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Propaganda per Filter und Verstärkung – Die leise Gefahr für Journalismus und Pressefreiheit in Krisenzeiten

Straßenumfrage ade: In den letzten Jahren hat sich die Arbeitsweise von vielen Journalisten radikal geändert: Soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook dienen als Sensor für die Meinung der Bevölkerung, als Gruppenmedium zwischen Kollegen, als Recherchetool und als zusätzlicher Marketingkanal für die eigenen Beiträge. Je stärker ein Journalist in diesen Netzen Informationen aufnimmt und wieder abgibt, desto wichtiger wird die Neutralität dieser Netze, da es sonst zu erheblichen Verzerrungen kommen kann. Nun ist das leider schon länger nicht mehr der Fall: Twitter, Facebook oder Google formen unsere Streams nach unseren Leseinteressen. Der Buchautor Eli Pariser warnte 2012 in “The Filter Bubble” davor, dass wir uns dadurch intellektuell isolieren.

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Größer wäre das Problem nun, wenn die Filter in diesen Netzwerken absichtlich nach politischen Interessen geschaltet wären. Vor kurzem bewies Facebook, dass es die Technologie für eine inhaltliche Filterung der Streams bereits hat: In einem psychologischen Test hatte man bei 100.000 ahnungslosen Nutzern positive oder negative Meldungen herausgefiltert und die Reaktion darauf gemessen. Gemerkt hat anscheinend niemand etwas davon.

Eine politische Filterblase wirkt weiter als Zensur, da sie sich verstärkend in verschiedene Bereiche fortsetzt: Angenommen, regierungskritische Meinungen werden in den persönlichen Streams von Facebook oder Twitter über Algorithmen reduziert, bestätigende Meinungen werden dagegen verstärkt. Für Journalisten würde sich das an drei Stellen auswirken: Unsere Wahrnehmung von Öffentlichkeit wird verzerrt, die Texte, die wir dann schreiben, verstärken diese Sichtweise auch in den ungefilterten Medien. Und schließlich werden die kritischen Journalisten in den Netzen unsichtbarer, was sie möglicherweise auch ökonomisch schwächt. Das perfide an der Methode wäre aber sicherlich, dass bei mäßiger Filterung bzw. Verstärkung niemand etwas von diesem Einfluss merken würde.

“Can we be friends?”

Aus der Sicht einer Regierung ist dieses Vorgehen in einer Krise oder während eines Krieges verlockend. Die innere ethische Perspektive wäre: Warum nicht unauffällig auf die Meinungsbildung im Ausland einwirken, wenn sich dadurch Kriege und Tote vermeiden lassen. Der Twitter-Gründer Biz Stone erzählte bereits 2011 von einem verstärkten Interesse des amerikanischen Außenministeriums an seinem Dienst. Die wollten plötzliche beste Freunde mit ihm sein: “Oh wow, we were trying to get this done with AK-47s and you guys got it done with Tweets. Can we be friends?”

Auch in den letzten Wochen gab es wieder zwei Meldungen, die das Interesse an dieser Form des Einflusses verdeutlichen:

  • Der englische Geheimdienst GCHQ hat ein Tool, um Online-Umfragen gezielt zu ändern und damit in den Prozess der Meinungsbildung einzugreifen
  • Eine russische Firma mit 600 Mitarbeitern hat während der Ukraine-Krise gezielt Diskussionsforen von deutschen Medien mit prorussischen Fake-Beiträgen geflutet

Man kann von Glück reden, dass deutsche Journalisten während der Ukraine-Krise nicht alle bei dem russischen Facebook-Klon vk.com organisiert waren. Erst im Frühjahr war der Gründer des Social-Media-Netzwerks vermutlich aus politischen Gründen aus der Firma geworfen worden und durch putinfreundliche Manager ersetzt worden. Dann hätte Putin zumindest in der Theorie einen leichteren Weg gehabt, um die deutsche Presse zu beeinflussen. Vom chinesischen Weibo gar nicht zu reden, wo politische Zensur und Filterung schon lange üblich ist.

Radio_-_Keep_It_Free.gifUnd die amerikanischen Dienste? Vorerst gibt es ganz klar keine Belege für einen Einfluss der amerikanischen Regierung auf die Filter von Facebook, Twitter und Google. Kritische Journalisten sollten diese mögliche Gefahr jedoch nicht vergessen, wenn sie ihre Werkzeuge für die Zukunft wählen. Je nachdem, wie politisch die eigene Arbeit ist und wie stark man Social-Media als Ideengeber, Recherchetool und Publikationskanal verwendet, wäre ein solcher Filter ein ziemliches Problem für unabhängige Berichterstattung. Eine starke Skepsis gegen die Streamzusammenstellung wäre im Krisenfall sicher angebracht.

100% filterfrei

Zusätzlich sollte man vielleicht doch öfter mal darüber nachdenken, ob es so toll ist, dass wir die Filterung unseres digitalen Lebens zwei bis drei Konzernen anvertraut haben, ohne kontrollieren zu können, wie ihre Algorithmen unser Weltbild und das unserer Leser prägen. Wer wegen der fehlenden Privatsphäre oder der Massenüberwachung ohnehin nach Alternativen sucht, hat nun einen weiteren Grund für den Umstieg: dezentrale Open-Source-Netzwerke sind immer transparent in ihrer Filterung bzw. bilden den Stream in der Grundeinstellung zu 100% ab. Das wäre auch für die journalistische Arbeit besser.

Damit sind wir aber wieder beim alten Diaspora-Problem: Schon bei den letzten Facebook-Kritikwellen gab es dezentrale Netze, die sich aber nicht durchsetzen konnten: Ist auch logisch: Was soll man in einem dünn besiedelten Netzwerk, wenn alle Freunde und Kollegen bei Facebook bleiben? Ich weiß, dass es schwer ist, dagegen ein Argument vorzubringen: Wir hängen nicht an Facebook, sondern an unseren sozialen Kontakten, das ist nur menschlich. Aber ein Argument habe ich: Wer keine Alternativen anbietet, verhindert jede Änderung. Wer Freunden und Kollegen dagegen zusätzlich ein oder zwei alternative Netzwerke anbietet, ermöglicht, dass sich ein besseres System etabliert.

Dezentrale Alternativen gibt es genug: Friendica und Diaspora sind zwar keine Usability-Raketen, aber gut funktionierende Alternativen für Facebook. Für beide gibt es offene Server, auf denen man sich kostenlos anmelden kann (Friendica, Diaspora). Auch für den Twitter-Ersatz Pump.io gibt es offene Server. Ich nutze alle drei Dienste seit über einem Jahr ohne Probleme.

Wer schonmal eine eigene Website per FTP gepflegt hat, kann hingegen in die nächste Wissensstufe vorrücken und mit dieser einfachen Schritt-für-Schritt-Anleitung per SSH einen eigenen Friendica-Server bei dem Hoster Uberspace installieren. Das ist schneller erledigt als eine WordPress-Installation und bietet Platz für mindestens 20 Kollegen. Und eröffnet nebenbei auch die Möglichkeit für eine eigene Cloud. Wer experimentieren will, dem empfehle ich dagegen das neue Red Matrix. Ein Social-Media-Netzwerk, bei dem die eigenen Daten immer nomadisch und verschlüsselt auf verschiedene Server verteilt werden, so dass man nicht von einem Betreiber abhängig ist.

Und auch beim Lesen von Nachrichten kann man sich einfach aus der Filterblase befreien: Im Unterschied zum Konsum von Nachrichten per Facebook-Abonnement sind die guten alten Feedreader 100% filterfrei. Sie sind bereits in den meisten Browsern, Emailprogrammen und auch bei Friendica eingebaut. Und für jedes Handy als App zu bekommen.

Bildrechte: “Neutral density filter demonstration” by Robert Emperley from Strasbourg, Alsace, France – silver falls 21Uploaded by NotFromUtrecht. Licensed under CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons.

Aufschrei über das Aus für den Google Reader

http://storify.com/berndoswald/aufschrei-ubers-aus-fur-den-google-reader

SZ-Social-Media-Presseschau: Warum, wie, was nicht?

Social-Media-Presseschau der SZ (Screenshot [M])

“Meistgelesene Beiträge” oder “Meistempfohlen” sind Features auf vielen (News-)Websites. Die Süddeutsche Zeitung ist einen Schritt weiter gegangen. Ihre neue “Facebook-Twitter-Presseschau” namens “Leser empfehlen” zeigt auch an, was die Leser bei anderen Online-Medien gerne lesen. Chefredakteur Stefan Plöchinger erläutert im Interview mit onlinejournalismus.de die Technik dahinter, warum er die Grenzen der eigenen Website aufbricht und wieso es bisher auf dem deutschen Markt noch keinen großen erfolgreichen News-Aggregator gibt. Weiterlesen…

Bloglines gibt auf: Das Ende der Feedreader?

Der webbasierte und damit rechnerunabhängige RSS-Reader Bloglines stellt seinen Dienst zum 1. Oktober 2010 ein, wie der Betreiber Ask.com mitteilt. Haben sich RSS-Dienste im Zeitalter der persönlichen Timeline bei Facebook oder Twitter überlebt? “RSS war in der Tat nie ein Angebot, das die Masse an Nutzern erreicht hat – es war schon immer ein eher nerdiges Technologie-Angebot”, schreibt Thomas Gigold.

Ganz so sehe ich das nicht, auch wenn ich nur aus meiner persönlichen Umgebung berichten kann: Die Integration von RSS-Abos in Browser und Mailprogramme hat sicher viele zur RSS-Nutzung gebracht, die vorher davon abgeschreckt waren. Ich selbst nutze natürlich auch längst Twitter- und Facebook, um von manchen Sites über neue Beiträge informiert zu werden. Meist parallel zu RSS- auch wenn ich gleichzeitig gemerkt, dass ich Feeds bei Bloglines seltener checke. Aber gegenüber einem Reader wie Bloglines ist bei Facebook und Twitter eher eine Sache der Instant Gratification in der aktuellen Timeline – ohne komfortable Bookmark- oder Recherchierfunktionen.

Letzeres fehlt mir auch bei Netvibes, welches ich mir bei der persönlichen Neujustierung des News-Tool-Mixes jetzt dennoch noch mal intensiver ansehen werde. Gibt es sonst empfehlenswerte Alternativen abseits von Google Reader?

Weitere Links
… bei onlinejournalismus.de

… im sonstigen Internet:

Nachrichten.de: Rätselhafter Bildbeschnitt und anderer Nachholbedarf

Screenshot nachrichten.de
Kollege Thomas Mrazek sah nachrichten.de in der Beta-Phase „auf gutem Wege“. Die Macher freuen sich im Begleitblog nun über „Überwältigende Trafficzahlen, erfreuliches Feedback“.

Mir fallen mir nach ein paar Tage sporadischer Beobachtung des neuen Nachrichtenaggregators aus dem Haus Burda eher die Stellen auf, wo es noch Nachholbedarf ist. Seltsamkeiten des Automatismus gibt und gab es bei bei Google News natürlich auch – aber dort hatte vorher auch nicht ein Verleger kräftig gepoltert … Ein paar Notizen zu Nachrichten.de Weiterlesen…

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Wer die neuesten Beiträge von onlinejournalismus.de über sein Facebook-Account lesen möchte, kann es (unter anderem) über dieses Widget tun.

Alternativ gibt es auch Facebook-Fanseite.

Weitere Links

News von uns und anderen Fach-Websites im Überblick

Das Beispiel von Interactive Narratives – einer sehr empfehlenswerten US-Website, die neue Multimedia-Produktionen im Web vorstelllt – hat uns inspiriert: Auf dieser (Netvibes-)Seite gibt es die Feeds von onlinejournalismus.de (Artikel und Links) sowie von anderen maßgeblichen Fach-Websites, -blogs und Twitter-Accounts zu Onlinejournalismus, Multimedia und Web-Video-Journalismus u. a. im Überblick.

Im Gegensatz zur Seite von Interactive Narratives gibt es einen deutlichen deutschen Fokus. In nächster Zeit wird vielleicht noch der eine oder andere ergänzt (und gegebenfalls die Präsentation etwas angepasst), Vorschläge für Ergänzungen nehmen wir gern entgegen.

Außerdem haben wir einen Twitter-Feed für onlinejournalismus geschaltet (http://www.twitter.com/ojour_de). Dort gibt es automatisiert Hinweise auf neue Einträge auf unserer Seite und empfehlenswerte Links aus unserer täglich aktualisierten Delicious-Sammlung.

P.S.: Wir denken darüber nach, unsere Blog-Feeds auch bei Facebook einzuspeisen, wüssten aber gerne, ob sich der Aufwand für ein Fachpublikum lohnt. Ideen, Erfahrungen diesbezüglich gerne in die Kommentare posten.

Technikfrage: Twitter ohne Twitter?

Kurze Praxisfrage: Wer kann einen bequemen Weg empfehlen, Twitter-Feeds als stiller Leser zu verfolgen? Ich habe einen RSS-Feed via Yahoo Pipes und ein Direktabo über Bloglines probiert, beides hatte deutlich Verzögerungen. Jetzt habe ich doch mal ein persönliches Twitter-Account aktiviert, aber das verleitet leider zu Geschwätzigkeit.

Obama und der Amtseid im Web

Screenshot SpOn
Zur Inaugurationszeremonie in Washigton haben ja alle Nachrichtensites groß aufgefahren. Ein paar subjektive Eindrücke: Spiegel Online hat wieder mal ein Liveblog (gut) von vor Ort (besser), für dieses aber immer noch keinen RSS-Feed (unverständlich) und eine seltsame Dachzeile (noch viel unverständlicher).

Die User mitreden lassen

Screenshot BBC Stream zur Inauguration Barack ObamasDer Livestream der BBC war bis auf einen kurzen Aussetzer exzellent, außerdem mit Reporter- und User-Kommentaren (u. a. via Twitter) verbunden. CNN integrierte Facebook-Kommentare bei seinem Stream.

Interessant, aber unverständlich fand ich den “Scroll-Strahl” des Vorab-Features “The Preparers” bei der Washington Post, die dafür Vuvox einsetzen.

Was war sonst gut, was schlecht? Andere Eindrück gerne in die Kommentare.

Nachträge, 21.01.2008:
Poynter hat Screenshots von US-Websites gesammelt (1, 2, 3). Thomas Knüwer ist von CNN und der neuen Website des Weißen Hauses begeistert. Spaß macht mir “Faces in the crowd” der Washington Post (gefunden in der Linksammlung von tagesschau.de). Soundphotographer.de bespricht weitere Multimedia-Beiträge zum Thema.

Nola.com im Zeichen des Sturms

Schon 2005 war das Angebot von Nola.com, der Website der Tageszeitung “Times-Picayune” in New Orleans, angesichts von Hurrikan “Katrina” und den Folgen auch für die Journalisten erstaunlich umfangreich und gut gemacht. Jetzt nähert sich erneut ein Hurrikan der Stadt, die vollständig evakuiert werden soll – und Nola.com hat sich ebenso vollständig darauf eingestellt.

Die gesamte Startseite ist dem Sturm gewidmet. Es gibt Links auf die aktuellen Wetterentwicklungen, eigene Rubriken für die neuesten Artikel und Fotos und einzelne Stadtteile inklusive RSS-Feeds und einen umfangreichen “Survival-Guide” sowie einen Twitter-Feed Ganz oben auf der Seite werden die Nutzer aufgefordert, eigene Bilder, Berichte und Videos einzusenden. Auch die Foren, über die Nutzer sich miteinander austauschen können – nach Thema oder Stadtteil – werden prominent gefeatured.

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