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Süddeutsche Zeitung: Die Elite muss bloggen

Du glaubst es nicht! Gerade war der Schirrmacher bei mir im Büro und hat vordergründig so getan, als interessiere es ihn, dass der Rauch vom Heizkraftwerk Oberföhring mal nach Westen, mal nach Osten zieht. In Wirklichkeit wollte er natürlich nur sehen, ob wir hier von den Blogs, die sein Feuilleton jetzt regelmäßig bringt, gebührend beindruckt sind.

Ja, bei der FAZ bloggen sie jetzt auch, und da hat es bei uns geheißen, da muss man doch was dagegensetzen, und da ist dann spontan, das Streiflicht zum vorläufigen Blogplatz erklärt worden, und weil man in einem Blog “ich” sagen darf beziehungsweise wahrscheinlich sogar muss, heißt ab sofort “ich”, was früher “der Verfasser dieser Zeilen oder gar “Schreiber dieses” geheißen hat. Ich also, nicht faul, erzähle dem Schirrmacher Geschichten aus Tausenduneiner Nacht über den Rauch vom Heizkraftwerk Nord, denk dabei aber (…)

(Das Streiflicht, Süddeutsche Zeitung, 2. Dezember 2008, Seite 1)

Online first in Dänemark

Am Tag nach der US-Wahl gab es für die meisten europäischen Zeitungen nur notdürftige Aufmacher dazu: Anbiedernd “Good Morning, Mr. President” (ohne einen Namen zu nennen), aufatmend im Stil von “Tschüß, Bush” oder sachlich mit dem Tenor “Hohe Wahlbeteiligung …”

Die dänische Zeitung Politiken machte ihren Titel dagegen mit dem fetten Hinweis “Mehr auf politiken.dk” auf – denn dort gab es das erst nach Redaktionsschluss feststehende Wahlergebnis am Morgen bereits.

Carta und der Onlinejournalismus

Kann das was werden? Carta ist ein Mehr-Autoren-Blog, initiiert unter anderem von dem Journalisten, Medienberater, Kommunikationswissenschaftler und Ein-Mann-Institut Robin Meyer-Lucht*. Noch ist es sehr beta und in stetem Wandel begriffen, was man bei Carta findet. Oder positiv ausgedrückt: Man wird Zeuge eines soft launch von etwas, für das Meyer-Lucht offenbar große Pläne hegt. Die Carta-Autoren widmen sich Themen aus Politik, Medien und Wirtschaft. Die etwas pompöse Selbstbeschreibung:

CARTA ist ein Netzwerk-Syndikat für Analyse und Meinungsbildung. Die Online-Publikation verknüpft die Beiträge seiner dezentral organisierten Autoren mit Verweisen auf die relevantesten Inhalte aus dem Internet. CARTA ist dezentrales, digitales Op-Ed. CARTA ist Filter und Produzent, Meta- und Mehrautoren-Blog.

Ein Cicero 2.0? Das Endlichmalpolitisch-Blog? Eine deutsche “Huffington Post” (Wikipedia) für das Wahljahr 2009? Bloß eitle Eigen-PR? Oder ein Projekt, das nie ausreichende Relevanz erreicht und schnell austrocknet wie manch auf Gastautoren aufbauende Webprojekte? Die Werbebanner werden jedenfalls schon einmal professionell vermarktet.

Unter den ersten veröffentlichten Texten sind zwei für Onlinejournalisten interessante: Mercedes Bunz (tagesspiegel.de) fordert in einem Grundsatztext eine “neue Poesie der Neugierde” für den Onlinejournalismus – und den Journalismus überhaupt:

1. Marke statt Medium: Publizistische Marken sind in Zukunft weniger als bisher von einer spezifischen medialen Logik geprägt, sondern verteilen ihre spezifische inhaltliche Ausrichtung, ihr Markenprofil, auf verschiedene Medien.

2. Veröffentlichung heute heißt Kommunikation: Journalisten produzieren für Medien keine Beiträge, sie kommunizieren mit ihren Lesern – mitunter auch im direkten Dialog.

3. Plattform statt Sender: Eine Marke besticht in Zeiten des Überangebots an Information nicht nur durch selbst hergestellte Inhalte, sondern versteht sich als Plattform und wählt gemäß der ihr eigenen Logik die relevanten Beiträge für ihre Leser aus.

Die Autorin fordert unter anderem den Einsatz wirklich onlinespezifischer, multimedialer Formate (wir sind auf die Umsetzung im Hause Holtzbrinck gespannt …).

Meyer-Lucht selbst hat ein Treffen von Bundesregierung, Verlegern und Journalistenverbänden getragenen Nationalen Initiative Printmedien” (Homepage – fast erwartbar PDF-lastig) besucht. Offenbar eine traurige Veranstaltung, bei der der zuständige Vertreter der Bundesregierung selbst konstatiert: “Wenn ich morgens ins Büro komme und mich über die Nachrichtenlage informieren will, schaue ich ins Internet. Zeitungen spielen da quasi keine Rolle mehr.”

* Anmerkung von Meyer-Lucht über mögliche Rollenkonflikte

Weitere Links

Serie: Online-Videos bei Zeitungen im UK

Nein, leider nicht bei uns: Aber Andy Dickinson hat sich in den vergangenen Wochen in einer Serie sehr praktisch orientierter Kritiken ausführlich mit dem Online-Video-Einsatz bei englischen Zeitungen auseinandergesetzt.

Sein Fazit zu den überregionalen Broadsheets findet sich hier, seine Empfehlungen für Tabloids (Boulevardzeitungen) hier. Heute kündigt er eine Staffel zu den regionalen Zeitungen an, die sicherlich genauso lesenswert wird.

Unsere eigenen Übersichten zur Lage in Deutschland sind schon etwas älter:

Angriff auf den Platzhirsch

Screenshots Wall Street Journal und New York Times | [M]: ojour.de

Wie das “Wall Street Journal” die “New York Times” online bedrängt.

Von Michael Soukup

Weiterlesen…

Wo ist das Publikum hin?

Im Netz natürlich, mit weiter wachsendem Anteil jedenfalls. Allensbach hat den Wandel im Mediennutzungsverhalten untersucht, FAZ-”Netzökonom” Holger Schmidt fasst zusammen. Er weist noch einmal auf “The State of News Media 2008″ hin, wo geschlussfolgert wird:

Mehr und mehr kommt zum Vorschein, dass das größte Problem für die traditionellen Medien nichts damit zu tun hat, wo sich die Menschen ihre Nachrichten herholen. Die immer bedrohlicher werdende Realität ist, dass die Werbung nicht so schnell ins Internet wandert wie die Konsumenten. Die Krise des Journalismus ist nicht der Verlust des Publikums. Es ist das Ende der Verbindung zwischen Nachrichten und Werbung

Passend dazu auch ein aus unserem del.icio.us-Angebot gefischter Artikel der österreichischen Presse, der von einem “blutigen Sommer” in der US-Zeitungslandschaft angesichts wegbrechender Erlöse spricht und die Antwort in Investitionen in Online sieht.

Gefunden bei Stefan Niggemeier, der angesichts der Allensbach-Daten zur Zeitungsnutzung bei jungen Menschen fragt:

Ob die Menschen, die gerne behaupten, dass noch nie ein Medium ein anderes ersetzt habe, diese Zahlen kennen?

In der Tat: Auch wenn es sicher einen Wandel bei der Art und Bedeutung der Nutzung von Medien gibt: Ich frage mich immer, warum Verlagsverantwortliche davon ausgehen, dass jemand, der nie selbst eine Zeitung gekauft hat oder es sogar nicht einmal in seinem Elternhaus mitbekommen hat, mit 30 auf einmal eine Regionalzeitung abonnieren soll? Oder was Programmverantwortliche so optimistisch macht, das jemand, der oder die heute mit DVDs, RTL und Pro7 aufwächst, in 20 Jahren auf einmal die dritten Programme der ARD für sich entdeckt?

In diesem Sommer habe selbst ich als passionierter Zeitungsleser erstmals darauf verzichtet, mir für Wucherpreise eine Auslandsausgabe für den Strand zu kaufen. Für den Liegestuhl das Taschenbuch, für Infos das Netz.

Geplanter Print-Ableger von Einestages könnte funktionieren

Der Spiegel-Verlag plant einen Print-Ableger seiner hauptsächlich nutzergenerierten Zeitgeschichts-Community Einestages, berichtet Horizont.net. Das Magazin könnte unter dem Namen “Memories” erscheinen.

“Bauchgefühl Mrazek” & Äpfel-Birnen-Vergleich: Das könnte funktionieren. Zum einen sind mittlerweile viele gute Geschichten bei Einestages vorhanden. Zum anderen können sich Projekte wie etwa das bundesweit erscheinende Reader’s Digest-Magazin “Daheim in Deutschland” (fast ohne Web-Hintergrund!) oder das auf den lokalen Markt spezialisierte MyHeimat mit sehr schlichten Geschichten ihrer Leser behaupten. Interessant würde bei “Memories” dann freilich die Frage nach der Vergütung der Autoren.

Weitere Links

bei onlinejournalismus.de:

  • “Einestages”: “Gewicht wird sich verschieben”. Interview zur Zeitgeschichte-Plattform von Spiegel Online
  • MyHeimat: Stadtgeflüster mit Gewinn

Sieben Tage dürft ihr gucken

Robin Meyer-Lucht schreibt auf Spiegel Online die Geschichte des Streits zwischen Verlegern und öffentlich-rechtlichen Rundfunkstalten fort und berichtet über die jüngste Sitzung der Rundfunkkommission der Länder:

Große Einmütigkeit herrscht unter den Medienpolitikern der Länder darüber, den nachträglichen Abruf öffentlich-rechtlicher TV- und Radioprogramme über Mediatheken auf sieben Tage zu begrenzen.

Das wäre nicht nur Kampf gegen die jüngste erfundene “elektronische Presse”, sondern würde auch das ganze Mediatheken-Prinzip, ja eines der grundlegenden Internet-Konzepte ad absurdum führen: Warum soll ich als Gebührenzahler heute nicht das Heute-Journal von vor einem Jahr abrufen dürfen, um mich zu informieren? Oder soll für jedes einzelne Video, jeden Radiobeitrag einzeln entschieden werden, wie lange sie online sein bleiben dürfen? Eben.

Schön, dass hier offenbar kompetente Entscheider am Werk sind. Ich verweise da mal auf einen Ausspruch des Zeit-Online-Chefs (bei Bildschirmtext):

Der Streit zwischen den Verlagen und dem Öffentlich-Rechtlichen-Rundfunk komme ihm vor wie die Fehde zweier Stammesfürsten, deren Bevölkerung unbemerkt ausgewandert ist, hat Wolfgang Blau gesagt.

Siehe auch: Was wir uns von ARD und ZDF wünschen (FAZ.net)

(Ich arbeite u. a. für NDR und WDR.)

Zwischen Stahlgewittern und Tanz in den Mai: Der K(r)ampf um die Quote

“Stahlhelm auf und rein in die Schützengräben: Der Kampf um die Macht beim “Spiegel” eskaliert – beide Parteien sprechen unter der Hand von “Kriegserklärung” und “klaren Fronten”.”

Wie verzweifelt muss Peter Turi eigentlich sein, um in seinem Mediendienst letztlich banale Personalzwistigkeiten so brummkreiseldumm “aufzupeppen” (Turis Bildcollage – “Spiegel”-Geschäftsführer Mario Frank mit Stahlhelm auf einem “Spiegel”-Heft – hätte kaum einer Schülerzeitung zur Ehre gereicht)? Für solchen Krampf ist mir ein Link zu schade.

Vermutlich wirklich Gehaltvolles bietet morgen um 23.30 Uhr in der ARD Thomas Leif. Als Alternative zum Tanz in den Mai preist Leif in einer Mail sein Feature “Quoten, Klicks & Kohle” an. Auf der SWR-Website wurde hierzu ein eigenes Dossier angelegt, auf der Kopfgrafik schaut der eitle Netzwerk Recherche-Vorsitzende Leif aus dem Halbdunkel. Erhellendes soll die Sendung liefern, die mit der Ausstrahlung auch als Video auf dieser Seite abgerufen werden kann:

“In dem ARD-Feature “Quoten, Klicks und Kohle” wird der Kampf um Marktanteile, Profitchancen und Geschäftsinteressen an vielen Beispielen illustriert und mit den wichtigsten Medien-Managern Deutschlands diskutiert.”

Als Online-Bonusmaterial werden außerdem elf Interviews in Langversion abrufbar sein. Interviewpartner waren unter anderem Kurt Beck, Christiane zu Salm, Jörg Sadrozinski, Mathias Müller von Blumencron, Fritz Raff und Markus Schächter. Ferner finden sich auf der Website ein Vorschau-Trailer, Kurzvideos mit Zitaten, ein umfangreiches Link-Verzeichnis (leider keine Links zu Kritikern der Öffentlich-Rechtlichen!) und eine Rubrik mit Hintergrundmaterial, welches allerdings fast durchweg Rechtfertigungen der Öffentlich-Rechtlichen enthält. Freilich können und sollen sich die Kollegen hier nicht selbstkasteien, aber ein bisschen mehr Selbstkritik könnte auch nicht schaden, aber vielleicht bietet dies Leifs Feature ja auch. Ich bin schon gespannt auf die Reaktionen von Thomas Knüwer und anderen; diese könnte man ja dann auch in dem Dossier verlinken. In einem Forum wird übrigens zur Diskussion eingeladen.

Nachtrag
Na gut, dann lege ich doch noch nen Link zu Turi. Weil ich schlecht recherchiert habe, ein anderer Leser, nämlich Mark793, hat diesen Turi-Schwachsinn schon lange vor mir gebührend kommentiert.

Nachtrag 30.04.08
Eine erste Reaktion auf die Ankündigung der ARD gibt es vom Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ):

“Der VDZ Verband Deutscher Zeitschriftenverleger weist die in einer Ankündigung auf einen ARD-Beitrag “Quoten, Klicks und Kohle“ (SWR) gemachten Behauptungen zurück, die Verleger wollten die digitale Entwicklung der öffentlich-rechtlichen Sender behindern.”

Mehr dazu auf der VDZ-Website.

Nachtrag 01.05.08
Kritik von Michael Hanfeld bei FAZ.NET: “[N]ach einem solch peinlichen Stück der Selbstbeweihräucherung und einem solchen Ausmaß manipulativer Techniken muss man lange suchen.”: “Infiltration von Meinung”.

Nachtrag 02.05.08
Negative Kritik gibt es auch vom “Kölner Stadtanzeiger”, Rainer Braun sagt: “Mit dieser Sendung haben der SWR, der für die ARD die Online-Aktivitäten koordiniert, und sein Großreporter eine Chance zur Versachlichung der Debatte selbstverliebt vertan.”: “Der Großreporter vergibt eine Chance”.

Düsteres Szenario: Viele Zeitungen werden nur noch wöchentlich erscheinen

Da hat er sich hoffentlich mal verschätzt, der neue Zeit.de-Chefredakteur Wolfgang Blau: “Im internationalen Vergleich gibt es hierzulande zu viele Tageszeitungen. Vieler dieser Zeitungen werden in Zukunft wahrscheinlich nur noch im wöchentlichen Rhythmus erscheinen.” Gesagt hat er das am Dienstagabend in Hamburg beim Media Coffee der DPA-Tochter Newsaktuell (siehe Pressemitteilung).

Der Titel der Diskussionsrunde, “Im Sog des Internets – Was bleibt übrig von Print, TV und Radio?”, spitzte ja schon zu. Blau, der in der Vergangenheit häufig für öffentlich-rechtliche Sender arbeitete, sagte, dass er bei seinen langen Auslandsaufhalten zu einem “Befürworter” dieses Systems geworden sei. Für ihn seien die wirklichen Konkurrenten für Verlage letztendlich nicht die öffentlich-rechtlichen Sender, sondern vielmehr Blogs oder reichweitenstarke Plattformen wie Youtube. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Werben & Verkaufen heute meldet, dass eine Internet-Allianz von Zeit.de und ZDF unmittelbar bevorstehe.

Auch der Chefredakteur des Hamburger “Abendblatts”, Menso Heyl, gab bei der Diskussionsrunde zu erkennen, dass seine Zeitung einer Zusammenarbeit mit dem NDR nicht abgeneigt seit: “Ich wünschte, wir könnten mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk mehr zusammen machen, ohne aber dabei unseren jetzigen Partner zu verdrängen. Allerdings geht das ja aus den verschiedenen Gründen noch nicht.”

“Spiegel”-Verlagsleiter Fried von Bismarck äußerte deutliche Kritik: “Ich halte es für ein Unding, dass die durch Gebühren finanzierten Rundfunkanbieter sagen, sie dürften im Netz alles machen, was zum Beispiel auch die Verlage tun.” Es sei allerdings die Aufgabe der Politik, und nicht die der Sender, eine Antwort auf diese Fragestellung zu finden. Im eigenen Haus wachsen die Bäume auch nicht in den Himmel: Beim “Spiegel” müsse man sich “auf sinkende Auflagen und Anzeigenerlöse einstellen”. Andererseits müsse man an den Online-Umsätzen “noch lange stricken, um die Erlöse zu erreichen, die wir im Printgeschäft erzielen”, sagte Bismarck.

Das Hohelied des Qualitätsjournalismus (ja, wir lieben dieses Wort alle!) stimmte indes Steffen Klusmann, Chefredakteur der “Financial Times Deutschland”, an (“qualitativ hochwertiger Journalismus”, egal wo, sei gefragt). Bemerkenswerter war, dass er vor amerikanischen Verhältnissen warnte, wo bereits große Teile der etablierten Wirtschaftspresse verschenkt werden müssen, weil niemand mehr bereit sei, dafür zu bezahlen.

Nachtrag 10.04.08
Interessant zu Wolfgangs Blaus Untergangsthese ist Thomas Knüwers “Ob Zeitungen wohl Blau machen”.

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