Archivierte Einträge für Recherche

„Hessen-Obama. Quelle: Internet“

Im Blog Designtagebuch hat Achim Schaffrinna – passenderweise am 11.11., allerdings bereits um 7:58 Uhr – folgenden Vorschlag für eine Kampagnenlogo der hessischen SPD veröffentlicht:
Der Hessen-Obama | © Achim Schaffrinna/Designtagebuch

Nicht nur den Lesern des Designtagebuch gefiel die Grafik, auch die SPD Marburg stellte die Grafik selbstironisch auf ihre Homepage – offenbar ein Screenshot, eine Quellenangabe fehlt.

Inzwischen sind erste Medien-Websites eingestiegen – zum Beispiel die Rheinische Post, die natürlich auch die Grafik abbildete. Laut einem Nutzerkommentar ohne Verweis auf Designtagebuch: „Is klar, jetzt schnappen die sich das Ding auch noch und sagen ‚Quelle: Internet'“, mokierte er sich. Der Designer antwortet gelassen:

Überall wo das Logo nun aufpoppt gibt es bereits Kommentare, die auf die Quelle hinweisen. Das reicht mir. Sehr schön ist auch der Satz: ‚… ist von einem uns nicht bekannten Menschen entworfen und verbreitet worden.‘ Soviel zum Thema investigativer Journalismus.

Inzwischen hat rp-online offenbar reagiert und zeichnet sein Bild nun als „screenshot/SPD Marburg“ aus. Der Kölner Stadtanzeiger greift das Thema via ddp auf und hat es da mit der Bildquelle einfacher. Er nimmt ein vom Bildschirm abfotografiertes und bearbeitetes Foto der Grafik (Quelle: ddp).

Natürlich: Online-Medien sind immer wieder mit Fällen konfrontiert, in denen ihnen kein Bildmaterial über die üblichen Agentur-Wege vorliegt, es aber etwas im Internet gibt. Dann heißt es überlegen: Wann ist ein Screenshot eine inhaltlich und rechtlich legitime Illustration? Ist es vertretbar, wenn kein Bild eines Brandes oder einer Demonstration im Ausland vorliegt, ein Bildschirmfoto einer lokalen Website zur Illustration zu verwenden? Wann gilt das Zitatrecht, weil man einen Screenshot oder real abfotografierten Bildschirm verwendet, um über die Berichterstattung zu berichten? Sicherlich häufig genug.

Aber – wie man es immer wieder sieht – einfach etwas übernehmen und hoffen, dass man mit einem plumpen „Quelle: Internet“ auf der sicheren Seite ist, ist mehr als unsauber und zeugt nicht von hohem Qualitätsanspruch (Das gilt auch für ddp, in deren Meldung einfach „Unbekannte“ als Urheber der Grafik genannt werden). Zumal im vorliegenden Falle die Netz-Recherche bis zum Urheber nicht besonders schwer gewesen wäre – und dieser etwa onlinejournalismus.de innerhalb von wenigen Minuten das Recht zur Verwendung der Grafik einräumt.

(via)

Weitere Links

  • Hope a la Schäfer-Gümbel. „Das ZEITmagazin will in unseren krisengeschüttelten Zeiten mit diesem Plakat ein sichtbares Hoffnungssignal setzen.“

Themen gesucht: Worüber Medien nicht berichten

„Heute, morgen und übermorgen kann man noch Themen oder Nachrichten bei der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) einreichen, die von den Mainstream-Medien vernachlässigt wurden“, darauf weist Christiane Schulzki-Haddouti in ihrem Blog Kooptech hin.

Zu meinem Bedauern muss ich auch einmal mehr feststellen, dass ich dieses Thema, diese lobenswerte Initiative in den letzten Jahren selbst vernachlässigt habe.

Online Journalism Review: Auf ein Neues!

Im Juli stellte das Online Journalism Review der Annenberg School of Communication an der University of Southern California den Betrieb ein. Zuvor war es jahrelang eine der wichtigsten Publikationen für den Onlinejournalismus gewesen, zuletzt in Blogform aber etwas ins Hintertreffen gegenüber anderen, jüngeren Websites geraten.

Jetzt tut sich beim OJR wieder etwas: Die neue Annenberg-Direktorin Geneva Overholser kündigt in einem Editorial an, dass die Publikation in veränderter Form zurück ist. Das OJR ist nun Teil des Knight Digital Media Centers, zweimal in der Woche soll es neue Beiträge geben, man setzt besonders auf die Konversation mit den Nutzern und sowie auf vier thematische Schwerpunkte:

1. Journalismus in einer „Konversationsumgebung“, in der das Publikum auch eine Stimme hat

2. Investigative Recherche im Internet-Zeitalter

3. Neue Geschäftsmodelle für den Journalismus

4. „Guerilla-marketing“ für Nachrichten – SEO usw.

Weitere Links
bei onlinejournalismus.de:

Blamabel: Spiegel-TV über Twitter und die SPD

Dieses Video könnte ein Beispiel für inneren Meinungspluralismus beim Spiegel sein – für gute crossmediale Vernetzung und Qualitätsjournalismus ist der Beitrag keins. Möglicherweise könnte er noch für verunglückte Satire-Versuche in (politischen?) TV-Magazinen stehen. Wovon ist die Rede? Spiegel TV zieht sich in dem Beitrag an einem angeblich twitternden Müntefering hoch.
Hier beweist jemand zugleich Internet- und Visualisierungskompetenz (Screenshot)
Inkriminiertes Spiegel-TV-Video: Hier beweist jemand zugleich Internet- und Visualisierungskompetenz.

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Wie Google den Journalismus verändert

Das NDR-Medienmagazin Zapp sendet heute um 23 Uhr den Beitrag „Dramatische Entwicklungen – Wie Google den Journalismus verändert“.

„Wer recherchiert, der googelt. Am 7. September 1998 ging die Suchmaschine online. Seit zehn Jahren ersetzt sie zunehmend das Redaktionsarchiv. Die Eingabezeile wird zum Briefschlitz des Journalismus. Nach Sekunden setzen die Ergebnisse den Mindeststandard der Recherche. Doch durch Google wird auch das Abschreiben leichter – der „Copy-Paste“-Journalismus nimmt zu. Und Journalisten müssen so formulieren, dass Google ihre Artikel findet – eine Suchmaschine bestimmt so die Relevanz der Themen. Google News wildert selbst im Journalismus – doch keine Redaktion wählt aus, sondern Suchalgorithmen. Zapp über eine Suchmaschine, die seit zehn Jahren den Journalismus dramatisch verändert.“

Die Wiederholungstermine im TV finden sich auf der Zapp-Website, dort gibt es wie immer ab Donnerstag auch die Videos und Texte der einzelnen Beiträge. Wenn wir schon beim Ankündigen sind: Demnächst gibt es hier einen Google-Artikel von mir aus der August-Ausgabe des „Journalist“.

Deckname Moser

Profil bei StudiVZ (Screenshot [M])
Soziale Netzwerke wie StudiVZ, MySpace oder Xing können eine ergiebige Quelle für Journalisten sein. Doch sollte die Recherche mit Fingerspitzengefühl erfolgen. Wir dokumentieren einen Fall, der Aufsehen erregte. Weiterlesen…

Klick – Neid – Klick

Wie stellt man 170 Berufe und deren Einkommen, geliefert von Destatis, dar? Als Tabelle? Ist unübersichtlich, aber wenigstens auf einen Blick zu erfassen. Im Netz bedeutet das aber ja nur einen Aufruf für die Seite. Was also tun bei der PI-heischenden äh journalistischen Präsentation dieser Ergebnisse?

Welt online ist dabei recht kreativ geworden. Sie haben hier die Ergebnisse in eine Fotogalerie gepackt. Clever, kann man dazu nur sagen.

welt

Denn hier spielt man mit dem Neid der Leute. Ich muss wissen, was mein Nachbar verdient. Mal abgesehen davon, dass es eine deutsche Unart ist, nicht übers Gehalt zu reden, kann man auch ganz gut über „die da oben“ lästern. Mithin ist ein solches Ranking immer wieder gern genommen.

Dabei 170 Klicks zu generieren, um diesen Neid zu füttern, ist allerdings dreist. Das ist jedenfalls kein non-lineares Erzählen, kein Journalismus.

Das ist schlicht und ergreifend Klick-Grabbing.

Weitere Links
… bei onlinejournalismus.de:

Reportagen-Themen: Sie sind da draußen, stupid!

Sie suchen ein mögliches Thema für eine Reportage, haben „Reportage Themen“ bei Google eingegeben und sind deshalb bei onlinejournalismus.de gelandet? Da sind Sie nicht der erste, wie unsere Abruf-Statisken zeigen. Trotzdem sind Sie hier ziemlich falsch. Besonders, wenn Sie Ihre Reportage schreiben, weil Sie sich damit für eine Journalistenschule oder ein Volontariat bewerben wollen.

Gehen Sie vor die Tür! Am Schreibtisch sollten Sie erst ganz am Ende sitzen, wenn Sie aufschreiben, was sie gesehen, gehört, geschmeckt, gefühlt, erfahren haben. Das sagen Ihnen jeder erfahrenere Kollege, sämtliche Lehrbücher und sogar Wikipedia.

Natürlich können Sie im Internet Anregungen für mögliche Reportage-Themen, -Schauplätze oder -Aspekte suchen. Die finden Sie aber bei einem Streifzug durch die Welt da draußen auch – möglicherweise viel einfacher; und vor allem solche, die nicht schon von tausend anderen Kollegen beackert wurden.

Was Sie hier finden: Hinweise zur Umsetzung von Reportagen im Medium Internet. Und das bietet eine ganze Menge – von Audio-Bildergalerie (Soundslides) über den Text mit Video-Ergänzungen bis zum vollen Multimedia-Paket (Hinweise in auch unseren Kategorien Beispielhaft und Multimedia). Der Onlinejournalismus lässt viel Raum für Experiment, Kreativität, neue Formen des Storytellings. Vieles davon ist auch schon mit einfachen Mitteln umsetzbar – wenn man nur will. Aber bevor Sie sich hier festklicken: Rausgehen und eine Geschichte mitbringen.

Weitere Links
… im Internet

  • Reporter-Forum. Netzwerk zur Förderung der Reportage durch Erfahrungsaustausch, Workshops etc.
  • Wie finde ich ein Thema? Oftmals kommt nicht der Reporter zum Thema, sondern das Thema zum Reporter, meint Henning Sußebach (Die Zeit).

„Einen Link, einen Link! Ein Königreich für einen Link!“

Wenn William Shakespeare Online-Journalist wäre, würde er König Richard III. den in der Überschrift genannten Satz rufen lassen, sagt Burkhard „Burks“ Schröder in seinem Telepolis-Beitrag: „Project Xanadu, reloaded – Was ist und zu welchem Ende betreiben wir Online-Journalismus? Wie setzt man Links, warum und wohin?“. Ausführlich, mit fast 150 Links ausgestattet, plädiert Schröder für den häufigen und mitunter radikalen Gebrauch von Hyperlinks im Onlinejournalismus, so rät er: „Auch Websites mit strafrechtlich relevanten oder nicht „jugendfreien“ Inhalten können und sollen verlinkt werden.“

Schröder „vertritt eine zensurfeindliche Position und befürwortet auch Links zu Websites, mit dessen Inhalt der Verlinkende politisch oder moralisch nicht einverstanden ist“, heißt es in seinem Wikipedia-Eintrag. Insbesondere Burks‘ „Informationsportal Rassismus & Antisemitismus“ sorgt bei Journalisten-Seminaren immer wieder für Diskussionsstoff und war auch schon Gegenstand eines Ermittlungsverfahrens gegen Schröder (huhu Burks, der Link zum Ermittlungsverfahren funktioniert nicht).

Virales Marketing: Lange Leitung bei stern.de


Bei stern.de gibt es seit 30.5. einen kurzen Artikel über den angeblichen Aufstieg von reichen Rap-Kids von der US-Ostküste, die mit Golf-Klamotten, Sportwagen und edlen Elternhäusern protzen. Die Meldung beruht auf einem Musikvideo, das auf den einschlägigen Plattformen kursiert. Von stern.de wurde es auf den eigenen Server übernommen und in die Meldung eingebunden.

Total unwahrscheinlich natürlich, die ganze Geschichte. Wirklich koscher ist auch den stern.de-Redakteuren das Video offenbar nicht vorgekommen. Aber kurz die Quelle nachzurecherchieren war offenbar nicht drin. In den Nutzer-Kommentaren bekommt die Redaktion das um die Ohren gehauen. „Das es sich hierbei um Werbung für Smirnoff handelt, erfährt man spätestens am Ende des Videos“, schreibt ein User am 1.6. (am Ende des Videos wird eine Internetadresse genannt). Andere äußern sich ähnlich.

Am 2.6. reagiert die Redaktion:

Sorry, liebe stern.de User

Dass bei dem Video virales Wodka-Marketing eine Rolle spielt, hatten wir tatsächlich auch gemerkt – aber leider hatten wir eine Zeitlang einen falschen, veralteten Text zum Video gestellt, in dem dies nicht erwähnt war.
Wir bitten um Entschuldigung.

Die Reaktion erfolgte allerdings nur in den – auf der Artikelseite nicht sofort ersichtlichen – User-Kommentaren. Aus dem dem jetzt online stehenden Artikel wird weiterhin nicht klar, wem man da aufgesessen ist. Dafür wurde der Artikel immer noch auf der Startseite verlinkt. Noch einmal ein User dazu:

Ja, sorry hin oder her… aber warum steht dieser Scheiß immernoch auf dem Titel und wird nicht gelöscht, obwohl Ihr es schon gemerkt habt?“

Darauf gibt es von stern.de bisher keine öffentliche Reaktion. Derlei User-Kommentare zu ignorieren – stern.de ist dabei ja nicht allein – ist für Online-Redaktionen aber fahrlässig, aber sympomatisch für die Aufmerksamkeit, die in vielen Redaktionen dem „User-Ghetto“ Kommentare geschenkt wird. Personal- und Zeitmangel bei den Redakteuren hin oder her: Eine Nicht-Reaktion kann das Vertrauen des Publikum untergraben. Noch einmal ein Nutzerkommentar bei stern.de:

wieso wird sich also einfach eine Geschichte ausgedacht ? Ich möchte gar nicht wissen, was bei ernsteren Themen alles verdreht wird, nach dem Motto was nicht passt, wird passend gemacht.

Update, 7.6.2008:
Inzwischen heißt es im Artikel:

Ob das alles ernst gemeint ist, oder dahinter doch die ausgeklügelte virale Kampagne eines Wodka-Produzenten steckt, weiß eigentlich niemand so genau – aber im Internet sind die weißen Snob-Rapper ein Riesenhit.

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