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Drohnenjournalismus: großes Potenzial, aber hohe Hürden

Oktokopter vor dem Start

Oktokopter vor dem Start: Bild: Bernd Oswald

Drohnen haben gerade wieder eine schlechte Presse in Deutschland: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen will Drohnen zum Schutz der Bundeswehr anschaffen und erntet dafür viel Gegenwind. Das hat vermutlich mit dem Drohnenkrieg der USA zu tun. Immer wieder töten militärische Drohnen auch Zivilisten. Und der amerikanische Drohnenkrieg wird zum Teil auch aus Deutschland geführt.

Doch Drohnen lassen sich prinzipiell natürlich auch friedfertig einsetzen. Zum Beispiel im Journalismus. Wobei man erstmal eine saubere Abgrenzung vornehmen sollte. Die Militärdrohnen sind in der Regel sogenannte Male-Drohnen: Medium Altitude, Long Endurance (Mittlere Höhe, lange Flugdauer). Diese Drohnen verfügen über Flügel und werden von Verbrennungsmotoren angetrieben. Die amerikanische Predator-Drohne etwa hat eine Spannweite von 15 Metern, eine Reichweite von 3700 Kilometern, und kann in 7600 Metern Höhe bis zu 40 Stunden lang fliegen. Und sie kostet ein Vermögen.

Für den friedlichen und dennoch aufklärerischen Einsatz eignen sich eher so genannte Kopter: Ferngesteuerte Fluggeräte mit vier, sechs oder acht Rotoren, die mit Akkus laufen und daher nur eine kurze Einsatzdauer von wenigen Minuten haben. Hier ein kurzes Video, das zeigt, wie Kopter-Pilot Fabian Werba seinen Oktokopter startet.

Einfache Kopter wie der Parrot AR, die sich per Smartphone steuern lassen, sind schon ab 300-400 Euro zu haben. Einen Kopter kann man je nach zulässiger Nutzlast mit unterschiedlich großen bzw. schweren Kameras bestücken. Die Preise reichen von rund 3.000 Euro bis hin etwa 20.000 Euro für einen Optokopter mit einer Nutzlast von fünf Kilogramm. Ein Kopterflug kostet trotzdem nur einen Bruchteil eines Hubschrauber-Fluges und ist viel flexibler als ein Kamerakran. Das macht den Kopter bzw. Drohneneinsatz auch für die Recherche interessant. Zumindest in der Theorie. In der Praxis steht erst mal ein enormer bürokratischer Aufwand. Wer einen Drohnenflug starten will, braucht:

  • eine Aufstiegsgenehmigung der jeweiligen Luftaufsichtsbehörde. Während Flächenländer diese pro Pilot und für ein bis zwei Jahre vergeben, müssen “Aufstiege mit unbemannten Flugobjekten” (so der Behördensprech) in Stadtstaaten einzeln beantragt werden.
  • Geld: eine Aufstiegsgenehmigung kostet zwischen 80 und 150 Euro
  • eine Karte mit den Koordinaten des Startplatzes
  • die Zustimmung des Grundstücksbesitzers, von dem die Drohne aus gestartet werden soll. Interessanterweise braucht man nicht die Zustimmung der Grundstücksbesitzer, über deren Grundstücke geflogen werden soll
  • eine Flugpraxiszeugnis des Piloten
  • technische Spezifikationen der Drohne
  • eine spezielle Haftpflichtversicherung für Modellflughalter mit einer Deckung von mehr als einer Million Euro
  • und eine Datenschutzerklärung des Piloten

Zukunftsszenario: Kopterschwärme im Krisengebiet

Gerade die Genehmigung braucht viel Vorlauf, zwei Wochen sollte man hier schon einplanen. Für den spontanen Rechercheeinsatz etwa bei Demonstrationen eignen sich Drohnen (zumindest in Deutschland) nicht. Bei Unglücken und im Umfeld von besonders sensiblen Anlagen wie Atomkraftwerken ist ihr Einsatz sogar verboten. Gerade dort wäre er aber besonders interessant – findet Datenjournalist Lorenz Matzat, der im Einsatz von Drohnen mit Sensoren großes Potenzial sieht, sei es der Geigerzähler oder Schadstoffmessgeräte (im übrigen nicht nur in der Luft, sondern auch unter Wasser). Matzat rät für solche Fälle Mut zum Risiko: „Du darfst eine Drohne nur einsetzen, wenn du bereit bist zu leugnen, dass es Deins ist“, sagte er  dem Panel “Lohnen Drohnen” auf der Jahrestagung 2014 des Netzwerks Recherche. Im Zweifelsfall müsse sich der Journalist dumm stellen und sagen, das Material sei ihm zugespielt worden. Als Zukunftsszenario sieht Matzat den Einsatz von ganzen Kopterschwärmen, die hochauflösende Bilder einer Stadt liefern und mittels Solarenergie bei Tageslicht dauerhaft in der Luft bleiben können.

Es ist noch kein Fall bekannt, wo ein Journalist so weit gegangen wäre. Kriseneinsätze gab es allerdings schon, wie die Aufnahmen des BlackSheep Team von dem verunglückten Kreuzfahrtschiff Costa Concordia oder von der Hochwasserkatastrophe im Frühsommer 2013 zeigen. Die meisten journalistischen Drohneneinsätze drehen sich eher um Luftaufnahmen mit Dokumentarcharakter, etwa in der Reihe “Brandenburg von oben” des RBB oder die von einer Drohne gefilmte Vogelperspektive der Schweizer Lauberhornabfahrt in Wengen (SRF).

Das rechtliche Spannungsfeld wird sich auch in nächster Zeit nicht auflösen. Deswegen werden Journalisten, die Drohnen spontan in Krisensituationen einsetzen, damit leben müssen, unter Umständen rechtlich belangt zu werden.

Disclaimer: Ich habe das Panel “Lohnen Drohnen” auf der Jahrestagung 2014 des Netzwerks Recherche moderiert.

Die Must-Reads zur #nr14

Neues Recherche-Portal, Tipps und Tools für Datenjournalisten, besser googeln als die NSA – die Jahrestagung 2014 des Netzwerks Recherche hat sich echt gelohnt. Hier die Highlights zum Nachlesen.

Schock! Das Golden Girl und die goldene Regel

Es ist die goldene Regel des Onlinejournalismus: Wenn die Konkurrenz über irgendwas Spektakuläres berichtet — erst mal abschreiben. Überprüfen kann man das ja später noch. Irgendwann. Vielleicht. Hauptsache, man hat die Geschichte auch.

schreibt Mats Schönauer im Bildblog. Und weil der Satz so schön griffig und einigermaßen plausibel ist, verweisen wir auch gleich ohne Gegenrecherche auf das Beispiel in seinem Artikel. Nur so viel, damit Sie auch klicken: Es geht um Tina Turner, ihren Schlaganfall und den Wörthersee.

Wie Journalisten ihre digitale Kommunikation schützen sollten – Teil 2/2 (ABZV Videoreporter Folge #10)

Dass Journalisten bei ihrer digitalen Kommunikation eine gewisse Verantwortung tragen, liegt auf der Hand. Denn es geht um die Sicherheit ihrer Recherchen, um den Schutz ihrer Informanten und Kontakte, aber auch um ihre ganz persönlichen Profile.

Nur wie ernst wird das Thema tatsächlich genommen, wenn es in Redaktionen nach wie vor üblich ist, Termine und Kontakte in der Google-Cloud zu verwalten und Nachwuchsjournalisten – bei allem unbestrittenen Nutzen sozialer Netzwerke für den Journalismus – eingetrichtert wird, wie wichtig ihr Klout Score sei, ohne dabei mit einer Silbe auf eine notwendige Strategie zur Trennung von privaten und öffentlichen Daten hinzuweisen?

Für die zehnte Folge der Serie ABZV Videoreporter habe ich Albrecht Ude (Researcher und Recherche-Trainer), Christian Stöcker (Ressortleiter Netzwelt bei Spiegel Online) und Patrick Beuth (Redakteur im Digital-Ressort bei Zeit Online) unter anderem zu diesen Themen befragt.

Im ersten Teil ging es um verschlüsselte E-Mail-Kommunikation und anoymes Surfen zu Recherche-Zwecken.

Das Video steht unter der Creative Commons Lizenz (BY-NC-ND 3.0 DE), das heißt Teilen, Verbreiten und Einbetten in andere Kontexte ist erwünscht, solange dies zu nicht-kommerziellen Zwecken geschieht.

Weitere Links zum Thema:
… bei onlinejournalismus.de

… im übrigen Internet

Wie Journalisten ihre digitale Kommunikation schützen sollten – Teil 1/2 (ABZV Videoreporter Folge #9)

Vor einigen Monaten hatte Matthias Eberl hier auf onlinejournalismus.de einen Beitrag veröffentlicht, in dem es um die Frage ging, was wir als Journalisten nach dem NSA-Skandal tun müssen. Ein Text, der es – neben vielen anderen Beiträgen zu diesem Thema – auf den Punkt bringt.

Die Frage ist: Wieviel hat sich in den Redaktionen eigentlich getan seit dem größten Datenskandal der Geschichte? Wer nimmt das Thema so ernst, dass er auch wirklich aktiv etwas ändert an der eigenen digitalen Kommunikation? Wenn man mal stichprobenweise in die Impressen der Online-Dienste deutscher Zeitungsverlage blickt, fällt auf, dass gerade mal eine Handvoll Redakteure verschlüsselte Kommunikation öffentlich anbietet.

Für die neunte Folge der Serie ABZV Videoreporter habe ich Albrecht Ude (Researcher und Recherche-Trainer), Christian Stöcker (Ressortleiter Netzwelt bei Spiegel Online) und Patrick Beuth (Redakteur im Digital-Ressort bei Zeit Online) um Einschätzungen und Ratschläge gebeten. Am 23. Mai wird der zweite Teil erscheinen ist der zweite Teil erschienen.

Das Video steht unter der Creative Commons Lizenz (BY-NC-ND 3.0 DE), das heißt Teilen, Verbreiten und Einbetten in andere Kontexte ist erwünscht, solange dies zu nicht-kommerziellen Zwecken geschieht.

Weitere Links zum Thema:
… bei onlinejournalismus.de

… im übrigen Internet

Hamburger Gefahrengebiet: Reporter on demand

Das Hamburger Lokalblog Mittendrin begleitet die diversen Proteste in Hamburg seit Monaten und ist im Moment täglich im “Gefahrengebiet” unterwegs, wo es jeden Abend zu Spontan-Demos und Polizei-Kontrollen kommt – manchmal konzentriert, häufig über das Gebiet der Stadtteile Altona, St. Pauli und Sternschanze verstreut. Seit Freitag verfügt das Blog außerdem über eine “Call a journalist”-Webapp, mit der User, Anwohner, Demonstrationsteilnehmer und andere Menschen im Gefahrengebiet die Redaktion des Blogs auf berichtenswerte Vorgänge aufmerksam machen können. Die Redaktion bekommt nach dem Aktivieren des Alarmknopfes den Standort des Nutzers mitgeteilt und kann ihre Reporter dorthin lenken.

Konzipiert und programmiert wurde die Anwendung in der vergangenen Wochen von Open Data City (wenig überraschend) und Cross & Lecker. Eine vergleichbare Funktionen im Einsatz in der aktuellen Online-Berichterstattung in Deutschland fällt mir spontan nicht ein (Hinweise, wie immer, gerne in den Kommentaren).

Dominick Brück von Mittendrin beschreibt die ersten Erfahrungen: “Wir hatten insgesamt vier Mal Alarm. Bei allen vier Alarmen war am Ort des Geschehens auch was los, es war aber nur einmal möglich denjenigen auch zu treffen, der den Alarm gesendet hatte. Die Ortsangaben immer sehr präzise, der Alarm kam zeitnah an und es war uns möglich schnell genug vor Ort zu sein. Auch mit mehreren Redakteuren auf das System zuzugreifen hat gut geklappt, besonders da man sieht, ob ein Alarm schon bestätigt wurde oder nicht.” Brück wünscht sich noch zusätzlich eine Möglichkeit für die Redaktionen, mit dem User zu kommunizieren. Und natürlich müsse die Anwendung erst richtig bekannt werden.


Weitere Artikel

… bei onlinejournalismus.de

im sonstigen Internet:

Es gilt das gesprochene Wort

Natürlich, Journalisten sind keine Stenographen und im Print-Journalismus ist das sprachliche Glätten von Zitaten Alltag. Aber es ist schon faszinierend, wie deutlich bei verschiedenen Medien die wörtliche Wiedergabe eines offenbar sehr einprägsamen Zusammenstoßes zwischen dem Vater des toten NSU-Terroristen Uwe Mundlos und dem Vorsitzenden Richter Götzl im Detail voneinander abweicht.

tagesschau.de:

Als Götzl ihn laut zurechtweist, wird Mundlos patzig und verlangt nicht nur als Doktor, sondern auch als Professor angeredet zu werden.

Süddeutsche.de:

Mundlos nennt Götzl später auch noch “arrogant”, und im Übrigen möchte er bitte mit “Herr Professor” angesprochen werden. Götzl bleibt jedoch bei der Anrede “Herr Doktor Mundlos”.

Stern.de:

“Sie könnten mich ruhig Professor Mundlos nennen.” Götzls Reaktion: “Nein, ich nenne sie Doktor Mundlos, ich nenne Sie bei Ihrem Namen.”

FAZ:

“Sie müssen mich Professor Mundlos nennen.“ – „Nein, das muss ich nicht Herr Dr. Mundlos.“ – „Doch das müssen Sie, ich bin durchaus berechtigt, den Titel noch zu führen.“

Spiegel Online:

Mundlos erbost: “Was fällt Ihnen ein, mich so anzugehen? Sie können mich ruhig Professor Mundlos nennen!”
“Ich nenne Sie Dr. Mundlos, das ist Ihr Name!”
Mundlos nennt Götzl später auch noch “arrogant”, und im Übrigen möchte er bitte mit “Herr Professor” angesprochen werden. Götzl bleibt jedoch bei der Anrede “Herr Doktor Mundlos”.

Welt:

“Nennen Sie mich gefälligst Professor Mundlos.” Götzl verweigert das, bleibt beim “Doktor”. Und wird prompt vom emeritierten Professor als arrogant bezeichnet.

Die Zeit geht auf diesen Teil des Wortwechsels gar nicht näher ein, die taz konzentriert sich auf den inhaltlichen Teil der Zeugenaussage.

(Crosspost von meiner Homepage)

“Fox News Deck” soll Social-Media-Nachrichtenfluss navigieren

Moderator Shepard Smith vor riesigen Touchscreens

Vorne der Nachrichtenmoderator, hinter ihm entweder eine riesige Videowand oder ein halbes Dutzend Journalisten an riesigen Touchscreens, die an Zeichentische erinnern: Es sieht komplett albern aus, was Fox News da als neues Studio präsentiert.

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Demo-Zahlen: Die dezentrale Nicht-Live-Meldung

Demonstranten am 27.07.2013 in Hamburg

Wie viel Demonstranten sind es? (Foto: Holger Röttgers)

“Bundesweite” – also in verschiedenen Städten am gleichen Tag veranstaltete – Protestaktionen, wie sie heute und schon mehrfach zu Themen rund um staatliche Überwachung stattfanden, haben zwei unbestrittene Vorteile: Menschen können sich leichter an den Protesten beteiligen, ohne erst an einen zentralen und (für Nicht-Berliner wahrscheinlich tendenziell weit entfernten) Kundgebungsort anreisen müssen. Sie können Anwohner und Passanten an verschiedenen Orten erreichen.

Die Chancen, über die mediale Öffentlichkeit Aufmerksamkeit zu bekommen, ist für die meisten Anliegen allerdings erheblich geringer als bei einer zentralen Demonstration. Hier 50 Demonstranten, dort 200 und in einer der größeren Städte vielleicht eine vierstellige Zahl – das kommt der Mechanismen und der Logistik der (Online-)Berichterstattung der größeren Medien alles andere als entgegen. Weiterlesen…

Offshoreleaks goes public

Die Offshoreleaks sind bislang der größte journalistische Scoop 2013. Nun ist ein Teil der Datenbank, die dokumentiert, wer sein Geld legal oder illegal jedoch meist auf verschlungenen Pfaden in Steuerparadiese geschleust hat, online.

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