler verletzte, kursiert derzeit in allen Medien. Fast allen Medien: Ausgerechnet das örtliche Blatt, die “Fränkische Landeszeitung” (Druckauflage laut IVW II/2009 50.007) schweigt – vermutlich bis Freitagmorgen – beharrlich zu dem Vorfall.

Denn die Zeitung verweigert sich mehr oder weniger konsequent dem Internet. Wie lange sich die Zeitung dieses Exotendasein noch leisten will, weiß ich nicht, vor zwei Jahren fragte ich bei der Geschäftsleitung mal nach, die wollte sich allerdings nicht dazu äußern. Als Redakteur würde ich mich dort – nicht nur in der heutigen Ausnahmesituation – etwas unwohl fühlen.

Nachtrag 13.30 Uhr
Thomas Knüwer wundert sich auch über die “Fränkische Konsequenz”.

Schnarchzapfiges vom Verleger-Kongress

Vorab: Ich hab’s ja auch nicht erfunden. Und noch ein weiteres Vorab: Ich bin auch – noch – ehrenamtlicher Funktionär der Journalistengewerkschaft DJV. Zur Sache: mit Verlaub gesagt etwas altbacken wirken die Ideen für die “Zeitung von morgen”, die der Bundesverband deutscher Zeitungsverleger (BDZV) zusammen mit dem Creation Center der Telekom dieser Tage beim BDZV-Kongress in Fulda vorstellte. Zumindest ist das, was man in einem Bericht von W&V Online lesen kann doch etwas dürftig. Aus über 200 Ideen wurden unter anderem solche Vorschläge präsentiert:

“Als Lieblingsidee bezeichnete Schmolze [Raimund Schmolze, der Leiter des Creation Centers, T.M.] das “Nachrichtenfenster für daheim“, einen digitalen Bilderrahmen, den Verlage als Abogeschenk anbieten könnten. Über diesen sollen Verlage dem Kunden täglich die Schlagzeilen auf den Bildschirm aber auch individualisierte Werbung schicken können. (…)

Hans-Joachim Fuhrmann, Leiter Kommunikation und Multimedia beim BDZV, sprach stellvertretend für Madsack-Geschäftsführer Andreas Arntzen über die Idee “Artikel@zeitung.de”. Leser sollen dabei gegen ein Entgelt Artikel per E-Mail an Freunde verschicken können.”

Auf der suboptimal strukturierten Homepage des BDZV habe ich leider nix Brauchbares zu den vorgenannten Ideen gefunden, immerhin gibt es unter anderem rund 40 Personenbilder auf einer Seite vom BDZV-Kongress, damit werden wenigstens die Eitelkeiten einiger Teilnehmer bedient – fast wie in guten alten Zeiten.

Nachtrag
Bei Twitter weist der Chefredakteur der “Rhein-Zeitung”, Christian Lindner, freundlicherweise darauf hin: “Unter #zk09 finden sich Tweets von Teilnehmern des BDZV-Kongresses in Fulda”. Allein davon bekomme ich leider auch nicht mehr Überblick über den Kongress.

“Wie Journalismus heute funktioniert. 17 Behauptungen.”


Internet | Foto: Fiete Stegers
Auch ohne oder trotz Sachkenntnis kannt man ja heutzutage Erklärungen in die Welt posaunen oder fromme Wünsche formulieren oder forsche Forderungen aufstellen. Wir haben versucht, Sachkenntnis einfließen zu lassen. Auch wenn wir uns an manchen Stellen nicht einigen konnten und andererorts auf abwägendes Einerseits-Andererseits zugunsten der Thesenhaftigkeit der große Linie mit dem griffigen Kürzel Internet-Manifest verzichtet wurde.

1. Das Internet ist anders.
Es schafft andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken. Die Medien müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen. Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln – das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein.

Formuliert und unterzeichnet haben diese und 16 weitere Behauptungen zum Journalismus im Internet-Zeitalter Johnny Haeusler, Thomas Knüwer, Stefan Niggemeier, Mario Sixtus u. a.

Update:
Da der Internet-Manifest-Server auch ohne Link von Heise oder SpOn schon ächzt, gibt es gesamte Manifest jetzt auch hier.


Update, 08.09.2009:
Internet-Manifest, ein Beitrag zur Diskussion

Weiterlesen…

Sueddeutsche.de: Paid Content durch die Hintertür?

Turi2 schreibt in seiner Abendausgabe: ”

Süddeutsche im Web mit Paid Content: Ausgewählte Zeitungsartikel erscheinen online nur noch als Snippet mit Weiterlesen-Button, der ganze Text kostet dann bis zu zwei Euro.”

Das beruhe auf eigenen Beobachtungen, heißt es weiter, als Beispiel wird dieses Interview genannt.

Das vorliegende Beispiel halte ich nicht für der Weisheit letzten Schluß. Warum? Wie kommt sich ein Leser vor, der bei Lektüre eines spannenden Textes ohne Vorwarnung an dieser Zahlschranke landet? Und selbst wenn ich vor Anwählen des Artikels deutlich darauf hingewiesen werde, dass es sich nur um einen Textausschnitt handelt, werde ich spätestens auf der unbequemen Archivseite stoppen: 2 Euro beträgt der Obulus für diesen Artikel, Nutzungsdauer 24 Stunden. Aber es wäre jetzt müßig, hier weiter im Nebel zu stochern. Wir haben per E-Mail bei Sueddeutsche.de-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs nachgefragt, was die Münchner da planen.

Handfesteres zum Thema bietet Fudder-Projektleiter Markus Hofmann in seinem Gastbeitrag “Paid Content – Mein Déjà-vu-Erlebnis” im Jepblog der Axel-Springer-Akademie.

Nachtrag 03.09.09: Antwort von Hans-Jürgen Jakobs

“Wir sind im Moment noch mitten in der Diskussion über die Einführung von Paid-Content-Angeboten. Weitere Schritte werden in der zweiten Monatshälfte besprochen. (…)

Im Gegensatz zu vielen anderen Häusern sind ältere SZ-Artikel kostenpflichtig. Es gibt ein funktionierendes E-Paper-Angebot, das wir ausbauen werden. Wenn wir en bloc Teile der SZ anbieten, betrachten wir das als E-Paper-ähnlich und verlangen Geld dafür, was womöglich Aggregatoren wie turi 2.0 ärgert.”

Nachtrag, 07.09.09
Jakblog, Christian Jakubetz beschäftigt sich auch mit dem Thema: “Lieber erst mal den Kunden beschimpfen…”

Zeitungen: “Buy one anyway”

Während sich den USA Zeitungsjournalisten nicht nur heftigen Kürzungen ausgesetzt sehen, sondern auch noch von der Daily Show fragen lassen müssen, warum sie “alte Nachrichten” statt “richtiger Nachrichten” drucken, machen deutsche Kabarettisten wahrscheinlich immer noch schlechte Witze auf Kosten von Helmut Kohl und Angela Merkels Frisur (insofern sind sie also in etwa auf dem gleichen Stand der Debatte in Deutschland wie viele webverweigernde Journalisten und Verleger).

Netzpolitik.org hat jetzt noch eine weitere schöne US-Satire ausgegraben (von Slate, Juli 2009):

Nette Satire zum Zeitungssterben: BuyOneAnyway. Eine fiktive Non-Profit-Organisation sammelt Geld, damit notleidende Zeitungsjournalisten was zu Essen bekommen. Zum Schluss wird auch erklärt, warum man Zeitungen unterstützen sollte: Man kann sie zum putzen nutzen, oder um Geschirr sicher zu verpacken und zum anzünden von Grill-Feuer. Wenn das nicht mal gute Argumente sind, Zeitungen am Leben zu erhalten.

Zeitungskrise? Nicht bei uns!

Alte Zeitung | Foto: just.Luc unter http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/deed.de
Foto: just.Luc unter Creative Commons

Gastbeitrag von Peter Schumacher

Der Bundesverband deutscher Zeitungsverleger erklärt uns in dieser Pressemitteilung, warum in Deutschland eine Zeitungskrise wie in den USA quasi undenkbar ist:

Anders als in den USA seien die Zeitungen in Deutschland sehr gut aufgestellt. Ein Grund sei die enge Bindung zu ihrem Publikum, die im Lokalen besonders ausgeprägt sei. Dazu gehöre außerdem ein Vertriebssystem, das mit der Zeitungszustellung bis zur Haustür weltweit beispielhaft sei. In Deutschland würden die besten Zeitungen der Welt gemacht und im Unterschied zu den USA und vielen anderen Ländern gelte hier nicht der ausschließlich renditeorientierte Shareholder value. Die deutsche Zeitungs­branche sei mittelständisch geprägt. An der Spitze stünden Verleger mit publizistischem und unternehmerischem Anspruch.


Peter Schumacher
ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Medienwissenschaft an der Universität Trier.

Nachtrag 12.07.09
Christian Jakubetz nimmt sich auch noch mal des Themas an: “Die Zeitung, die gute und edle”.

Weitere Links
Vor zwei Jahren war bei uns der “Qualitätsjournalismus” auf ähnliche Art und Weise auf dem Prüfstand: “Hans-Jürgen Jakobs und der “Journalismus in Gefahr” – ein Nachdenkstück zum Mitklicken”.

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