Die Sportjournalistin: Stefanie Wahl (Heilbronner Stimme) im Video-Porträt

Sportjournalismus ist immer noch eine Männerdomäne. Gerade mal zehn Prozent der rund 3700 Mitglieder des Verbandes Deutscher Sportjournalisten (VDS) sind Frauen.

Auch deswegen war ich neugierig auf Stefanie Wahl, denn als Chefin des Sportressorts bei der Heilbronner Stimme ist sie eine der wenigen weiblichen Führungspersönlichkeiten im Sportjournalismus.

Für die elfte Folge der Serie ABZV Videoreporter habe ich sie einige Tage bei ihrer Arbeit begleitet, u.a. zu einem Fußball-Bundesligaspiel (VfB Stuttgart vs. Eintracht Braunschweig). In dem rund 13 Minuten langen Porträt geht es um viele Aspekte ihrer Arbeit, vor allem individuelle Arbeitsweisen, Durchsetzungsvermögen, Familienfreundlichkeit und welche Fähigkeiten man mitbringen sollte, um in diesem Job zu bestehen.

Das Video steht unter der Creative Commons Lizenz (BY-NC-ND 3.0 DE), das heißt Teilen, Verbreiten und Einbetten in andere Kontexte ist erwünscht, solange dies zu nicht-kommerziellen Zwecken geschieht.

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Propaganda per Filter und Verstärkung – Die leise Gefahr für Journalismus und Pressefreiheit in Krisenzeiten

Straßenumfrage ade: In den letzten Jahren hat sich die Arbeitsweise von vielen Journalisten radikal geändert: Soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook dienen als Sensor für die Meinung der Bevölkerung, als Gruppenmedium zwischen Kollegen, als Recherchetool und als zusätzlicher Marketingkanal für die eigenen Beiträge. Je stärker ein Journalist in diesen Netzen Informationen aufnimmt und wieder abgibt, desto wichtiger wird die Neutralität dieser Netze, da es sonst zu erheblichen Verzerrungen kommen kann. Nun ist das leider schon länger nicht mehr der Fall: Twitter, Facebook oder Google formen unsere Streams nach unseren Leseinteressen. Der Buchautor Eli Pariser warnte 2012 in “The Filter Bubble” davor, dass wir uns dadurch intellektuell isolieren.

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Größer wäre das Problem nun, wenn die Filter in diesen Netzwerken absichtlich nach politischen Interessen geschaltet wären. Vor kurzem bewies Facebook, dass es die Technologie für eine inhaltliche Filterung der Streams bereits hat: In einem psychologischen Test hatte man bei 100.000 ahnungslosen Nutzern positive oder negative Meldungen herausgefiltert und die Reaktion darauf gemessen. Gemerkt hat anscheinend niemand etwas davon.

Eine politische Filterblase wirkt weiter als Zensur, da sie sich verstärkend in verschiedene Bereiche fortsetzt: Angenommen, regierungskritische Meinungen werden in den persönlichen Streams von Facebook oder Twitter über Algorithmen reduziert, bestätigende Meinungen werden dagegen verstärkt. Für Journalisten würde sich das an drei Stellen auswirken: Unsere Wahrnehmung von Öffentlichkeit wird verzerrt, die Texte, die wir dann schreiben, verstärken diese Sichtweise auch in den ungefilterten Medien. Und schließlich werden die kritischen Journalisten in den Netzen unsichtbarer, was sie möglicherweise auch ökonomisch schwächt. Das perfide an der Methode wäre aber sicherlich, dass bei mäßiger Filterung bzw. Verstärkung niemand etwas von diesem Einfluss merken würde.

“Can we be friends?”

Aus der Sicht einer Regierung ist dieses Vorgehen in einer Krise oder während eines Krieges verlockend. Die innere ethische Perspektive wäre: Warum nicht unauffällig auf die Meinungsbildung im Ausland einwirken, wenn sich dadurch Kriege und Tote vermeiden lassen. Der Twitter-Gründer Biz Stone erzählte bereits 2011 von einem verstärkten Interesse des amerikanischen Außenministeriums an seinem Dienst. Die wollten plötzliche beste Freunde mit ihm sein: “Oh wow, we were trying to get this done with AK-47s and you guys got it done with Tweets. Can we be friends?”

Auch in den letzten Wochen gab es wieder zwei Meldungen, die das Interesse an dieser Form des Einflusses verdeutlichen:

  • Der englische Geheimdienst GCHQ hat ein Tool, um Online-Umfragen gezielt zu ändern und damit in den Prozess der Meinungsbildung einzugreifen
  • Eine russische Firma mit 600 Mitarbeitern hat während der Ukraine-Krise gezielt Diskussionsforen von deutschen Medien mit prorussischen Fake-Beiträgen geflutet

Man kann von Glück reden, dass deutsche Journalisten während der Ukraine-Krise nicht alle bei dem russischen Facebook-Klon vk.com organisiert waren. Erst im Frühjahr war der Gründer des Social-Media-Netzwerks vermutlich aus politischen Gründen aus der Firma geworfen worden und durch putinfreundliche Manager ersetzt worden. Dann hätte Putin zumindest in der Theorie einen leichteren Weg gehabt, um die deutsche Presse zu beeinflussen. Vom chinesischen Weibo gar nicht zu reden, wo politische Zensur und Filterung schon lange üblich ist.

Radio_-_Keep_It_Free.gifUnd die amerikanischen Dienste? Vorerst gibt es ganz klar keine Belege für einen Einfluss der amerikanischen Regierung auf die Filter von Facebook, Twitter und Google. Kritische Journalisten sollten diese mögliche Gefahr jedoch nicht vergessen, wenn sie ihre Werkzeuge für die Zukunft wählen. Je nachdem, wie politisch die eigene Arbeit ist und wie stark man Social-Media als Ideengeber, Recherchetool und Publikationskanal verwendet, wäre ein solcher Filter ein ziemliches Problem für unabhängige Berichterstattung. Eine starke Skepsis gegen die Streamzusammenstellung wäre im Krisenfall sicher angebracht.

100% filterfrei

Zusätzlich sollte man vielleicht doch öfter mal darüber nachdenken, ob es so toll ist, dass wir die Filterung unseres digitalen Lebens zwei bis drei Konzernen anvertraut haben, ohne kontrollieren zu können, wie ihre Algorithmen unser Weltbild und das unserer Leser prägen. Wer wegen der fehlenden Privatsphäre oder der Massenüberwachung ohnehin nach Alternativen sucht, hat nun einen weiteren Grund für den Umstieg: dezentrale Open-Source-Netzwerke sind immer transparent in ihrer Filterung bzw. bilden den Stream in der Grundeinstellung zu 100% ab. Das wäre auch für die journalistische Arbeit besser.

Damit sind wir aber wieder beim alten Diaspora-Problem: Schon bei den letzten Facebook-Kritikwellen gab es dezentrale Netze, die sich aber nicht durchsetzen konnten: Ist auch logisch: Was soll man in einem dünn besiedelten Netzwerk, wenn alle Freunde und Kollegen bei Facebook bleiben? Ich weiß, dass es schwer ist, dagegen ein Argument vorzubringen: Wir hängen nicht an Facebook, sondern an unseren sozialen Kontakten, das ist nur menschlich. Aber ein Argument habe ich: Wer keine Alternativen anbietet, verhindert jede Änderung. Wer Freunden und Kollegen dagegen zusätzlich ein oder zwei alternative Netzwerke anbietet, ermöglicht, dass sich ein besseres System etabliert.

Dezentrale Alternativen gibt es genug: Friendica und Diaspora sind zwar keine Usability-Raketen, aber gut funktionierende Alternativen für Facebook. Für beide gibt es offene Server, auf denen man sich kostenlos anmelden kann (Friendica, Diaspora). Auch für den Twitter-Ersatz Pump.io gibt es offene Server. Ich nutze alle drei Dienste seit über einem Jahr ohne Probleme.

Wer schonmal eine eigene Website per FTP gepflegt hat, kann hingegen in die nächste Wissensstufe vorrücken und mit dieser einfachen Schritt-für-Schritt-Anleitung per SSH einen eigenen Friendica-Server bei dem Hoster Uberspace installieren. Das ist schneller erledigt als eine WordPress-Installation und bietet Platz für mindestens 20 Kollegen. Und eröffnet nebenbei auch die Möglichkeit für eine eigene Cloud. Wer experimentieren will, dem empfehle ich dagegen das neue Red Matrix. Ein Social-Media-Netzwerk, bei dem die eigenen Daten immer nomadisch und verschlüsselt auf verschiedene Server verteilt werden, so dass man nicht von einem Betreiber abhängig ist.

Und auch beim Lesen von Nachrichten kann man sich einfach aus der Filterblase befreien: Im Unterschied zum Konsum von Nachrichten per Facebook-Abonnement sind die guten alten Feedreader 100% filterfrei. Sie sind bereits in den meisten Browsern, Emailprogrammen und auch bei Friendica eingebaut. Und für jedes Handy als App zu bekommen.

Bildrechte: “Neutral density filter demonstration” by Robert Emperley from Strasbourg, Alsace, France – silver falls 21Uploaded by NotFromUtrecht. Licensed under CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons.

Drohnenjournalismus: großes Potenzial, aber hohe Hürden

Oktokopter vor dem Start

Oktokopter vor dem Start: Bild: Bernd Oswald

Drohnen haben gerade wieder eine schlechte Presse in Deutschland: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen will Drohnen zum Schutz der Bundeswehr anschaffen und erntet dafür viel Gegenwind. Das hat vermutlich mit dem Drohnenkrieg der USA zu tun. Immer wieder töten militärische Drohnen auch Zivilisten. Und der amerikanische Drohnenkrieg wird zum Teil auch aus Deutschland geführt.

Doch Drohnen lassen sich prinzipiell natürlich auch friedfertig einsetzen. Zum Beispiel im Journalismus. Wobei man erstmal eine saubere Abgrenzung vornehmen sollte. Die Militärdrohnen sind in der Regel sogenannte Male-Drohnen: Medium Altitude, Long Endurance (Mittlere Höhe, lange Flugdauer). Diese Drohnen verfügen über Flügel und werden von Verbrennungsmotoren angetrieben. Die amerikanische Predator-Drohne etwa hat eine Spannweite von 15 Metern, eine Reichweite von 3700 Kilometern, und kann in 7600 Metern Höhe bis zu 40 Stunden lang fliegen. Und sie kostet ein Vermögen.

Für den friedlichen und dennoch aufklärerischen Einsatz eignen sich eher so genannte Kopter: Ferngesteuerte Fluggeräte mit vier, sechs oder acht Rotoren, die mit Akkus laufen und daher nur eine kurze Einsatzdauer von wenigen Minuten haben. Hier ein kurzes Video, das zeigt, wie Kopter-Pilot Fabian Werba seinen Oktokopter startet.

Einfache Kopter wie der Parrot AR, die sich per Smartphone steuern lassen, sind schon ab 300-400 Euro zu haben. Einen Kopter kann man je nach zulässiger Nutzlast mit unterschiedlich großen bzw. schweren Kameras bestücken. Die Preise reichen von rund 3.000 Euro bis hin etwa 20.000 Euro für einen Optokopter mit einer Nutzlast von fünf Kilogramm. Ein Kopterflug kostet trotzdem nur einen Bruchteil eines Hubschrauber-Fluges und ist viel flexibler als ein Kamerakran. Das macht den Kopter bzw. Drohneneinsatz auch für die Recherche interessant. Zumindest in der Theorie. In der Praxis steht erst mal ein enormer bürokratischer Aufwand. Wer einen Drohnenflug starten will, braucht:

  • eine Aufstiegsgenehmigung der jeweiligen Luftaufsichtsbehörde. Während Flächenländer diese pro Pilot und für ein bis zwei Jahre vergeben, müssen “Aufstiege mit unbemannten Flugobjekten” (so der Behördensprech) in Stadtstaaten einzeln beantragt werden.
  • Geld: eine Aufstiegsgenehmigung kostet zwischen 80 und 150 Euro
  • eine Karte mit den Koordinaten des Startplatzes
  • die Zustimmung des Grundstücksbesitzers, von dem die Drohne aus gestartet werden soll. Interessanterweise braucht man nicht die Zustimmung der Grundstücksbesitzer, über deren Grundstücke geflogen werden soll
  • eine Flugpraxiszeugnis des Piloten
  • technische Spezifikationen der Drohne
  • eine spezielle Haftpflichtversicherung für Modellflughalter mit einer Deckung von mehr als einer Million Euro
  • und eine Datenschutzerklärung des Piloten

Zukunftsszenario: Kopterschwärme im Krisengebiet

Gerade die Genehmigung braucht viel Vorlauf, zwei Wochen sollte man hier schon einplanen. Für den spontanen Rechercheeinsatz etwa bei Demonstrationen eignen sich Drohnen (zumindest in Deutschland) nicht. Bei Unglücken und im Umfeld von besonders sensiblen Anlagen wie Atomkraftwerken ist ihr Einsatz sogar verboten. Gerade dort wäre er aber besonders interessant – findet Datenjournalist Lorenz Matzat, der im Einsatz von Drohnen mit Sensoren großes Potenzial sieht, sei es der Geigerzähler oder Schadstoffmessgeräte (im übrigen nicht nur in der Luft, sondern auch unter Wasser). Matzat rät für solche Fälle Mut zum Risiko: „Du darfst eine Drohne nur einsetzen, wenn du bereit bist zu leugnen, dass es Deins ist“, sagte er  dem Panel “Lohnen Drohnen” auf der Jahrestagung 2014 des Netzwerks Recherche. Im Zweifelsfall müsse sich der Journalist dumm stellen und sagen, das Material sei ihm zugespielt worden. Als Zukunftsszenario sieht Matzat den Einsatz von ganzen Kopterschwärmen, die hochauflösende Bilder einer Stadt liefern und mittels Solarenergie bei Tageslicht dauerhaft in der Luft bleiben können.

Es ist noch kein Fall bekannt, wo ein Journalist so weit gegangen wäre. Kriseneinsätze gab es allerdings schon, wie die Aufnahmen des BlackSheep Team von dem verunglückten Kreuzfahrtschiff Costa Concordia oder von der Hochwasserkatastrophe im Frühsommer 2013 zeigen. Die meisten journalistischen Drohneneinsätze drehen sich eher um Luftaufnahmen mit Dokumentarcharakter, etwa in der Reihe “Brandenburg von oben” des RBB oder die von einer Drohne gefilmte Vogelperspektive der Schweizer Lauberhornabfahrt in Wengen (SRF).

Das rechtliche Spannungsfeld wird sich auch in nächster Zeit nicht auflösen. Deswegen werden Journalisten, die Drohnen spontan in Krisensituationen einsetzen, damit leben müssen, unter Umständen rechtlich belangt zu werden.

Disclaimer: Ich habe das Panel “Lohnen Drohnen” auf der Jahrestagung 2014 des Netzwerks Recherche moderiert.

Die Must-Reads zur #nr14

Neues Recherche-Portal, Tipps und Tools für Datenjournalisten, besser googeln als die NSA – die Jahrestagung 2014 des Netzwerks Recherche hat sich echt gelohnt. Hier die Highlights zum Nachlesen.

Vorbildlicher Vorreiter: Heute-Nachrichten auf Instagram

"Heute"-Profil auf Instagram (Screenshot [M])

Seit gut einer Woche sind die “Heute”-Nachrichten des ZDF auf Instagram aktiv. Mit Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft startete das “Experiment”, wie es in der Pressemitteilung heißt. Das Ziel ist klar: “Instagram werde ausschließlich mobil genutzt – und sei somit ein wichtiger Baustein neben der ZDFheute-App, um junge Nutzer zu erreichen, die sich unterwegs informieren möchten.”

Mehrmals täglich postet die Redaktion von heute.de seitdem Videos und Fotos auf Instagram. Sie sind nicht die ersten Nachrichtenredaktion, die das tut (Die BBC und der Guardian zum Beispiel sind, wenig überraschend, schon länger aktiv), aber in Deutschland Vorreiter. Und die ZDF-Leute machen ihren Job ziemlich gut.

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Schock! Das Golden Girl und die goldene Regel

Es ist die goldene Regel des Onlinejournalismus: Wenn die Konkurrenz über irgendwas Spektakuläres berichtet — erst mal abschreiben. Überprüfen kann man das ja später noch. Irgendwann. Vielleicht. Hauptsache, man hat die Geschichte auch.

schreibt Mats Schönauer im Bildblog. Und weil der Satz so schön griffig und einigermaßen plausibel ist, verweisen wir auch gleich ohne Gegenrecherche auf das Beispiel in seinem Artikel. Nur so viel, damit Sie auch klicken: Es geht um Tina Turner, ihren Schlaganfall und den Wörthersee.

Wie Journalisten ihre digitale Kommunikation schützen sollten – Teil 2/2 (ABZV Videoreporter Folge #10)

Dass Journalisten bei ihrer digitalen Kommunikation eine gewisse Verantwortung tragen, liegt auf der Hand. Denn es geht um die Sicherheit ihrer Recherchen, um den Schutz ihrer Informanten und Kontakte, aber auch um ihre ganz persönlichen Profile.

Nur wie ernst wird das Thema tatsächlich genommen, wenn es in Redaktionen nach wie vor üblich ist, Termine und Kontakte in der Google-Cloud zu verwalten und Nachwuchsjournalisten – bei allem unbestrittenen Nutzen sozialer Netzwerke für den Journalismus – eingetrichtert wird, wie wichtig ihr Klout Score sei, ohne dabei mit einer Silbe auf eine notwendige Strategie zur Trennung von privaten und öffentlichen Daten hinzuweisen?

Für die zehnte Folge der Serie ABZV Videoreporter habe ich Albrecht Ude (Researcher und Recherche-Trainer), Christian Stöcker (Ressortleiter Netzwelt bei Spiegel Online) und Patrick Beuth (Redakteur im Digital-Ressort bei Zeit Online) unter anderem zu diesen Themen befragt.

Im ersten Teil ging es um verschlüsselte E-Mail-Kommunikation und anoymes Surfen zu Recherche-Zwecken.

Das Video steht unter der Creative Commons Lizenz (BY-NC-ND 3.0 DE), das heißt Teilen, Verbreiten und Einbetten in andere Kontexte ist erwünscht, solange dies zu nicht-kommerziellen Zwecken geschieht.

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re:publica 2014: die Highlights für Journalisten

 

die re:publica wird thematisch immer breiter, lohnt sich aber auch für Journalisten. Ein Überblick über Roboterjournalismus, Storytelling-Tools, Structured Journalism, Datenvisualisierungen und Co.

Pageflow: Storytelling für jedermann

Multimedia-Reportagen sind in – aber auch aufwändig zu machen. Um so praktischer, dass der WDR sein selbst gebautes Reportage-Werkzeug “Pageflow” jetzt als Open-Source-Code zur Verfügung stellt.

Viel Bild, dezent eingesetzter Text, Navigation durch die Kapitel am rechten Rand: So sehen die Pageflow-Reportagen des WDR aus

Viel Bild, dezent eingesetzter Text, Navigation durch die Kapitel am rechten Rand: So sehen die Pageflow-Reportagen des WDR aus

Die Stage D platzt aus allen Nähten, mehr als 150 Leute wollen auf der re:publica mehr “Aus dem Arbeitsalltag moderner Geschichtenerzähler” erfahren. Inspiriert von Multimedia-Reportagen wie Snowfall, keine Zeit für Wut und vor allem Firestorm hat die Online-Redaktion des WDR zusammen mit der Kölner Web-Agentur Codevise ein eigenes Storytelling-Tool für solche Reportagen entwickelt: Pageflow. Die Philosophie dahinter:

Jede Geschichte hat unterschiedliche Facetten, die es wert sind, unterschiedlich erzählt zu werden: Bilder, die beeindrucken. Zitate, die nachdenklich machen. Klänge, die bewegen. Worte, die es auf den Punkt bringen. Wenn all das zusammenfließt, entsteht eine völlig neue Form des Erzählens.

So steht es auf http://reportage.wdr.de/, der Seite, auf der fast alle Multimedia-Reportagen des WDR versammelt sind. Darunter auch das Pionierstück: das Haldern-Pop-Festival, an dessen Beispiel die WDR-Redakteure Stefan Domke und David Ohrndorf die Funktionen von Pageflow demonstrieren. Geschichten werden hier in multimedial angereicherten Kapiteln erzählt. Vom Vorbild Firestorm inspiriert stehen großflächige Bilder oder (Hintergrund-)Videos im Zentrum jeder Seite, der begleitende Text ist am linken Rand angebracht. “Der User pickt sich das raus, was ihn interessiert, geht durch einzelne Kapitel”, erklärt Stefan Domke.

“Bei Videos ist HD Pflicht, nicht Kür”

Blick ins Backend von Pageflow: Links die Vorschau, wie der Text läuft, rechts die Editierfenster

Blick ins Backend von Pageflow

Das Backend ist ziemlich intuitiv zu bedienen, wie es sich für ein gutes Web-CMS gehört. Per Knopfdruck kann man neue Seiten anlegen. Die wiederum lassen sich leicht mit Dachzeile, Titel und Text beschriften und editieren. Ein weiterer Button erlaubt den Upload von Bildern, Videos, Videoloops oder Grafiken. “Bei Videos ist HD Pflicht, nicht Kür”, sagt David Ohrndorf, “da es um eine bildschirmfüllende Darstellung geht.”

Von vornherein war WDR und Codevise wichtig, dass das Tool responsive ist, damit es auch auf mobilen Geräten gut nutzbar ist. Das haut wirklich gut hin, die Navigation ist als kleiner Icon rechts oben eingebaut und legt sich über die Startseite, sobald sie angeklickt wird.

so sieht  die Startseite einer Pageflow-Reportage auf einem Smartphone-Screen aus. Die Navigation ruft man über das Icon rechts oben auf.

mobile Ansicht einer Pageflow-Reportage

Auch die Bildausschnitte lassen sich im Backend konfigurieren: 16:9 für die breite Desktop-Darstellung oder 4:3 für hochformatige mobile Screens.

Da der WDR bislang erst neun Reportagen mit Pageflow gebaut hat, fehlt es noch an belastbaren Erfahrungswerten, gerade, was die Usability angeht. Versteht der User den Scrollmechanismus? Funktioniert die Navigation besser per Klick am PC oder per Wischen am Tablet? Wie lange verweilt der Nutzer wo, welche Elemente ziehen die stärkste Aufmerksamkeit auf sich? Fragen wie diese sollen mit einer Usability-Studie geklärt werden.

Pageflow funktioniert nicht für jedes Thema gleich gut. Das Umbauen von TV-Reportagen in Pageflow-Reportagen kann schwierig sein, besser funktionieren laut Domke Geschichten, die speziell für Pageflow konzipiert sind wie die Mountainbike-Story “Rasant durch den Wald“. Damit man nicht in den Wald kommt, “empfiehlt es sich bei der Planung, mit einem Storyboard zu arbeiten und dort festzulegen, welcher Inhalt auf welchen Seitentyp kommt”, sagt Stefan Domke. Die Abwechslung aus Foto, Text, Audio und Video macht eine gelungene Web-Reportage aus.

In Zukunft sollen auch noch Daten dazu kommen: Codevise arbeitet daran, dass sich auch Datawrapper-Grafiken einbauen lassen. Weitere Features, die in der Pipeline stecken:

  • Vorher-Nachher-Fotovergleich: Zwei Fotos, die im Abstand von einigen Jahren, von der exakt gleichen Perspektive aus aufgenommen worden sind, werden übereinander gelegt und lassen sich per Schieberegler direkt miteinander vergleichen
  • 360 Grad-Fotos, bei denen sich bestimmte Punkte markieren und mit einem Mehrwert-Link versehen lassen.

Der WDR will nun jedermann von der Entwicklung von Pageflow profitieren lassen, schließlich wurde das Programm mit Gebührengeld finanziert. Seit dem 5. Mai steht der Sourcecode unter www.pageflow.io zum Download zur Verfügung. Man sollte sich dazu allerdings mit der Programmiersprache Ruby auskennen und mit Servern umgehen können. Es kann lizenzfrei für eigene Websiten angepasst werden, “besonders interessant ist das kostenlose Werkzeug für Blogger und kleinere Web-Projekte von Initiativen, Verbänden oder Studenten”, schreibt der WDR in der zugehörigen Pressemitteilung. Und die Kölner haben auch nichts dagegen, wenn die Community Pageflow weiterentwickelt und eigene Features programmiert. Willkommen in der schönen neuen Reportagen-Welt!

Crosspost von Torial

Wie Journalisten ihre digitale Kommunikation schützen sollten – Teil 1/2 (ABZV Videoreporter Folge #9)

Vor einigen Monaten hatte Matthias Eberl hier auf onlinejournalismus.de einen Beitrag veröffentlicht, in dem es um die Frage ging, was wir als Journalisten nach dem NSA-Skandal tun müssen. Ein Text, der es – neben vielen anderen Beiträgen zu diesem Thema – auf den Punkt bringt.

Die Frage ist: Wieviel hat sich in den Redaktionen eigentlich getan seit dem größten Datenskandal der Geschichte? Wer nimmt das Thema so ernst, dass er auch wirklich aktiv etwas ändert an der eigenen digitalen Kommunikation? Wenn man mal stichprobenweise in die Impressen der Online-Dienste deutscher Zeitungsverlage blickt, fällt auf, dass gerade mal eine Handvoll Redakteure verschlüsselte Kommunikation öffentlich anbietet.

Für die neunte Folge der Serie ABZV Videoreporter habe ich Albrecht Ude (Researcher und Recherche-Trainer), Christian Stöcker (Ressortleiter Netzwelt bei Spiegel Online) und Patrick Beuth (Redakteur im Digital-Ressort bei Zeit Online) um Einschätzungen und Ratschläge gebeten. Am 23. Mai wird der zweite Teil erscheinen ist der zweite Teil erschienen.

Das Video steht unter der Creative Commons Lizenz (BY-NC-ND 3.0 DE), das heißt Teilen, Verbreiten und Einbetten in andere Kontexte ist erwünscht, solange dies zu nicht-kommerziellen Zwecken geschieht.

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