Archivierte Einträge für Recherche

“Einen Link, einen Link! Ein Königreich für einen Link!”

Wenn William Shakespeare Online-Journalist wäre, würde er König Richard III. den in der Überschrift genannten Satz rufen lassen, sagt Burkhard “Burks” Schröder in seinem Telepolis-Beitrag: “Project Xanadu, reloaded – Was ist und zu welchem Ende betreiben wir Online-Journalismus? Wie setzt man Links, warum und wohin?”. Ausführlich, mit fast 150 Links ausgestattet, plädiert Schröder für den häufigen und mitunter radikalen Gebrauch von Hyperlinks im Onlinejournalismus, so rät er: “Auch Websites mit strafrechtlich relevanten oder nicht “jugendfreien” Inhalten können und sollen verlinkt werden.”

Schröder “vertritt eine zensurfeindliche Position und befürwortet auch Links zu Websites, mit dessen Inhalt der Verlinkende politisch oder moralisch nicht einverstanden ist”, heißt es in seinem Wikipedia-Eintrag. Insbesondere Burks’ “Informationsportal Rassismus & Antisemitismus” sorgt bei Journalisten-Seminaren immer wieder für Diskussionsstoff und war auch schon Gegenstand eines Ermittlungsverfahrens gegen Schröder (huhu Burks, der Link zum Ermittlungsverfahren funktioniert nicht).

Virales Marketing: Lange Leitung bei stern.de


Bei stern.de gibt es seit 30.5. einen kurzen Artikel über den angeblichen Aufstieg von reichen Rap-Kids von der US-Ostküste, die mit Golf-Klamotten, Sportwagen und edlen Elternhäusern protzen. Die Meldung beruht auf einem Musikvideo, das auf den einschlägigen Plattformen kursiert. Von stern.de wurde es auf den eigenen Server übernommen und in die Meldung eingebunden.

Total unwahrscheinlich natürlich, die ganze Geschichte. Wirklich koscher ist auch den stern.de-Redakteuren das Video offenbar nicht vorgekommen. Aber kurz die Quelle nachzurecherchieren war offenbar nicht drin. In den Nutzer-Kommentaren bekommt die Redaktion das um die Ohren gehauen. “Das es sich hierbei um Werbung für Smirnoff handelt, erfährt man spätestens am Ende des Videos”, schreibt ein User am 1.6. (am Ende des Videos wird eine Internetadresse genannt). Andere äußern sich ähnlich.

Am 2.6. reagiert die Redaktion:

Sorry, liebe stern.de User

Dass bei dem Video virales Wodka-Marketing eine Rolle spielt, hatten wir tatsächlich auch gemerkt – aber leider hatten wir eine Zeitlang einen falschen, veralteten Text zum Video gestellt, in dem dies nicht erwähnt war.
Wir bitten um Entschuldigung.

Die Reaktion erfolgte allerdings nur in den – auf der Artikelseite nicht sofort ersichtlichen – User-Kommentaren. Aus dem dem jetzt online stehenden Artikel wird weiterhin nicht klar, wem man da aufgesessen ist. Dafür wurde der Artikel immer noch auf der Startseite verlinkt. Noch einmal ein User dazu:

Ja, sorry hin oder her… aber warum steht dieser Scheiß immernoch auf dem Titel und wird nicht gelöscht, obwohl Ihr es schon gemerkt habt?”

Darauf gibt es von stern.de bisher keine öffentliche Reaktion. Derlei User-Kommentare zu ignorieren – stern.de ist dabei ja nicht allein – ist für Online-Redaktionen aber fahrlässig, aber sympomatisch für die Aufmerksamkeit, die in vielen Redaktionen dem “User-Ghetto” Kommentare geschenkt wird. Personal- und Zeitmangel bei den Redakteuren hin oder her: Eine Nicht-Reaktion kann das Vertrauen des Publikum untergraben. Noch einmal ein Nutzerkommentar bei stern.de:

wieso wird sich also einfach eine Geschichte ausgedacht ? Ich möchte gar nicht wissen, was bei ernsteren Themen alles verdreht wird, nach dem Motto was nicht passt, wird passend gemacht.

Update, 7.6.2008:
Inzwischen heißt es im Artikel:

Ob das alles ernst gemeint ist, oder dahinter doch die ausgeklügelte virale Kampagne eines Wodka-Produzenten steckt, weiß eigentlich niemand so genau – aber im Internet sind die weißen Snob-Rapper ein Riesenhit.

Personensuche oder die doppelte Kanzlerin

Ich bin wahrscheinlich nicht der einzige, der diese Erfahrung gemacht hat: Bei der Suche nach Personennamen in den gängigen Suchmaschinen taucht unter den ersten Ergebnissen inzwischen schon verdammt oft die entsprechende Trefferliste von Yasni, einer im Herbst gestarteten deutschen, auf Personensuche spezialisierten Suchmaschine auf. Sie meldet aktuell drei Millionen Nutzer pro Monat.

Yasni fragt wie ähnliche Dienste in erster Linie vielversprechende Websites nach entsprechenden Nutzerprofilen ab – von der Fotocommunity bis Wikipedia, von Xing bis zur Amazon-Wunschliste. Und Yasni ist dabei für den deutsprachigen Raum – anders als etwa Spock.com oder Zoominfo.com, die US-zentriert suchen und finden – erstaunlich treffsicher.

“Scary” oder ähnliches war die Reaktion etlicher Leute, mit denen ich über diese Suchmaschine gesprochen habe. “Datenschützer, wetzt die Messer!” hieß es dazu schon vor Monaten im Blog Netzwertig: “Jeder, der dann den Datenschutz in Gefahr sieht, sollte sich aber ins Gedächtnis rufen, dass sämtliche von yasni gefundenen Informationen sowieso schon im Netz existieren und von dem Dienst lediglich zusammengeführt werden.”

Die Problematik ist genau die, die GaryCory Doctorow vor einiger Zeit beschrieben hat. Irgendwie beruhigend aber, wenn es dann doch noch nicht so weit ist:

Screenshot Spock.com

Weitere Links:

Der Eklat und die Agentur

Drei Stimmen mehr für den NPD-Kandidaten in Sachsen – wer war’s und was schreiben Agenturen und Redaktionen? Eine Meldung, große Aufregung in den Redaktionen und Erregung bei einem Teil des Publikums.

Die Geschichte: bei St. Niggemeier und Th. Knüwer.
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Echtzeit-Redakteure, Content-Knechte, Teaser-Schubser …


Onlinejournalismus 2008
… Multimedia-Talente, Kreativ-Abteilung, Online-Layouter, Agenturhörige, Experimentierwillige, Innovateure? Über die Arbeit in Online-Redaktionen, ganz allgemein.
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Freie Fakten: “Focus” öffnet sein Archiv

Der “Focus” öffnet zu seinem 15-jährigen Bestehen heute sein Archiv; alle seit dem 18. Januar 1993 erschienenen Artikel (mit Ausnahme der jüngsten Ausgaben) gibt es ab sofort unter www.focus.de/archiv. Rund 100.000 Artikel sind damit frei abrufbar. In den kommenden Wochen sollen noch weitere Recherche-Funktionen freigeschaltet werden, sagt Focus Online-Chefredakteur Jochen Wegner. An der “netzgerechten Aufbereitung dieses journalistischen Schatzes” habe man ein halbes Jahr gearbeitet.

Bereits im Dezember öffnete die “Zeit” ihr seit 1946 entstandenes Archiv (wir berichteten). Im Frühjahr möchte auch der “Spiegel” sein Archiv öffnen (wir berichteten).

Zum sorgfältigen Umgang mit Artikeln aus Online-Archiven rät ein Artikel in der Zeitschrift “Message” (Ausgabe 1/2008, S. 80-83, leider nicht online abrufbar): “Informationen aus Online-Archiven müssen nicht zwangsläufig richtig oder vollständig sein”, sagt Autor und Rechtsanwalt Endress Wanckel im Beitrag “Die Tücken des Googelns”. Wanckel mahnt: “Masse ist nicht gleich Qualität. Die Informationsfülle im Netz wird in den nächsten Jahren noch zunehmen. Denn die Rechtsprechung hat einen Kurs eingeschlagen, der Betreiber von Online-Pressearchiven weitgehend von Löschungsansprüchen der Betroffenen freistellt.” Problematisch kann für Journalisten etwa das Einbinden von alten Beiträgen oder Behauptungen daraus in neue Artikel werden.

Nachtrag 19.01.2008
Ole Reißmann hat bei medienlese das Thema offene Archive noch etwas genauer untersucht: “Archive offen: Wissen ist mächtig”.

Weblogs sind für Politikjournalisten eher unbedeutend

“Welche Bedeutung haben Weblogs für die tägliche Arbeit von Politikjournalisten in Deutschland?”, lautete die Ausgangsfrage für Peter Bihrs Magisterarbeit am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin. Bihr befragte dazu Politikjournalisten aus den Redaktionen deutscher Tageszeitungen (Print und Online) und von Nachrichtenagenturen. Das Ergebnis: “Die befragten Politikjournalisten bescheinigten Weblogs mehrheitlich eine geringe Bedeutung für ihre tägliche Arbeit. Für die Auslandsberichterstattung wurde Weblogs eine größere Bedeutung zugeschrieben als für die innenpolitische Berichterstattung.”

Die mit der Note 1,0 (”sehr gut”) bewertete Arbeit veröffentlichte Arbeit ist hier im Volltext abrufbar: www.thewavingcat.com/weblogs-und-politikjournalisten

Machet auf das Tor! “Zeit” erweitert Online-Archiv um 250.000 Artikel

Nach dem “Spiegel”, der im Frühjahr sein Archiv kostenfrei öffnen wird (wir berichteten), beschert nun die “Zeit” die Internet-Nutzer. In einer Pressemittteilung heißt es:

“ZEIT online erweitert das kostenlose Online-Archiv der ZEIT um über 250.000 Artikel. Seit Juni 2007 sind unter http://www.zeit.de/archiv alle seit 1995 in der ZEIT erschienenen Texte frei zugänglich – nun kommt auch ein Großteil des Archivs seit 1946 dazu.”

“Spiegel” öffnet sein Archiv für Spiegel Wissen-Portal

Die Spiegelnet GmbH und die Bertelsmann-Tochter Wissen Media Group (Wissen Media Verlag und wissen.de) starten im Frühjahr 2008 Spiegel Wissen (wissen.spiegel.de – die URL wird noch nicht bespielt), ein neues Rechercheportal, heißt es in einer Pressemitteilung.

Spiegel Wissen greift zu auf die Inhalte des “Spiegels” und von Spiegel Online sowie der Bertelsmann-Lexika und -Wörterbücher. Hinzu kommen die Einträge aus der freien Enzyklopädie Wikipedia. Auf dem Portal sollen alle “Spiegel”-Artikel seit der Gründung des Blattes im Jahr 1947 und die Artikel von Spiegel Online kostenlos online abrufbar sein. Eine achtköpfige Redaktion soll die Inhalte aufbereiten.

“Multimediale Elemente wie Bilder, Grafiken, Videos und zahlreiche neue Funktionalitäten wie etwa individuelle Sammel-Ordner runden das Angebot ab.” Spiegel Wissen soll “damit die umfassendste frei zugängliche Recherche-Plattform im deutschsprachigen Internet werden.”

Nachtrag 18.12.07
Don Alphonso sieht die “Wikipedia zwischen den Mühlsteinen”, Auszug: “Man schreibt dann eben nicht mehr nur bei der Wikipedia mit, sonderrn fertigt auch kostenlose Inhalte für Medienkonzerne (…).”

Es hat mich gewundert, dass da kein Medienunternehmen früher zugegriffen hat, bekannt ist mir nur das Beispiel der “Rhein-Zeitung”, die seit August 2004 die Wikipedia als Lexikon integriert hat. Freilich kann ich mir vorstellen, dass die Einbindung bei so prominenten und nicht unumstrittenen Partner wie Spiegel Online und mittelbar Bertelsmann bei den Wikipedianern nicht unumstritten sein wird.

Mit der Wikipedia hat Spiegel Online seine eigenen Erfahrungen. In einem Interview im Medienjahrbuch 2007 der Zeitschrift “VISDP” antwortet Spiegel Online-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron auf die Frage:

Können Sie sich noch an die Ruanda-Hintergrundgeschichte vom 24. Februar 2005 erinnern?
War das die Geschichte, die wir von Wikipedia kopiert hatten? Ja, das war eine unserer schwärzeren Stunden.
Nachzulesen ist diese Geschichte übrigens auch in der Blogbar.

Späteinsteiger SpOn und das LKA-Dementi

Ich bin ja mal gespannt, wie sich das auflöst: Heute tickerten die Nachrichtenagenturen eine Spiegel-Vorabmeldung, nach der das bayerische LKA Trojaner einsetze, um Voice-over-IP-Kommunikation mitzuhören. Bei Spiegel Online war die Original-Meldung leider noch nicht zu lesen. Jetzt, gegen 20 Uhr, macht Spiegel Online auf einmal mit dem Thema auf – auf Basis einer ddp-Meldung, die auch schon Politiker-Reaktionen auf die Nachricht des Trojaner-Einsatzes enthält.

Auch das bayerische Landeskriminalamt bestätigt, dass es seit diesem Sommer in mehreren Fällen auf Computern Verdächtiger Programme installiert habe, um solche Internet-Gespräche abzufangen.

… heißt es in dem Artikel. Der Haken an der Sache: Mit keinem Wort wird darin erwähnt, dass das LKA am späten Nachmittag mitteilte, es sei falsch verstanden worden: Abhören ja, Trojaner aber nicht. Auch dazu gab es eine Agenturmeldung, von ddp-Bayern (sic).

Dass nicht alle Redaktionen, die am (Samstag-)Nachmittag auf die Agenturmeldung eingestiegen sind (oder automatische Agenturfeeds übernehmen) und jetzt mit dem Thema bei Google News vertreten sind, auch noch das Dementi nachgereicht haben – geschenkt. Aber das Nachzügler SpOn überhaupt nicht darauf eingeht, ist schon seltsam – zumindest ein triumphierendes Beharren (“Wir haben recht, nicht das LKA”) sollte drin sein …

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