Wir basteln uns ein multimediales Scrollformat


Scrollreportagen wie Snow Fall sind aufwändig programmiert und wurden vom Online-Chef der Zeit, Jochen Wegner, deshalb als das Feiertagslayout der Onlinereportage bezeichnet.

Aber das Gute ist: Javascript und HTML5 haben in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Ein technisch versierter Journalist, der ein wenig Ahnung von HTML und Javascript hat, kann durchaus sein eigenes multimediales Scrollformat basteln.

Um den Einstieg für Experimente zu erleichtern, habe ich ein sehr einfaches Minimal-Template in meinem Weblog veröffentlicht … vom Design ein Montagslayout, aber funktional. Im Quellcode sind alle Details kommentiert. Mit entsprechenden jQuery-Plugins könnte man das Template um Parallax-Scrolling und/oder vollformatige Panels erweitern.

Update: Jetzt auch als Fullpanel-Template mit Fullscreen-Video.

BildPlus: Paid Content = Puff-Beichte

Die FAQ zu den Bezahlangeboten auf Bild.de versprechen:

Welche Vorteile bietet BILDplus?
Mit BILDplus erleben Sie auf BILD.de exklusive Interviews und Reportagen, die besten Fotos, Chats mit Experten, multimediale Infografiken sowie aktuelle Tests und Ratgeber und viele weitere spannende Themen.

Im der Umsetzung lautet ein Homepage-Teaser zum Beispiel aktuell: “Meine 6 skurrilsten Erlebnisse im Puff – ‘Pascha’-Manager packt aus”.

Wäre Ihnen dieser Listicle ein Test-Abo ab 0,99 Euro wert? Ich rätsele zwar gerne, ob sich dahinter eher ein Ratgeber, eine multimediale Infografik oder ein Expertenchat verbirgt, verzichtete dann aber doch lieber darauf, mein ausgelaufenes Probeabo bei Bild.de zu erneuern.

Aber von der Porno-Industrie lernen, heißt ja angeblich im Internet siegen lernen …

BildPlus-Aritkel über "Meine 6 skurrilsten Erlebnisse im Bordell" (Screenshot)

Der Lokalredakteur Frank Spiegel im Video-Porträt (ABZV Videoreporter Folge #8)

Ich finde es immer schön Menschen dabei zuzusehen, wenn sie etwas mit Leidenschaft tun und trotz gelegentlich stressiger Momente dabei einfach nicht aus der Ruhe zu bringen sind. Frank Spiegel ist so jemand. Er arbeitet als Lokalredakteur für das Westfalen-Blatt in der kleinen Stadt Brakel im Osten Nordrhein-Westfalens.

Für die achte Folge der Serie ABZV Videoreporter habe ich ihn einen Tag lang bei seinem Job begleitet und dokumentiert, wie die Realität des journalistischen Alltags in einer kleinen Zweieinhalb-Mann-Redaktion aussieht. Im Interview mit ihm geht es um ganz verschiedene Fragen, u.a. Nähe und Distanz zu Lesern, Twitter und Facebook für die Recherche und wie man neben Fotos auch noch Videos macht.

Das Video steht unter der Creative Commons Lizenz (BY-NC-ND 3.0 DE), das heißt Teilen, Verbreiten und Einbetten in andere Kontexte ist erwünscht, solange dies zu nicht-kommerziellen Zwecken geschieht.

Weitere Links zum Thema:
… bei onlinejournalismus.de

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Snowfall-Stil: Wie viel “Feiertagslayout” bringt 2014?

Ein Jahr lang haben Onlinejournalisten anderer Medien immer wieder auf das Ende 2012 von der New York Times veröffentlichte Multimedia-Special “Snow Fall” geguckt, das stilprägend für eine neue Generation der Online-Aufbereitung war.

Das Fachmagazin Journalist hat kürzlich die “12 besten Multimediareportagen” vorgestellt. Beim T3N wollte man sich nicht ganz so beschränken und stellte 25 beeindruckende Beispiele von Multimedia-Storytelling vor. In einer von Bobbie Johnson initierten crowgesourceten Sammlung finden sich sogar knapp 200 Beispiele, darunter auch einige aus der Zeit vor Snowfall, andere bereits von 2014.

Gleichzeitig gibt Sebastian Esser in einem Artikel im “Medium Magazin” zu bedenken:

Die Ergebnisse sind journalistisch beeindruckend und finden offenbar auch viele Leser. Allerdings: Snowfall-Geschichten passen nicht zum Geschäftsmodell von Nachrichten-Seiten, die sich durch Werbung finanzieren und deswegen riesige Massen an klickenden Usern brauchen. Sie generieren nicht viele Page Impressions (PI) und vertragen sich nicht mit Display-Anzeigen. Die Anbindung an den Rest der Seite ist ein ungelöstes Problem. Sie müssen Pixel für Pixel, Browser für Browser von Hand programmiert werden.

Zeit-Online-Chef Jochen Wegner sprach deshalb von Feiertagslayout. Und Johnson warnte sogar: Nur weil etwas man im Snow-Fall-Stil produzieren kann, sollte man es nicht unbedingt machen.

Wie viele Geschichten im Snowfall-Stil werden wir also 2014 sehen? In Deutschland auf jeden Fall mehr als im vergangenen Jahr.

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Stör/Element will Politik auf YouTube erklären

 

Politische Bildung? Klingt für die Jugend von heute öde. Zumindest, wenn es um die politische Bildung klassischer Medien geht. Die erreichen viele Jugendliche und junge Erwachsene gar nicht mehr. Wenn die Leute nicht mehr zu den politischen Bildungsangeboten kommen, dann wollen die politischen Bildungsangebote dahin gehen, wo die Leute sind: zu YouTube. Genauer gesagt: Stör/Element will das. Einen YouTube-Channel, auf dem Politik erklärt wird.

Einmal pro Woche soll es ein sechs bis acht Minuten langes Video geben, in dem  “komplexe politische Zusammenhänge in einem Video plastisch, kompetent, aber auch provokativ aufbereitet werden”, wie es im Konzept heißt.

Die Videos sollen sich aus zwei bis drei Beiträgen durch Community-Redakteure zusammensetzen, eingerahmt durch eine Moderation. Die Beiträge wiederum können bestehen aus Straßenumfragen, Interviews, Animationen. Bei Politiker-Interviews will die Redaktion einen frecheren Stil etablieren:

“Floskeln von Politikernkommen bei uns nicht durch. Wir lassen uns nicht abwimmeln, bevor wir keine klare Antwort bekommen haben”, heißt es im Pitch-Video.

Erstes Thema soll das geplante Freihandelsabkommen TTIP zwischen den USA und der EU sein. “Knackpunkt dabei wird sein, inwieweit Verhandlungen hinter verschlossenen Türen Auswirkungen auf meine konkrete Lebenswelt haben, von Jobs bis eher problematischen Angleichungen von bsp. Lebensmittelstandards”, sagt Produktionsleiter Arne Fleckenstein. Neben ihm zählen noch Producer & Channel Manager Axel Kersten und Redaktionsleiter & Moderator Julian Frederik Nelting zum engen Stör/Element-Team. Alle drei sind Ende 20 und im Raum Köln zuhause. Die Beiträge sollen aber maßgeblich aus der Community kommen, gefragt sind etwa Politik-Studenten, Journalistenschüler oder Leute mit Erfahrung aus dem Uni-Radio. Die Community soll auf einer Facebook-Seite Themen vorschlagen können, zudem sollen die Recherchen in einem Blog transparent gemacht werden.

Auf Starnext haben die drei Kölner 2774 Euro eingeworben, davon sollen nun die ersten fünf Folgen produziert werden.

Und warum heißt der Kanal Stör/Element? “Der Kanal will junge Leute befähigen, sich einzumischen und die politischen Prozesse zu stören”, sagt Arne. “Mit einem Darf ich stören?”, werden die Redakteure folgerichtig Ihren Straßenumfragen einleiten.

Stör/Element hat sich da eine große Aufgabe vorgenommen, aber es gibt auch Beispiele wie CPG Grey oder Tilo Jungs “Jung&Naiv”, die zeigen, dass man komplexe Politik auch unterhaltsam erklären kann.

Lokale Nachrichtenwebsites bittet um Spenden

Ich persönlich neige ja immer noch dazu, von hyperlokalen Nachrichtenblogs oder kurz Lokalblogs zu sprechen. Ganz einfach aus Gewohnheit, weil der Begriff eingängig ist, die Websites meist auf WordPress laufen, die Publikationsrhythmen häufig eher an Blogs gemahnen und manchmal auch der Stil bloggig ist – auch wenn die Trennschärfe zwischen journalistisch ausgerichtetem Blog und “normaler” journalistischer Website natürlich sowieso schon nur graduell und gerade in diesen Fällen kaum zu bestimmen ist.

Die Macher der Hamburger Website Mittendrin beschreiben sich dagegen selbst als “Lokalmagazin”. Und sie werben jetzt um Spenden der Leser für ihren unabhängigen Journalimus: “10 Cent am Tag sind drin.”, z. B. via Flattr.

Finanzierungsmöglichkeiten und Selbstverständnis werden sicherlich auch diskutiert auf einer Veranstaltung der Hamburger Social Media Week, die sich am 21. Februar “Hamburgs neuen hyperlokalen Medien” widmet. Neben Mittendrin sind die Eimsbütteler Nachrichten, Elbmelancholie, WilhelmsburgOnline.de und unser Kollege Philipp Dudek dabei.

(Vorher spreche dort übrigens ich über Prinzip – und Probleme – von Open Journalism).


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Hamburger Gefahrengebiet: Reporter on demand

Das Hamburger Lokalblog Mittendrin begleitet die diversen Proteste in Hamburg seit Monaten und ist im Moment täglich im “Gefahrengebiet” unterwegs, wo es jeden Abend zu Spontan-Demos und Polizei-Kontrollen kommt – manchmal konzentriert, häufig über das Gebiet der Stadtteile Altona, St. Pauli und Sternschanze verstreut. Seit Freitag verfügt das Blog außerdem über eine “Call a journalist”-Webapp, mit der User, Anwohner, Demonstrationsteilnehmer und andere Menschen im Gefahrengebiet die Redaktion des Blogs auf berichtenswerte Vorgänge aufmerksam machen können. Die Redaktion bekommt nach dem Aktivieren des Alarmknopfes den Standort des Nutzers mitgeteilt und kann ihre Reporter dorthin lenken.

Konzipiert und programmiert wurde die Anwendung in der vergangenen Wochen von Open Data City (wenig überraschend) und Cross & Lecker. Eine vergleichbare Funktionen im Einsatz in der aktuellen Online-Berichterstattung in Deutschland fällt mir spontan nicht ein (Hinweise, wie immer, gerne in den Kommentaren).

Dominick Brück von Mittendrin beschreibt die ersten Erfahrungen: “Wir hatten insgesamt vier Mal Alarm. Bei allen vier Alarmen war am Ort des Geschehens auch was los, es war aber nur einmal möglich denjenigen auch zu treffen, der den Alarm gesendet hatte. Die Ortsangaben immer sehr präzise, der Alarm kam zeitnah an und es war uns möglich schnell genug vor Ort zu sein. Auch mit mehreren Redakteuren auf das System zuzugreifen hat gut geklappt, besonders da man sieht, ob ein Alarm schon bestätigt wurde oder nicht.” Brück wünscht sich noch zusätzlich eine Möglichkeit für die Redaktionen, mit dem User zu kommunizieren. Und natürlich müsse die Anwendung erst richtig bekannt werden.


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im sonstigen Internet:

Hyperlokaler Demo-Ticker

Das Hamburger Lokalblog Mittendrin begleitet seit Monaten Demonstrationen in der Stadt (vor allem zu den afrikanischen Lampedusa-Flüchtlingen) mit umfangreicher Bericherstattung, die sich hinter denen der großen Lokalmedien (Hamburger Abendlbatt, Hamburger Morgenpost, taz, NDR …) nicht nur nicht zu verstecken braucht, sondern im Gegenteil durch den von seinen Reportern gefüllten Liveticker im Blog und via Twitter in Sachen Ausführlichkeit und Schnelligkeit im Web oftmals vorne liegt. So auch heute wieder zu den Protesten gegen die Räumung des linken Kulturzentrums Rote Flora und für den Erhalt der Esso-Häuser.

Das haben längst auch User gemerkt, die sich für diese Themen besonders interessieren. Der Traffic von Mittendrin scheint nicht schlecht zu sein. Ein von mir gepostetes und dort im Liveticker verlinktes Video mit einer Randszene der Demonstration wurde innerhalb von 30 Minuten bereits mehr als 1500 Mal embedded im Ticker angezeigt und 370 Mal abgespielt.

Beamten-Ballet from Fiete Stegers on Vimeo.

(Ich arbeite beim NDR.)

Es gilt das gesprochene Wort

Natürlich, Journalisten sind keine Stenographen und im Print-Journalismus ist das sprachliche Glätten von Zitaten Alltag. Aber es ist schon faszinierend, wie deutlich bei verschiedenen Medien die wörtliche Wiedergabe eines offenbar sehr einprägsamen Zusammenstoßes zwischen dem Vater des toten NSU-Terroristen Uwe Mundlos und dem Vorsitzenden Richter Götzl im Detail voneinander abweicht.

tagesschau.de:

Als Götzl ihn laut zurechtweist, wird Mundlos patzig und verlangt nicht nur als Doktor, sondern auch als Professor angeredet zu werden.

Süddeutsche.de:

Mundlos nennt Götzl später auch noch “arrogant”, und im Übrigen möchte er bitte mit “Herr Professor” angesprochen werden. Götzl bleibt jedoch bei der Anrede “Herr Doktor Mundlos”.

Stern.de:

“Sie könnten mich ruhig Professor Mundlos nennen.” Götzls Reaktion: “Nein, ich nenne sie Doktor Mundlos, ich nenne Sie bei Ihrem Namen.”

FAZ:

“Sie müssen mich Professor Mundlos nennen.“ – „Nein, das muss ich nicht Herr Dr. Mundlos.“ – „Doch das müssen Sie, ich bin durchaus berechtigt, den Titel noch zu führen.“

Spiegel Online:

Mundlos erbost: “Was fällt Ihnen ein, mich so anzugehen? Sie können mich ruhig Professor Mundlos nennen!”
“Ich nenne Sie Dr. Mundlos, das ist Ihr Name!”
Mundlos nennt Götzl später auch noch “arrogant”, und im Übrigen möchte er bitte mit “Herr Professor” angesprochen werden. Götzl bleibt jedoch bei der Anrede “Herr Doktor Mundlos”.

Welt:

“Nennen Sie mich gefälligst Professor Mundlos.” Götzl verweigert das, bleibt beim “Doktor”. Und wird prompt vom emeritierten Professor als arrogant bezeichnet.

Die Zeit geht auf diesen Teil des Wortwechsels gar nicht näher ein, die taz konzentriert sich auf den inhaltlichen Teil der Zeugenaussage.

(Crosspost von meiner Homepage)

Die Community-Redakteurin: Annika von Taube (Zeit Online) im Video-Porträt

Wenn ich mich auf Zeit Online informiere, lande ich oft – noch bevor ich überhaupt Artikel lese – im Kommentarbereich darunter. Warum? Weil mir häufig schon die ersten drei bis vier bestbewerteten Nutzer-Reaktionen Aufschluss über die Relevanz des Themas oder dessen Aufbereitung geben. Das klappt zwar nicht immer, aber dennoch verblüffend oft.

Auf vielen anderen Nachrichtenangeboten würde diese Vorgehensweise nicht funktionieren, weil die Nutzer dort in den Kommentarbereichen oft ihrem eigenen Schicksal überlassen werden und nicht selten die verbale Brechstange herausholen.

Seit Juni 2013 leitet Annika von Taube die Community-Redaktion bei Zeit Online. Für die siebte Folge des Journalisten-Berufsporträt-Formats ABZV Videoreporter habe ich mit ihr ein ausführliches Interview geführt und sie und ihr Team einen Tang lang bei der Arbeit beobachtet.

“Wir sind berühmt und berüchtigt dafür, sehr stark in die Debatten einzugreifen”, sagt Taube und spricht auf die zahlreichen Kommentare an, die ihr Team im täglichen Geschäft kürzt oder sogar komplett entfernt. “Der Zensurvorwurf hängt ständig über unserer Arbeit”, sagt die Community-Chefin und stellt klar: “Wir zensieren nicht, sondern wir lenken Debatten.”

Das Video steht unter der Creative Commons Lizenz (BY-NC-ND 3.0 DE), das heißt Teilen, Verbreiten und Einbetten in andere Kontexte ist erwünscht, solange dies zu nicht-kommerziellen Zwecken geschieht.

Weitere Links zum Thema:
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