Smartphone-Video mit MAVIS statt FiLMiC Pro

MAVIS auf einem iPhone7 mit variablem ND-Filter und flexiblem Stativ

Wer häufig Videomaterial mit dem Smartphone dreht, sollte sich MAVIS mal genauer anschauen. Mich hat die iOS-App ziemlich überzeugt: Zurückhaltendes Interface, präziser Tonpegelmesser, Waveform-Monitor für verlässliche Belichtungsmessungen – und das alles besser nutzbar als bei Platzhirsch FiLMiC Pro. Aber natürlich gibt’s auch Schwächen.

Videos mit dem Smartphone drehen und dabei FiLMiC Pro zu ignorieren, dürfte in der Vergangenheit schwierig gewesen sein: Seit mehreren Jahren auf dem Markt und stets konsequent weiterentwickelt, hat sich die App eine große Nutzerbasis erschlossen. Mit ihrer Hilfe wurden sogar – wenn vermutlich auch unter starkem Einfluss von PR-Abteilungen – ganze Spielfilme und Dokumentationen gedreht.

Auch unter Journalisten ist FiLMiC Pro sehr beliebt, um gelegentlich mal ein Interview aufzuzeichnen oder ein Ereignis zu dokumentieren. Warum also wechseln?

Langjährige Nutzer kennen die Probleme: Nervige Abstürze, gern nach größeren Updates, natürlich wenn man gerade auf die App angewiesen ist. Und weil die Entwickler stets die neuesten Smartphones im Blick haben und ihren Programmcode offenbar dafür optimieren, macht die Arbeit auf älteren Geräten nach gewisser Zeit keinen Spaß mehr.

Aufgeräumtes Interface

MAVIS verfolgt offenbar eine andere Philosophie: Schlanker im Auftritt, viel weniger Funktionen, aber die wenigen viel besser.

Die App hat lange ein Schattendasein geführt und war in früheren Versionen keine ernstzunehmende Konkurrenz. Doch als die Entwickler der Software Ende vergangenen Jahres ein großes Update auf Version 3 spendierten, dachte ich nach dem ersten Start, ich blicke durch den Sucher einer professionellen Videokamera.

Die Oberfläche sieht angenehm aufgeräumt aus und integriert dabei eine Reihe von Messwerkzeugen, die den feinen Unterschied machen. Das erfreut vor allem Anwender, die ihre Aufnahmen gern mit manueller Kontrolle und der damit verbundenen Gestaltungsfreiheit machen.

Das Interface der iOS-Kamera-App MAVIS

Ein Überblick über das Interface, Punkt für Punkt kurz erklärt:

  1. Zu den Settings. Hier stellst du Aufnahmeformat und -qualität ein (z.B. Full HD mit 25 Bildern pro Sekunde bei 50 MBps), bestimmst den Speicherort für die Videofiles (entweder direkt in die Fotobibliothek des iPhones oder zunächst in den MAVIS-internen Speicher), belegst die Funktionstaste sinnvoll (siehe 6) und vieles andere mehr. Einstellungen für jeweils unterschiedliche Zwecke kannst du in Presets speichern und je nach Bedarf aufrufen.
  2. Mess-Tools aufrufen. Ein kleines Menü klappt sich zur Seite auf und zum Vorschein kommen Tools wie Focus Peaking und Expanded Focus für die Schärfemessung, Zebra und False Colour für die Belichtungsmessung sowie Guides zum Ein- oder Ausblenden, z.B. das Drittelraster, das dir bei der Bildgestaltung helfen kann.
  3. Die Belichtung einstellen. Das geht auf drei verschiedene Arten: Vollautomatisch, Punktmessung (durch ein kleines, verschiebbares Kästchen) oder komplett manuell. Wenn du gern manuell belichtest, kannst du logischerweise nur die ISO-Zahl und die Verschlusszeit (oder besser: den Shutter) verstellen, denn die Blende ist bei den iPhone-Objektiven technisch bedingt immer fest eingestellt und nicht veränderbar.
  4. Die ISO-Zahl einstellen. Dazu ziehst du den Slider nach oben oder unten, um die ISO-Zahl zwischen 22 und 704 (kann je nach iPhone-Modell variieren) anzupassen. Wenn du hingegen den Shutter verändern willst, musst du auf (3) drücken. Dann öffnet sich horizontal ein kleines Ausklapp-Menü samt Shutter-Slider.
  5. Den Weißabgleich einstellen. Das kannst du vollautomatisch der Kamera überlassen, was aber nicht empfehlenswert ist, weil sich dann auch während einer Aufnahme die Farbgebung des Bildes ändern kann. Für manuell ermittelte Weißabgleichswerte stehen dir drei Speicherplätze zur Verfügung. Mehr dazu im Abschnitt über den Weißabgleich.
  6. Die Funktionstaste. Du kannst sie individuell belegen, z.B. mit der Peaking-Funktion fürs Überprüfen der Schärfe, mit der Zebra-Funktion für die Belichtungsmessung usw.
  7. Die Fokussiermethode bestimmen. Hier stellst du ein, wie du das Bild scharfstellen möchtest: Vollautomatisch, Punktmessung (durch ein kleines, verschiebbares Kästchen ähnlich wie bei der Belichtung unter 3) oder komplett manuell. Zum manuellen Verlagern des Schärfebereichs nutzt du den Slider unter (9).
  8. Die Timecode-Anzeige. Ist nach dem üblichen Schema HH:MM:SS:FF aufgebaut, d.h. ganz hinten das Einzelbild, davor die Sekunden, davor die Minuten, davor die Stunden. Ein Timecode von 00:01:22:12 würde bedeuten, dass deine Aufnahme seit 0 Stunden, 1 Minute, 22 Sekunden und 13 Frames läuft.
  9. Manuell fokussieren. Und zwar, indem du den Slider über den kleinen roten Strich ziehst. Unten heißt, die Schärfe soll im hinteren Bildteil liegen. Oben heißt: Die Schärfe soll im den Nahbereich liegen (also z.B. wenn sich ein Objekt sehr nah vor der Linse befindet).
  10. Den Tonpegel überprüfen. Das machst du mit dem Tonpegelmesser, der im Vergleich zu FiLMiC Pro nicht nur über eine genaue Skala verfügt, sondern auch sehr präzise funktioniert. Mehr dazu im Abschnitt über die Tonaufnahme.
  11. Das Vectorscope. Dieses Messinstrument ermöglicht dir, die Farben deiner Aufnahme genauer zu überprüfen. Das kann dir z.B. beim Weißabgleich helfen.
  12. Der Waveform-Monitor. Der König aller Belichtungsmesser. Für Anfänger auf den ersten Blick unverständlich. Aber wer das Prinzip einmal begriffen hat, will nicht mehr ohne arbeiten.
  13. Der Record-Button. Zum Starten und Stoppen der Aufnahme.

Bis auf das Vectorscope sind all die genannten Tools zwar auch bei FiLMiC Pro an Bord, einige davon aber im Detail eben nicht so klug umgesetzt wie in MAVIS. Und genau das ist der Unterschied, finde ich.

Der Waveform-Monitor

Recht deutlich sieht man den Qualitätsunterschied zu FiLMiC Pro am Waveform-Monitor (12), der in MAVIS etwa ein Fünftel der gesamten Bedienoberfläche einnimmt und – das ist wichtig – sich über die komplette Breite des dargestellten Bildes erstreckt. In FiLMiC Pro wird er hingegen so klein dargestellt, dass er eigentlich kaum zu gebrauchen ist – vor allem nicht, wenn du unter Zeitdruck verlässlich eine Belichtung einstellen willst.

Wie funktioniert nun so ein Waveform-Monitor? Folgendes Testbild verdeutlicht das Prinzip.

Wie ein Waveform-Monitor funktioniert: Belichtungsreihe von Weiß nach Schwarz

Der linke Balken ist 100% weiß, heller geht’s nicht. Passend dazu zeigt der Waveform-Monitor einen Strich am oberen Ende der Skala (=100 IRE) an. Die folgenden Balken werden immer dunkler und die Striche wandern auf der IRE-Skala des Waveform-Monitors immer tiefer, bis der rechte Balken komplett schwarz und die Wellenform entsprechend am Nullpunkt angekommen ist (=0 IRE).

Der Waveform-Monitor zeigt also die Helligkeit jedes einzelnen Pixels im Motiv an. Und deswegen ist es auch hilfreich, dass er genauso breit dargestellt wird wie das zu belichtende Bild. Das vereinfacht das Ablesen und Beurteilen enorm.

Folgende drei Belichtungen zeigen am praktischen Beispiel nochmal deutlicher, wie man mit dem Waveform-Monitor arbeitet.

Drei verschiedene Belichtungen mit Waveform-Anzeige

  1. Die erste Aufnahme ist deutlich überbelichtet. Der Himmel und weite Teile der Straße sind so stark ausgebrannt, dass nichts mehr zu erkennen ist. Dementsprechend weit oben befindet sich die Wellenform, die durch eine harte Kante am oberen Ende abgeschnitten wird (=Clipping). Zudem erreicht sie nirgends auch nur annähernd den Nullpunkt, das heißt das eigentlich schwarze Auto und auch die schwarze Hose des Radfahrers werden eher grau (und damit ebenfalls überbelichtet) dargestellt.
  2. Die zweite Aufnahme ist deutlich unterbelichtet und sieht aus, als wäre sie in der Dämmerung aufgezeichnet worden, obwohl es tatsächlich taghell war. Diesmal säuft die Straße in weiten Teilen ab und auch die Gebäude im Hintergrund sind nur schemenhaft zu erkennen. Entsprechend tief ist die Wellenform angesiedelt, und der dichteste Teil davon befindet sich am unteren Ende der IRE-Skala.
  3. Das dritte Bild ist ausgewogen belichtet. Die Wolken am Himmel sind gut zu erkennen und Straße, Autos und Radfahrer sehen natürlich aus. Die Wellenform verläuft satt durch das gesamte mögliche Spektrum mit einem dichten Mitteltonbereich (zwischen 30 und 70 IRE), ohne dabei am oberen oder unteren Ende hart abgeschnitten zu werden. Charakteristisch: Das Mittelgrau der Straße erstreckt sich als dichter Strang mitten durch die Wellenform.

Must-have: Variables ND-Filter

Das volle Potenzial bei der Arbeit mit dem Waveform-Monitor schöpfst du übrigens aus, wenn du ein variables ND-Filter – also eine Art Sonnenbrille – vor dem Objektiv deines Smartphones befestigst. Damit kannst du stufenlos regeln, wieviel Licht in das Objektiv gelangen soll. Weil der MAVIS-Waveform-Monitor ohne jede Verzögerung auf Belichtungsänderungen reagiert, kannst du die technische Güte deiner Bilder auch unter Zeitdruck schnell und präzise beurteilen. Für journalistische Arbeit, wo Dinge eben nur einmal passieren, ist das goldwert.

Variables ND-Filter zum Anklippen ans Smartphone
Ein variables ND-Filter zum Anklippen ans Smartphone ist aber nur draußen zu empfehlen, wo tagsüber kein Mangel an Licht herrscht.

Ein variables ND-Filter lohnt sich auch noch aus einem zweiten Grund: Du kannst damit erreichen, dass die Bewegungen in deinen Videoaufnahmen wesentlich natürlicher aussehen und nicht – wie bei vielen Smartphone-Videos üblich – stotternd, stroboskopartig und abgehackt.

Schuld an den Ruckelvideos ist die mitunter extrem kurze Verschlusszeit, mit der viele Smartphone-Filmer ihre Bilder belichten. Wenn du draußen im prallen Sonnenlicht mit Belichtungsautomatik und ohne ND-Filter drehst, stellt das Smartphone die ISO (=die Lichtempfindlichkeit des Sensors) auf den kleinstmöglichen Wert und sperrt das reichlich überschüssige Licht mit Hilfe einer extrem kurzen Verschlusszeit – oft kürzer als 1/2000s – aus. Die Folge sind gestochen scharfe Bilder, auch bei schnellen Bewegungen. Das entspricht nicht dem natürlichen Sehempfinden.

Abhilfe schafft also eine deutlich längere Verschlusszeit, denn sie sorgt für eine natürliche Unschärfe bei Bewegungen, die wir auch aus unserer alltäglichen Seherfahrung kennen.

Wie also den Shutter einstellen? Ideal ist der Kehrwert der doppelten Bildrate – die dieser Empfehlung zugrunde liegende 180 Grad-Regel wird z.B. in diesem Video anschaulich erklärt. Wenn du MAVIS also so einstellst, dass du deine Videos mit 25 Bildern pro Sekunde aufzeichnest, wäre die ideale Verschlusszeit: 1/(2×25)=1/50. Wenn du lieber mit 50 Bildern pro Sekunde arbeitest, dann 1/(2×50)=1/100. Ohne ND-Filter würdest bei üppigem Umgebungslicht regelmäßig Überbelichtungen produzieren.

Folgendes Video habe ich mit 50 Bildern pro Sekunde aufgezeichnet. Es zeigt zwei identische Situationen mit vorbeigehenden Menschen sowie vorbeifahrenden Autos und Straßenbahnen. Im ersten Beispiel ist die Verschlusszeit sehr kurz und die Bewegungen sehen ruckelig und unnatürlich aus. Die zweite Aufnahme habe ich hingegen mit einer angemessenen Verschlusszeit von 1/100s gemacht.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
Video-Link: https://vimeo.com/267966538

Zugegeben, der Effekt ist subtil. Manche nehmen den Unterschied gar nicht wahr, andere sehen ihn sofort. Für die natürliche Wiedergabe von Bewegungen in Videobildern spielen tatsächlich noch eine Reihe weiterer Faktoren eine Rolle, doch die zu erörtern wäre am Thema dieses Artikels vorbei. Wenn du trotzdem tiefer einsteigen möchtest: Hier und hier gibt es ganz gute Startpunkte.

So sinnvoll ein ND-Filter am Smartphone ist, er hat mindestens drei Nebenwirkungen:

  1. Das am besten für Videoaufnahmen geeignete interne Mikrofon befindet sich (zumindest am iPhone 7) direkt neben dem Objektiv. Dummerweise wird es vom Filter verdeckt, so dass Tonaufnahmen mit diesem Mikrofon deutlich schlechter werden und sehr blechern klingen. Daher solltest du in den MAVIS-Settings eines der anderen beiden Mikrofone auswählen oder – besser noch – gleich mit einem externen Mikrofon arbeiten. Welche sich für Smartphones ganz gut eignen, habe ich neben vielen anderen Dingen in dieser Linkliste zusammengefasst.
  2. Selbst wenn du vor der Aufnahme einen lupenreinen Weißabgleich gemacht hast, verändern sich die Farben leicht, sobald du am Filter drehst und dadurch die Belichtung änderst. Zwar ist der Farbstich nicht extrem schlimm, aber trotzdem sichtbar. Hier hilft nur ein erneuter Weißabgleich oder eine spätere Korrektur im Schnittprogramm.
  3. Wenn du beim Einstellen des Filters in dessen Grenzbereiche kommst, tritt der sog. „X-Effekt“ auf. Deine Aufnahme ist dann unbrauchbar. Wie dieser unerwünschte Effekt aussieht, kannst du in diesem Video sehen.

Weißabgleich

Um deine Videoclips mit möglichst natürlich wirkenden Farben aufzuzeichnen, stehen dir neben dem vollautomatischen Weißabgleich insgesamt drei Speicherplätze für manuelle Weißabgleiche zur Verfügung. Wenn du die Funktion aufrufst, erscheint ein neuer Screen:

Weißabgleich mit einer Graukarte
Bei sehr hellem Licht liefert der Weißabgleich auf einer Graukarte oft bessere Ergebnisse.

Halte nun ein weißes und nicht zu kleines Blatt Papier (DIN A4) vor das Objektiv, so dass die Kamera nichts anderes sieht als das Blatt. Wegen des recht weitwinkligen Objektivs ist das gar nicht so einfach. Achte darauf, dass

  1. das Blatt exakt das Licht reflektiert, auf das es bei deiner Aufnahme ankommt (es bringt nichts, den Weißabgleich in der Sonne zu machen, wenn du anschließend das Interview im Schatten führst),
  2. du keinen Schlagschatten auf das Blatt wirfst.

Belichte das helle Blatt etwas defensiver, so dass es eher mittelgrau erscheint. Der Waveform-Monitor hilft dir dabei. Wenn du soweit bist, drückst du rechts oben auf das Auslöse-Symbol. Wenn das Blatt vorher einen Farbstich hatte, sollte es jetzt neutral aussehen.

Das kreisrunde Messinstrument auf der linken Seite, das Vectorscope, kennst du ja bereits. Wie es im Detail funktioniert, kannst du dir in diesem drei Minuten kurzen Video anschauen oder in diesem 8-seitigen PDF nachlesen. Für den Weißabgleich reicht es, wenn du dir merkst: Er ist dir gelungen, wenn der kleine Punkt exakt in der Mitte landet. Je weiter er davon entfernt ist, desto farbstichiger wird deine Aufnahme. In so einem Fall besser nochmal machen.

Zebra und False Color

Beides sind weitere Belichtungsmesser, die aber etwas einfacher funktionieren als der Waveform-Monitor.

Das Zebra zeigt dir auf Wunsch an, wenn Bildanteile eine bestimmte Helligkeitsschwelle erreicht haben. Möchtest du beispielsweise ein Interview aufzeichnen und sicherstellen, dass das Gesicht der Person vor der Kamera möglichst gut rüberkommt, kannst du mit Hilfe des Zebras die ideale Belichtung für die Hauttöne einstellen.

Und das geht so: In den MAVIS-Settings stellst du den sog. „Zebra Threshold“ (zu finden unter den „Viewfinder“-Optionen) auf 68% bis 73%.

Zebra-Einstellung in MAVIS

Was bewirkt das? Wie beim Waveform-Monitor liegt der Zebra-Funktion dieselbe IRE-Skala zugrunde, in der 0% tiefstes schwarz und 100% grellste Helligkeit ist. In diesem Spektrum rangieren Hauttöne von Mitteleuropäern etwa bei 70% (zumindest an den helleren Stellen).

Hauttöne von Mitteleuropäern mit Hilfe des 70%-Zebras in der iPhone-App MAVIS anmessen
Hauttöne mit Hilfe des 70%-Zebras anmessen.

Wenn du Gesichter in Nahaufnahme gut belichten willst, dunkle das Bild mit Hilfe des ND-Filters zunächst ab. Dann öffne wieder und lasse nach und nach mehr Licht rein. Und nun achte auf den richtigen Moment: Wenn an der hellsten Stelle des gut ausgeleuchteten Gesichts das Zebra-Muster ein klein wenig schimmert, hast du die ideale Belichtung getroffen, oder du bist zumindest in der Nähe davon. Überdrehst du allerdings, wandert das Zebra-Muster an andere (in Wirklichkeit dunklere) Stellen und dein Motiv wäre überbelichtet.

Statt des Zebras kannst du auch mit False Color arbeiten. Dann werden die unterschiedlichen Helligkeiten des Bildes als Farbverlauf dargestellt: Die dunklen Stellen blau, die hellen rot.

Farbverlauf der False Color-Skala

Und gut ausgeleuchtete Gesichter hellgrün.

Mit False Color die Belichtung messen

Bei beiden Belichtungs-Tools lohnt es sich, immer auch den Waveform-Monitor im Blick zu haben.

Focus Peaking

Eigentlich ist die Sache mit der Schärfentiefe und den Smartphones schnell erklärt: Es wird einfach alles von vorn bis hinten scharf abgebildet. Dieser typische Kleinsensor-Videolook hat vor allem im News-Bereich den Vorteil, dass deine Bilder auch in hektischen Situationen mit Sicherheit scharf werden.

Wenn du aber Bilder mit geringer Schärfentiefe gestalten willst, musst du mit dem Objektiv ganz nah rangehen. Nur dann kannst du die Ebenen deines Bildes durch Schärfe und Unschärfe voneinander trennen. Und genau dabei ist das Focus Peaking eine tolle Hilfe.

Die kleinen grün oder wahlweise auch in anderen Farben schimmernden Pixel zeigen dir, welcher Teil des Bildes tatsächlich scharf abgebildet wird. Das ist nötig, weil die Qualität der Vorschau auf dem kleinen Smartphone-Display nicht so genau dargestellt wird wie die Originalgröße deiner Aufnahme.

MAVIS bietet dir dazu drei verschiedene Stärken an: Middle, Low und High.

Drei verschiedene Peaking-Stufen
MAVIS bietet drei verschiedene Peaking-Empfindlichkeiten.

Middle halte ich für die empfehlenswerteste Variante, die du dauerhaft eingeschaltet lassen kannst. Bei guten Lichtbedingungen zeichnet sie die scharfen Kanten in den Motiven verlässlich nach. Und sollte im Bild alles scharf sein, wird die Anzeige nicht mit grünen Punkten überfrachtet, wie das in der High-Einstellung der Fall ist. High ist hingegen aber erstaunlich zuverlässig, wenn du in dunkleren Umgebungen drehst.

Das Focus Peaking finde ich so hilfreich, dass es bei mir auf der Funktionstaste (FN) gelandet ist.

Tonpegelmesser / Tonaufnahme

Tonpegelmesser in MAVIS

Ähnlich zuverlässig wie die anderen Werkzeuge funktioniert auch der Tonpegelmesser (wie genau tatsächlich, habe ich in meinem Blog getestet). Er ist mit der im digitalen Videobereich üblichen Skala beschriftet, die von etwa -60 bis 0 dBFS (=Decibel Full Scale, eine Einheit zum Bemessen der Lautheit des digitalen Tons) reicht.

Ist der Pegel unten, wird der Ton leise bis unhörbar aufgezeichnet und geht schlimmstenfalls im Grundrauschen unter. Leider ist der Rauschteppich einer iPhone-Aufnahme ohnehin relativ hoch, was an den billigen A/D-Wandlern liegt, die in den Geräten verwendet werden.

Ist der Pegel oben, zeichnest du ein starkes Signal auf. Je weiter dieses Signal (z.B. die Sprache im Interview) vom Grundrauschen entfernt ist, desto klarer klingt es (=hoher Signal-/Rauschabstand). Aber Vorsicht: 0 dBFS ist die absolute Grenze, alles darüber verzerrt sofort und lässt sich auch in der Nachbearbeitung nicht mehr reparieren.

Gute Sprachaufnahmen steuerst du daher sicherheitshalber so aus, dass sie in der Spitze etwa zwischen -12 und -6 dBFS pendeln, der Rest nach oben dient als Sicherheitsabstand. Beide Zahlen sind auf der Skala deutlich eingezeichnet, so dass du deine Tonaufnahme auch während eines Interviews gut kontrollieren kannst.

Machst du deine Aufnahme mit einem der internen Mikrofone, steuert MAVIS den Ton grundsätzlich vollautomatisch aus. Schließt du hingegen ein externes Mikrofon an, musst du den Ton mit Hilfe des Gain-Sliders selbst aussteuern.

Mit externem Mikro ermöglicht der MAVIS-Tonpegelmesser präzise Tonaussteuerung.
Mit einem externem Mikro wie dem RØDE VideoMic Pro ermöglicht der MAVIS-Tonpegelmesser präzise Tonkontrolle.

Wegen des hohen Grundrauschens der Ton-Aufnahmen mit dem iPhone lohnt es sich, Mikrofone mit einem integrierten Vorverstärker zu verwenden, z.B. das RØDE VideoMic Pro, das Azden SMX-15 (siehe Testbericht) bzw. alternativ auch das sehr günstige Takstar SGC-598 (siehe Test-Video). Um Mikrofone wie diese ans iPhone anzuschließen, benötigst du ein zusätzliches Adapterkabel wie z.B. das RØDE SC4.

Mit der zuschaltbaren +20 dB-Verstärkung dieser Mikrofone kannst du den schwachen A/D-Wandlern von Smartphones auf die Sprünge helfen. Denn weil du nun ein starkes und relativ rauscharmes Signal in die Kamera speisen kannst, kannst du den Gain-Slider in MAVIS ziemlich weit herunterziehen. Dadurch sinkt das kameraeigene Rauschen deutlich und deine Tonaufnahme wird eine hörbar bessere Qualität haben.

Schwächen

MAVIS hat noch die ein oder andere Macke, auch wenn es sich dabei um Kleinigkeiten handelt. So klappt das Kopieren der aufgenommenen Videoclips vom internen Speicher in die Fotobibliothek nicht ganz zuverlässig (ein Problem, dass FiLMiC Pro-Nutzer ebenfalls kennen). Mehr als fünf Clips en bloc solltest du nicht markieren, denn alle weiteren werden beim Kopiervorgang offenbar schlicht ignoriert. Wenn du also beispielsweise 20 Clips aufgezeichnet hast und willst sie in die Fotobibliothek übertragen, musst du das in vier Durchgängen machen.

Eine andere Schwäche betrifft die ISO und den Shutter. Schön wäre es, wenn sich die App die zuletzt eingestellten Werte merken würde und diese beim nächsten Start einfach wieder verwendet (was komischerweise manchmal klappt, oft aber leider nicht). Von Vorteil wäre das vor allem in Situationen, wo das Smartphone schnell drehbereit sein muss. Denn wer vorzugsweise mit einem Shutter nach der 180 Grad-Regel dreht, möchte die notwendigen Einstellungen nicht ständig neu vornehmen.

Und genau wie FiLMiC Pro ist auch MAVIS sehr energiehungrig und lässt das iPhone nach längerer Benutzung recht warm werden.

Fazit

Wer eine schlanke App sucht, die sich auf das Wesentliche für den Videodreh konzentriert und dabei alle professionellen Tools fürs manuelle Gestalten an Bord hat, dürfte mit MAVIS glücklicher werden als mit FiLMiC Pro. Wer allerdings unterschiedliche Bildseitenformate (z.B. Quadrat, hochkant) benötigt und gern auch mal einen Aufsager bzw. ein Selfie-Video mit der rückwärtigen Kamera dreht, sollte zu FiLMiC Pro greifen, denn auf diese Features haben die Macher von MAVIS bewusst verzichtet.

Ärgerlich nur, dass es MAVIS ausschließlich für das Betriebssystem iOS und somit nur für iPhone-Nutzer gibt.

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