Es gilt das gesprochene Wort

Natürlich, Journalisten sind keine Stenographen und im Print-Journalismus ist das sprachliche Glätten von Zitaten Alltag. Aber es ist schon faszinierend, wie deutlich bei verschiedenen Medien die wörtliche Wiedergabe eines offenbar sehr einprägsamen Zusammenstoßes zwischen dem Vater des toten NSU-Terroristen Uwe Mundlos und dem Vorsitzenden Richter Götzl im Detail voneinander abweicht.

tagesschau.de:

Als Götzl ihn laut zurechtweist, wird Mundlos patzig und verlangt nicht nur als Doktor, sondern auch als Professor angeredet zu werden.

Süddeutsche.de:

Mundlos nennt Götzl später auch noch “arrogant”, und im Übrigen möchte er bitte mit “Herr Professor” angesprochen werden. Götzl bleibt jedoch bei der Anrede “Herr Doktor Mundlos”.

Stern.de:

“Sie könnten mich ruhig Professor Mundlos nennen.” Götzls Reaktion: “Nein, ich nenne sie Doktor Mundlos, ich nenne Sie bei Ihrem Namen.”

FAZ:

“Sie müssen mich Professor Mundlos nennen.“ – „Nein, das muss ich nicht Herr Dr. Mundlos.“ – „Doch das müssen Sie, ich bin durchaus berechtigt, den Titel noch zu führen.“

Spiegel Online:

Mundlos erbost: “Was fällt Ihnen ein, mich so anzugehen? Sie können mich ruhig Professor Mundlos nennen!”
“Ich nenne Sie Dr. Mundlos, das ist Ihr Name!”
Mundlos nennt Götzl später auch noch “arrogant”, und im Übrigen möchte er bitte mit “Herr Professor” angesprochen werden. Götzl bleibt jedoch bei der Anrede “Herr Doktor Mundlos”.

Welt:

“Nennen Sie mich gefälligst Professor Mundlos.” Götzl verweigert das, bleibt beim “Doktor”. Und wird prompt vom emeritierten Professor als arrogant bezeichnet.

Die Zeit geht auf diesen Teil des Wortwechsels gar nicht näher ein, die taz konzentriert sich auf den inhaltlichen Teil der Zeugenaussage.

(Crosspost von meiner Homepage)

Die Community-Redakteurin: Annika von Taube (Zeit Online) im Video-Porträt

Wenn ich mich auf Zeit Online informiere, lande ich oft – noch bevor ich überhaupt Artikel lese – im Kommentarbereich darunter. Warum? Weil mir häufig schon die ersten drei bis vier bestbewerteten Nutzer-Reaktionen Aufschluss über die Relevanz des Themas oder dessen Aufbereitung geben. Das klappt zwar nicht immer, aber dennoch verblüffend oft.

Auf vielen anderen Nachrichtenangeboten würde diese Vorgehensweise nicht funktionieren, weil die Nutzer dort in den Kommentarbereichen oft ihrem eigenen Schicksal überlassen werden und nicht selten die verbale Brechstange herausholen.

Seit Juni 2013 leitet Annika von Taube die Community-Redaktion bei Zeit Online. Für die siebte Folge des Journalisten-Berufsporträt-Formats ABZV Videoreporter habe ich mit ihr ein ausführliches Interview geführt und sie und ihr Team einen Tang lang bei der Arbeit beobachtet.

“Wir sind berühmt und berüchtigt dafür, sehr stark in die Debatten einzugreifen”, sagt Taube und spricht auf die zahlreichen Kommentare an, die ihr Team im täglichen Geschäft kürzt oder sogar komplett entfernt. “Der Zensurvorwurf hängt ständig über unserer Arbeit”, sagt die Community-Chefin und stellt klar: “Wir zensieren nicht, sondern wir lenken Debatten.”

Das Video steht unter der Creative Commons Lizenz (BY-NC-ND 3.0 DE), das heißt Teilen, Verbreiten und Einbetten in andere Kontexte ist erwünscht, solange dies zu nicht-kommerziellen Zwecken geschieht.

Weitere Links zum Thema:
… bei onlinejournalismus.de

… im übrigen Internet

Super: NSA-Enthüllungen im Snowfall-Stil

"NSA Files: Decod" auf der Website des Guardian | Foto: Fiete Stegers

Ein halbes Jahr nach Beginn nach seinem ersten Bericht fasst der Guardian die bisherigen Enthüllungen auf Basis der Snowden-Informationen zusammen. Das ist grandios geglückt: „NSA Files: Decoded“ zieht den Nutzer multimedial durch die Story, stellt die wichtigsten Fakten heraus und erläutert, was sie bedeuten – politisch und direkt für den einzelnen Nutzer.

Weiterlesen …

Was wir als Journalisten nach dem NSA-Skandal tun müssen

Enigma

Foto von RubenJ unter CC-Lizenz



Ich bin mir sicher, dass viele Journalisten in Deutschland seit einigen Wochen darüber nachdenken, ob wir uns weiterhin so sorglos wie bisher im Internet bewegen können. Kommunikation ist unser Beruf, deshalb sollten wir eigentlich beim Datenschutz ganz vorne stehen. Folgende Punkte sind für unseren Beruf zentral:
  1. Informantenschutz. Gerade weil wir auf Informanten angewiesen sind, die uns Vertrauen schenken, sollten wir eigentlich wissen, wie wir unsere Informaten schützen können.
  2. Meinungsfreiheit. Selbst wenn gesichert wäre, dass die Überwachung der Geheimdienste für unsere Arbeit keine Konsequenzen hat, beengt das Gefühl, dass ein Dritter mitliest. Wir brauchen einen Raum für kritische Gedanken. Damit es keine Schere im Kopf gibt, ist es wichtig, dass Kommunikation auf Wunsch geheim und geschützt bleibt
  3. Privatsphäre. Als Journalisten können wir uns schnell Feinde machen. Deswegen sollten wir unsere eigene Privatsphäre schützen, um nicht Opfer einer Schmutzkampagne zu werden. Denn das kann im Lokaljournalismus genauso passieren wie im investigativen Journalismus auf internationaler Ebene.
Den staatlichen Schutz dieser Rechte kann man sicher über verbandspolitische Arbeit verbessern, aber wichtiger ist, dass jeder einzelne Journalist selbst dafür sorgt, dass seine Daten nicht in falsche Hände gelangen. Das Problem ist allerdings, dass für sichere Kommunikation mindestens zwei Menschen ihre Gewohnheiten ändern müssen. Die meisten Journalisten wissen, dass es zahlreiche Alternativen zu ungeschützter Email oder problematischen Social-Media-Firmen wie Facebook gibt. Aber wenn man unter seinen Kollegen der einzige mit einer Verschlüsselungssoftware ist, kann das das natürlich frustrierend und sinnlos erscheinen. Ähnliche Situation bei Facebook: Wer will zu Friendica oder Diaspora wechseln, wenn die Freunde oder Arbeitskollegen alle bei Facebook sind.

Weil wir unsere Informanten, Kollegen und Freunde nicht zu einem bestimmten Kommunikationskanal zwingen können, kann die Lösung nur eine sein: Wir müssen von nun an mehrere sichere Alternativen anbieten, auch wenn es zunächst sinnlos erscheint. Und das auch dann, wenn wir unsere momentanen Recherchen nicht für besonders schützenswert halten. Wir müssen Datenschutz in unseren Alltag integrieren, es muss eine Grundtugend der journalistischen Arbeit werden. Anders können wir unsere Unabhängigkeit als vierte Macht im Staat nicht glaubwürdig verteidigen.

Ich wünsche mir die Erfüllung der folgenden Maßnahmen, die jeder Journalist innerhalb von wenigen Stunden umsetzen kann:
  • Zu einem Email-Anbieter seines Vertrauens wechseln
  • Die Verbindung zu diesem Anbieter in Handy und Emailprogramm auf SSL oder StartTSL stellen (für Hilfe dazu diese Begriffe mit Email-Anbieter und Email-Programm goggeln, z.B. “GMX SSL Outlook“)
  • Einen OpenPGP-Key für verschlüsselten Emailverkehr anbieten, z.B. mit dem Paket Gpg4win. Ich habe meinen Key bereits auf meiner Website im Impressum veröffentlicht und verlinke ihn auch in meiner Email-Signatur. Damit kann mir jeder eine verschlüsselte Email schicken. Verschluesselung GnuPG
  • Wissen, wie man eine Datei verschlüsseln kann (diese Option wird meistens mit der Email-Verschlüsselung mitinstalliert). Dokumente mit vertrauensvollen Daten nur verschlüsselt auf der Festplatte lagern, z.B. per Truecrypt in einer Art verschlüsseltem Ordner, der als Festplatte eingebunden wird.
  • Den Schutz der eigenen Privatsphäre erhöhen, zum Beispiel auf Facebook nichts schreiben, was nicht öffentlich ist. Insbesondere für Chat und Nachrichten andere, sichere Dienste verwenden.


Was man zusätzlich machen kann:
  • Wer Social-Media vertraulich nutzen will, sollte seinen Kollegen oder Freunden Alternativen zu Facebook, Skype und Twitter anbieten. Es gibt sehr gute quelloffene Social-Media-Software wie Friendica, den Twitter-Ersatz Identi.ca/Pump.io oder den Skype-Ersatz Jitsi. Friendica lässt sich sogar auf dem eigenen Webspace installieren. Die zusätzlichen Vorteile sind: Kontrolle über die eigenen Daten, Offenheit der Protokolle (daher Austausch mit anderen offenen Diensten), keine Werbung und keine unerwünschten Filtermethoden.
  • Datenträger mit Truecrypt komplett verschlüsseln, um den unberechtigten Zugriff von Behörden zu verhindern
  • Quelloffene Software wie Libre Office, Thunderbird und Firefox verwenden.
  • Quelloffenes Betriebssystem wie Debian verwenden
  • Weitere Empfehlungen auf http://prism-break.org und http://digitalcourage.de in Betracht ziehen, z.B. verschlüsselte Telefongespräche

Zeugnisverweigerungsrecht, Privatsphäre und Datenschutz sind in Deutschland gesetzlich geschützt. Es ist absurd, dass wir in den letzten zehn Jahren diese Rechte im Internet aus Bequemlichkeit und Technikeuphorie abgetreten haben, obwohl andere Wege von Anfang an möglich waren. Jetzt haben wir etwas nachzuholen und das wird für uns alle ein Stück Mühe und Arbeit bedeuten.

Völkerschlacht: MDR holt Geschichte in die Gegenwart

Vier Tage währte 1813 die Völkerschlacht bei Leipzig – und vier Tage lang hat nun der MDR die Ereignisse von damals quasi live nacherzählt. Das klingt abenteuerlich, ist aber innovativ – und allemal lehrreicher als die eventmäßige Nachstellung der Schlacht.

MDR: "Die Völkerschlacht erleben" - Startseite des Themenspecials

MDR-Themenspecial zur Völkerschlacht

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“Fox News Deck” soll Social-Media-Nachrichtenfluss navigieren

Moderator Shepard Smith vor riesigen Touchscreens

Vorne der Nachrichtenmoderator, hinter ihm entweder eine riesige Videowand oder ein halbes Dutzend Journalisten an riesigen Touchscreens, die an Zeichentische erinnern: Es sieht komplett albern aus, was Fox News da als neues Studio präsentiert.

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Mal das Tempo rausnehmen und Horst Schilling zuhören…

Ein Journalistenporträt auf Onlinejournalismus.de, bei welchem der Netzjournalismus keine Rolle spielt? Ja, das ist in diesem Fall tatsächlich so.

Wir zeigen dieses Video über Horst Schilling, weil wir glauben, dass auch ein Journalist aus der Vor-Internet-Generation uns – und vor allem „den Jüngeren“ – wichtige und letztlich motivierende Botschaften zu vermitteln hat. Ohne eine ethische Grundhaltung, ohne Mut lässt sich nämlich der Medienwandel nicht fundiert gestalten.

Horst Schilling ist 82 Jahre alt und hat sich fast sein gesamtes Berufsleben lang (und auch danach) für die Ausbildung von jungen Journalisten stark gemacht – nicht nur bei der Rhein-Zeitung, wo er später auch als Chefredakteur tätig war.

Das Porträt ist der sechste Teil der Serie ABZV Videoreporter, in der ich hauptsächlich der Frage nachgehe, wie Journalisten heute arbeiten, was sie antreibt und wo ihre Grenzen liegen.

Wie alle anderen Teile des ABZV Videoreporter wurde auch dieses Video unter Creative Commons Lizenz (BY-NC-ND 3.0 DE) veröffentlicht, das heißt Teilen, Verbreiten und Einbetten in andere Kontexte ist erwünscht, solange dies zu nicht-kommerziellen Zwecken geschieht.

Verbissener Papierfetischismus

IMG_4123.JPG - Frankfurter Allgemeine Zeitung für Deutschland (seen at Frankfurt Train Station)

(Foto: Otzberg unter Creative Commons (BY-NC-SA))

Sollte man diesen Text auf Papier ausdrucken, ist er nicht mehr wert als jetzt.

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Stell dir vor, Mollath ist frei – und dann passiert nichts

Was tun, wenn nach der Eilmeldung zu einem wichtigen Thema erst mal Warten angesagt ist und nichts weiter geschieht? Den rasch aufgesetzen Live-Ticker kann man als Onlineredaktion doch nicht einfach leer lassen …

Das derzeitige Mollath-Newsblog der Süddeutsche Zeitung ist jedenfalls eine deutlich erkennbare Hommage an einen Klassiker des Genres.
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Demo-Zahlen: Die dezentrale Nicht-Live-Meldung

Demonstranten am 27.07.2013 in Hamburg

Wie viel Demonstranten sind es? (Foto: Holger Röttgers)

“Bundesweite” – also in verschiedenen Städten am gleichen Tag veranstaltete – Protestaktionen, wie sie heute und schon mehrfach zu Themen rund um staatliche Überwachung stattfanden, haben zwei unbestrittene Vorteile: Menschen können sich leichter an den Protesten beteiligen, ohne erst an einen zentralen und (für Nicht-Berliner wahrscheinlich tendenziell weit entfernten) Kundgebungsort anreisen müssen. Sie können Anwohner und Passanten an verschiedenen Orten erreichen.

Die Chancen, über die mediale Öffentlichkeit Aufmerksamkeit zu bekommen, ist für die meisten Anliegen allerdings erheblich geringer als bei einer zentralen Demonstration. Hier 50 Demonstranten, dort 200 und in einer der größeren Städte vielleicht eine vierstellige Zahl – das kommt der Mechanismen und der Logistik der (Online-)Berichterstattung der größeren Medien alles andere als entgegen. Weiterlesen …

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